Die Dichotomie der digitalen Nahdistanz

Interview Petra Hardt verhandelte Jahrzehnte die Auslandsrechte des Suhrkamp Verlags. Nun lebt sie in zwei Welten auf zwei Kontinenten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Die Dichotomie der digitalen Nahdistanz
Flipp-flapp, das waren noch Zeiten

Foto: Imago / Bonn-Sequenz

Distanz schafft Nähe. Schafft Distanz auch Liebe?
Schafft Distanz Nähe? Habe ich das geschrieben? Distanz schafft bei mir weder Nähe noch Liebe. Die Liebe ist da und nicht angefochten. Nicht in der Beziehung zu Kindern und Enkeln. Die Distanz steigert jedoch die Sehnsucht nach den geliebten Menschen in der Ferne ins Unermessliche. Es gibt Tage, da ist diese Sehnsucht nicht auszuhalten und man möchte durch den Atlantik schwimmen und zu Fuß die USA durchqueren, um in Kalifornien anzukommen.

Wie lange braucht Ihre Seele in die USA?
Eine interessante Frage. Es ist sehr unterschiedlich. Und immer wieder überraschend. Manchmal kommt die Seele gleich nach Beendigung des jetlag an, manchmal dauert es länger.

Kann Technik die Distanz mildern oder gar vergessen machen?
Die digitale Technik macht es möglich, dass wir uns jederzeit sprechen und sehen können, dass wir am Leben des „Ferngeliebten“ teilhaben können. Da man sich aber nicht berühren kann, macht die Technik die Distanz noch sichtbarer. Eine Dichotomie.

"Entfernungen erscheinen unüberwindlich"

Wann war Distanz unüberwindbar schmerzhaft für Sie?
Als ich wegen der Pandemie im März 2020 die USA verlassen musste und wir als Familie nicht wussten, wann wir uns wiedersehen.

Was hat die Pandemie mit Ihrem Gefühl für Entfernungen gemacht?
Wenn man nicht zueinanderkommen kann, scheinen Entfernungen unüberwindlich. Wie die Besteigung des Mount Everest oder die Durchquerung der Wüste Gobi. Und es ist unabhängig davon, wie groß die Entfernung ist. Diese Erfahrung haben alle Menschen während der Pandemie gemacht. Was das für Konsequenzen in Bezug auf die Bewertung von Entfernungen und Reisegewohnheiten nach der Pandemie haben wird, kann ich jetzt nicht einordnen.

Roger Willemsen sagte einmal, wenn er nicht mehr reisen könne, wäre das eine schlimme Zäsur. Was bedeutet für Sie die virushemmende Subjektfixierung?
Schön, dass Sie Roger Willemsen erwähnen. Einer der Feinsten und Klügsten von uns allen. Ich denke, Herr Willemsen dachte nicht an eine Pandemie, sondern an gesundheitliche oder altersbedingte Reisebeschränkungen. Wenn die Familie nicht in der Ferne wäre, würde mir eine zweijährige Reiseabstinenz nichts ausmachen. Wir alle warten gerade, dass wir wieder aufbrechen können. So viele freie Grenzen und die Pandemie durchbricht unsere Planungen. Eine existenzielle Erfahrung für alle.

Ihre Enkel leben im Valley. Leben Sie dort gut?
Sie sind in Palo Alto geboren. Sie leben gut in Kalifornien.

Warum sehen Sie sich nicht im Valley?
Es ist zu weit weg von Europa.

Wie war es für Sie, nun selbst ein Buch zu schreiben?
Ein Versuch, eine wertvolle Anstrengung, eine Erleichterung für das Gelebte Worte gefunden zu haben, die bei den Lesern*innen auf Interesse stoßen.

"Ich liebe es, Verlagsurgestein zu sein"

Wenn es einem nicht so einen vergangenen Anstrich gäbe, würde ich Sie gern ein „Verlagsurgestein“ nennen. Vierzig Jahre Suhrkamp Verlag, vierzig Jahre das Handeln mit dessen Auslandsrechten. Mögen Sie den verlagsunerfahrenen Lesenden das kurz erklären?
Ich liebe es, ein Verlagsurgestein zu sein. Das ist eine Auszeichnung. Es war vor allem der Wandel vom analogen zum digitalen Zeitalter und die Öffnung der Buchmärkte, die meine Arbeit veredelt haben. Das war Glück. Ich habe nichts dazugetan. Die Werke der Suhrkamp Autoren (es folgt eine kleine Auswahl): Habermas, Adorno, Benjamin, Scholem, Hesse, Frisch, Koeppen, Handke, Celan, Marcel Beyer, Ralf Rothmann, Christa Wolf, Volker Braun, Heiner Müller zu vertreten ist eine Ehre. Als Lizenzhändler sprechen sie mit Menschen, die sich für die Werke der Suhrkamp Autoren*innen interessieren und teilweise unter widrigen zensorischen oder wirtschaftlichen Umständen ihren Mut aufbringen, um Literatur und Wissenschaft in die Welt zu bringen. Was soll man da noch sagen?

Wenn Siegfried Unseld mit seinem Jaguar auf den Hof fuhr, fühlten Sie sich geborgen. Warum?
Es wurde mir von Herrn Dr. Unseld Anerkennung und Anspruch zuteil. Besser kann man nicht arbeiten und dies erzeugt Geborgenheit im Tun.

Sie waren, wie Raimund Fellinger, gegen den Umzug des Verlags nach Berlin. Warum?
Es hatte eher private Gründe. Ich wollte nicht nach Berlin ziehen. Ich wollte auch nicht, wie einige andere, pendeln. Ich wollte aber unter allen Umständen bei Suhrkamp bleiben. Also gab es für mich zu dem Umzug keine Alternative. Außerdem war es der richtige Schritt für den Verlag. Von der Bonner in die Berliner Republik.

Bei Handke muss man nicht viel erklären

Die Werke werden in Mandarin ein Drittel kürzer. Werden Sie denn dort auch verstanden oder handelt man statt mit zu lesenden Büchern, mit zierenden Buchrücken?
Die Germanistik in China und Taiwan ist sehr stark. Wir werden sehr gut verstanden. Die Germanist*innen und Übersetzer*innen tragen die Inhalte in die chinesischen und taiwanesischen Verlage. Die Verleger orientieren sich an den Empfehlungen ihrer Landsleute. Zudem gibt es den internationalen Kompass. Ist der empfohlene deutsche Autor*in auch in andere Sprachen übersetzt? Kann ich als chinesischer Verleger*in die Werke des deutschen Schriftstellers*in eventuell durch eine andere Sprache, die ich verstehen kann, lesen und kennenlernen. Als ich 2004 nach China kam und gewahr wurde, es gibt keine Übersetzungen der Werke von Thomas Bernhard und Paul Celan, haben wir uns gezielt darum gekümmert, für beide ein Netzwerk über die Universitäten aufzubauen.

Die Bedeutung des Werks von Peter Handke ist für mich mehr ein Gefühl als eine Sammlung von Worten. Wie bringt man Verlegern aus anderen Kulturkreisen so ein Werk wahrhaftig nahe?
Schon vor dem Nobelpreis war Peter Handke einer der meistübersetzten Autoren der Welt. Eine große Verbreitung in 40 Sprachen. Bei den Werken von Peter Handke muss man nicht viel erklären. Die Verleger*innen, die seine Werke publizieren, die Theaterhäuser, die seine Stücke spielen, kennen Handkes Werke. Herr Fellinger hat für uns als sein Lektor eine Liste mit Werkgruppen angelegt, die auch für unsere Gespräche sehr hilfreich war. Es geht bei diesen großen Autoren*innen nicht um das ob, sondern um die richtige Positionierung der Novität, der Werke aus der Backlist, Nachauflagen.

Was bedeutete Vertrauen für Ihre Arbeit?
Im Bereich Rechte und Lizenzen gibt es für jeden Vorgang einen Vertrag, der auf der Basis gegenseitigen Vertrauens die Sachverhalte regelt. Zusätzliches Vertrauen ist nicht notwendig. Die Dinge haben ihren eigenen Lauf. Übersetzungen erscheinen oder auch nicht. Filmprojekte werden realisiert oder auch nicht. Autoren*innen beenden ihre begonnenen Werke oder auch nicht.

SV = blau

Was war eine herbe Enttäuschung für Sie?
Dass weder Christa Wolf noch Friederike Mayröcker den Nobelpreis erhalten haben.

Hat man Sie mal übervorteilt?
Nein.

Sind Sie bei einem Geschäftspartner mal in ein kulturbedingtes Fettnäpfchen getreten?
Durch die Vorbereitung auf die Gespräche habe ich versucht, kulturbedingte Fettnäpfchen zu vermeiden. Gegenseitiges Interesse und Neugierde auf andere kulturelle Kontexte, sowie Respekt gilt für jeden Gesprächspartner.

Ein Buchhändler sagte mir letztens: „Abends schaue ich RTL II, kein Bock auf die scheiß Bücher“. Wie waren Ihre Abende nach langen Verlagstagen?
Am liebsten Abendessen mit Freunden.

Was ist Suhrkamp für eine gefühlte Farbe für Sie?
In jedem Fall: blau

Und was fühlen Sie, wenn Sie an den Verlag heute denken?
Eine tiefe Dankbarkeit.

Ist Lesen im klassischen bildungsbürgerlichen Sinne eine aussterbende Veranstaltung?
Fragen Sie mich in zehn Jahren nochmals. Es ist in allen Ländern der Welt Bestandteil des Bildungskanons. Bleiben die Menschen ein Leben lang am Lesen? Ich denke, ja. Sind die Kindheit (Vorlesen) und die Zeiten nach der Erwerbstätigkeit Leseschwerpunkte? Verändert das ständige Lesen in den Sozialen Netzwerken die Lesegewohnheiten? Geht ein Anteil des Lesens zum Podcast? Perspektivische Fragen finde ich schwierig zu beantworten.

Lesen als Nahrung

Im Steidl Verlag erschien das essayistische Buch Wozu lesen? von Charles Dantzig. Warum lesen Sie?
Ich habe immer gelesen. Ich kann mir ein Leben ohne Lesen nicht vorstellen. Ich lese oft drei Bücher parallel. Literatur, Krimi, Sachbuch oder Wissenschaft. Erkenntnis, Lernen, Unterhaltung, Perspektive, Nahrung, Vergnügen: es gibt so viele Stichworte zum Lesen.

Ihre Vorgängerin, Helene Ritzerfeld, arbeitete bis sie starb. Was bedeutete für Sie das Loslassen von der Arbeit und somit auch von Macht?
Die Chance, mich in Ruhe auf die Ewigkeit vorzubereiten.

Welcher Schriftsteller sei kein Kotzbrocken, sagte Raimund Fellinger in seinem großen SZ-Interview. Welche Bonmots mit Autor*innen können Sie uns schenken?
Eines von Fellinger: Wir sind auf dem Weg zum Abendessen zu Fellingers Lieblingssarden in der Husemannstraße, Prenzlauer Berg. Fellinger sagt: Der Autor XY ist dumm. Ich schaue erstaunt zu ihm auf und sage: wenn der Autor XY dumm ist, dann bin ich auch dumm. Fellinger sieht mich an und antwortet: Anders.

Petra Hardt: Fernlieben. Suhrkamp Verlag 2021, 12€

Petra Hardt, geboren 1954 in Frankfurt am Main, studierte Romanistik und promovierte über die Lyrik der französischen Resistance. Vierzig Jahre war sie im Verlagsgeschäft tätig und handelte die Rechte für viele bekannte Autor*innen. Über zwei Dekaden arbeitete sie dabei für den Suhrkamp Verlag. 2019 verabschiedete sie sich in den Ruhestand. Petra Hardt lebt in Mannheim und Berlin.

22:48 06.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan C. Behmann

freier Autor • "Von Ihrem Tun und Wirken, läse ich gern weiter.“ Peter Handke.
Jan C. Behmann

Kommentare