Der innere Strand

Essay Der im Kapitalismus domestizierte Bürger ist nicht resilient, wenn die Betäubungsmittel des Alltags wegfallen. Eine Entblößung des Seins
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der innere Strand
In der Corona-Zeit hat vielleicht so mancher von uns den Fischer im böllschen Sinne in sich entdecken können (Symbolbild)

Foto: -/AFP via Getty Images

Es sei ja gar nichts mehr zu tun, sagte mir ein Freund, als der Lockdown seinen Höhepunkt erreicht hatte, und er ist damit ein Beispiel für viele. Die Menschen fühlten nach dem Wegfall des äußeren Gerüsts eine Leere, die mit innerer Anspannung einherging. Die Sinnfrage stellte sich nach kurzer Zeit. Was sollte man bloß mit der vielen Zeit anfangen, die man für sich nutzen könnte, aber die meisten verlernt haben, diese für sich zu nutzen. Der Mensch ist im Kapitalismus daran gewöhnt worden, dass Freizeit eine Mangelerscheinung ist. Nun hatten die Menschen per se viel Zeit aber kaum mehr Koordinaten, was man machen konnte. Oder eben nicht. Denn Muße ist auch die Zeit, in der man mal einfach nichts macht. Aber wie ging denn das gleich nochmal? Alles, was vorher als normal galt und Menschen, die diesen Dingen avers gegenüberstanden, galten mindestens als komisch, war nun durch einen nicht sichtbaren Virus gefährlich: Menschenmassen, volle Züge, Urlaubsreisen, abendliche Geselligkeit.

Bringt uns ein Virus unserem Sein wieder näher?, könnte man fragen und man kann das wohl mit Ja beantworten. Die Menschen sind im Kapitalismus zu einem dauernden Brumkreisel verkommen, der innen so leer ist, das es einen fürchten kann. Ein Buch heißt Die Paradoxie der Erfüllung (Martin Seel, Suhrkamp) und thematisiert (Hinweis: wissenschaftliches Buch, nicht als "Ratgeber" fürs Lesen am Strand vorgesehen) das, was die Menschen grad empfinden: endlich Ruhe und doch nur Lärm im Inneren. Wenn man das bekommt, was man immer verlangte, ist nichts gleich super.

Urlaub ist auch nur Arbeit in Bademode

Sicher, Existenzängste plagen einige, aber wahrlich nicht alle. Viel mehr die Sorge vor der dröhnden Erkenntnis, dass da innen eben nicht viel ist. Die Menschen denken, sie hätten Interressen, aber das ist ein Trugschluss. Sie sind zum Arbeiten und Geldausgeben erzogen worden, die Art und Weise variiert, mal mit mehr oder weniger Lametta, aber grundlegend ist es nur eins: Geld ausgeben und somit Anschlussverpflichtungen schaffen. Das Bild, in Ruhe am Strand zu sitzen, ist eine Fama. Denn das gibt es so leider nicht. Wenn dann wird am Strand sitzen geplant, es wird aufwendig hingefahren und ohne dass derjenige es wirklich wahrnimmt, wird beim Hinsetzen schon das Gehen geplant. Es gibt kein rastloses Verweilen, die inneren Landschaften sind grau, betoniert und hoch. So wie die Zweckbauten in denen die Menschen arbeiten, sich in Aufzügen in Sekunden hoch- und runterschießen lassen und nicht protestieren, wie unmenschlich das sei. Sie sitzen in Transportmitteln wie Vieh und geiern auf Meilen. Sie wurden erzogen, sich selbst zu verkaufen, hinzugeben, klaglos die Reisescham auf sich zu nehmen. Urlaub ist auch nur eine Art Arbeit mit anderer werblicher Konnotation.

Kann ich das haben oder will ich das haben?

Die Millionerbin Ise Bosch sagte in einer Reportage über Reichtum, ihr sei bewusst, das für sinnvolle Arbeit oft kein (oder nicht ausreichend) Geld bezahlt würde. Menschen, die sich aber für das Materielle entschieden haben, sind ebenso, wenn nicht gar mehr, in der Zwickmühle. Sie haben sich an den Kapitalismus verkauft. Der "big exit", genug Geld zu haben und von allen Existenzsorgen befreit zu sein, erfüllt sich in aller Regel nicht. Für ein handtuchgroßes Stück Rasen in einem gesichtslosen Neubaugebiet, haben sie sich in ein Konstrukt der Abhängigkeit ergeben. Irgendwann kommt dann die Erkenntnis: nun ist es auch zu spät. Der Tod wird dann zur Alltagsbefreiung.

Konsum bzw. die Beschaffung von Gegenständen ist nicht grundlegend falsch oder gefährlich. Die Frage ist nur, was man wirklich will. Oder was die Gruppe will oder diese Gruppe insinuiert, was man zu haben hat, um Teil ihrer sein zu dürfen. Ise Bosch sagt in gleicher Reportage auch, dass sie sich die Frage stellt, ob sie etwas wirklich haben will. Denn mit ihrem ererbten Vermögen kann sie sich beinahe alles leisten. Ergo aus "Kann ich das haben?" ist bei ihr "Will ich das haben?" geworden. Ein sehr weiser Satz, der auch funktioniert, wenn man nicht so ein großes Vermögen besitzt. Denn jeder Traum ist in gewissen Sequenzen der Erfüllung eine unerfüllbare Phantasie.

Jeder Traum ist sequenziell in der Erfüllung frustran

Das teure neue Auto ist nach kurzer Zeit eben nicht mehr der Kick; es ist schön, aber es ist nicht dieser Balsam wie beim Erwerb. Doch zu der Erkenntnis kann nur derjenige kommen, der auf seiner jeweiligen Konsumebene sich dieses Mechanismus' der Konsumwerbung bewusst wird. Nur dann kann man Konsum sinnvoll einsetzen. Und ihn für sich begrenzen. Wenn der Bezahldienstleister anbietet "zahlen Sie erst in 14 Tagen", muss die innere Stimme schreien: Auf keinen Fall! Das ist etwas, was viele verdrängen: Kaufen macht nur dann Spaß, wenn man es sich wirklich leisten kann. Alles, was auf Rille oder auf die nächste Gehaltszahlung geiernd gekauft ist, ist ein Risiko und macht unterbewusst doch nur Sorgen. Es gilt der Erkenntnis ins Auge zu blicken, dass man sich gewisse Dinge einfach nicht leisten kann. Und vielleicht auch in diesem Leben nie. So what?, muss die innere Stimme dann sagen. Es ist egal, denn dieser (negative) Mechanismus funktioniert auf jeder Einkommensstufe. Auch der Millionär ärgert sich, dass der Nachbar an der Cote (d'Ázur) sich ein längers Boot oder ein noch besser getuntes Auto leisten kann. Die Zufriedenheit in der aktuellen bzw. dauerhaften Ebene zu finden, ist die Kür des Lebens. Wenn die "Coaches" in den sozialen Medien schreien "du musst es nur wollen", "jeder kann alles schaffen", dann ist das der Imperativ, der indirekt sagt: du bist zu faul, schaff mal mehr, das reicht doch alles nicht. Das ist eine sehr, sehr böse Masche. Denn nicht jeder kann alles schaffen. Nein. Das wäre widernatürlich. Man kann Menschen dazu fördern, mehr oder anderes (besser) zu schaffen, aber jeder hat seine Maximalkurve und die gilt es zu akzeptieren.

Mit Kafka am Beton?

Wo aber soll man nun in seiner Existenz sein Handtuch hingelegen?, wäre die wichtige Frage, die es in jahrelanger Eigenreflektion zu beantworten gilt. Es gibt dazu keine Pauschalantwort. Sie ist changierend und wenig in Worte zu fassen, da das innere Gefühl nicht wahrhaftig in Worte zu fassen ist. Nur soviel: es muss passen. Man kann sich in einem finanzierten Reihenhaus mit Minigarten wohlfühlen. Aber das ist wahrlich kein Muss. Der Genuss einer Entscheidung oder das Aushalten der Folgen einer Entscheidung liegen in der vorangegenen wahrhaften Freiwilligkeit der Entscheidung. Hat man sich wirklich durch seinen inneren Willen bewusst dafür entschieden? Oft ist das eben nicht der Fall, so sehr Menschen dem auch widersprechen. Es ist anzunehmen, dass keine Entscheidung ganz frei entschieden werden kann ohne das das immer in irgendeiner Art anwesende Umfeld berücksichtigt wird. Wenn das Selbst aber auch im Verzicht oder dem Konsens stabil bleibt, ist viel gewonnen. Dabei sollte man immer (das ist eigentlich anekdotisches Pflichtwissen) an die Fischer-Geschichte von Heinrich Böll, die er zum Tag der Arbeit im Jahr 1963 für den NDR schrieb, denken. Wenn man ruhig am Hafen chillen will, ist der externale Leistungs- und Erreichungsgedanke irrelevant, weil das antizipierte Zufriedenheitsgefühl sich durch Erreichung von Zielen (insbesondere der Gegenstandsbeschaffung), welche durch den Leistungsgedanken implementiert wurden, nicht einstellen wird. Wenn Sie also ruhig irgendwo rumliegen und nicht unruhig werden: Well done!

Die Frage ist und bleibt: Will ich das haben, kaufen oder sein? Und dann, dann ist es plötzlich ganz einfach.

16:22 12.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 3