Die Lust an der Vernichtung

Schweinsteiger/Suter Das Feuilleton zerreisst genüsslich das neue Buch von Martin Suter über Bastian Schweinsteiger. Warum sehen wir erfolgreiche Menschen so gern scheitern? Ein Essay
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Martin Suter beim 11. Zürich Film Festival 2015
Martin Suter beim 11. Zürich Film Festival 2015

Foto: Lennart Preiss/Getty Images

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Es ist eine Krux mit dem Erfolg. Wenn man ihn hat, will man ihn immer wieder. Wenn ihn andere haben, ist es wie Muskelkater, deren Erfolg ertragen zu müssen. Scheitern Menschen, die lange Zeit erfolgreich scheinen (das „sein“ ist eine ganz andere Ebene), dann ist es eine Kettenreaktion der Anderen diese Person mit sämtlicher Verachtung unter dem Deckmantel der sachlichen Kritik herabzuwürdigen. Zu behaupten, es gebe nur eine Ebene und diese sei dann die tatsächliche, ist weltfremd. In allen Bewertungen, egal ob positiv oder negativ, schwingen viele, teils in sich verwobene Metaebenen mit. Jeder Psychoanalytiker weiß, wovon der Rezensent schreibt.

Martin Suter hat, was Verkaufszahlen und Medienwahrnehmung angeht, seit seinem ersten Buch Small World (Diogenes, 1997) eine kontinuierliche Erfolgsphase, wie sie nur wenigen Autoren beschieden ist. Das an sich kann jemand als großes Glück sehen und versuchen wahrzunehmen. Nichtsdestotrotz ist das, was Martin Suter nun erleben muss, eine Schmach für ihn, die ihn sicherlich trifft und traurig macht. Ja, Sie lesen richtig, der Rezensent nimmt an, dies mache ihn traurig. Auch das eine Schimäre der breiten Masse, erfolgreiche Menschen könnten gar nicht mehr traurig sein. Mehrere Häuser, Autos, Urlaube. So stellt der Kapitalismusdomestizierte Mensch sich das finale Glück vor. Mitnichten ist das so. Jim Carrey soll gesagt haben, dass er sich wünsche, jeder würde reich und berühmt werden. So könnten alle erkennen, dass das nicht die Lösung sei. Egal ob das Zitat von Jim Carrey stammt oder nicht, es sagt viel aus über die verquere Meinung über innerliche Zufriedenheit und der Fähigkeit sowie der Dauerhaftigkeit von Glück. Generell ist das Glücksgefühl nur etwas von kurzer Dauer Erlebbares für Menschen (vgl. dazu Interview mit Rebecca Böhme: Langfristig macht uns gar nichts glücklich) und die Prolongation dieses Gefühls ist in der utilitaristischen Herangehensweise nur für die vorstellbar, die es – warum auch immer – nicht erwerben können. Sie leben also von der Wunschvorstellung der Herstellbarkeit von dauerhaftem Glück durch dinglichen Konsum. Das könnte nur funktionieren, wenn dieser Konsum, diese Anhäufung von Gegenständen zu einer Depersonalisierung und Verhärtung der inneren emotionalen Welt eines Menschen führen würde. Bei manchen „Promis“ in den sozialen Medien könnte man das fast meinen.

Wer gibt das Recht zu bewerten?

Bei Martin Suter ist anzunehmen, dass er noch sehr menschlich ist und der nun ausbleibende Erfolg ein Schmerz ist, der ihn trifft. Dass der bisherige Erfolgsstrahl die nun einsetzende Emotionswelt vollkommen ausgleichen könnte, ist eine falsche Annahme. Und mit dieser These greift die Frage nach dem, wie hart wir bei der Literaturkritik wirklich draufhauen dürfen, sollten oder überhaupt müssen. Der Rezensent sieht die Art und Weise das Werk und Schaffen eines Individuums ungefragt zu bewerten und dann ggf. herabzuwürdigen, zukunftsgewandt kritisch. So wie wir den Schulbetrieb von vor fünfzig Jahren als großen Fehler aus heutiger Sicht wahrnehmen und verstanden haben, das Rohrstock und seelisches Herabputzen Menschen weder fördert, noch fordert, sondern nur langfristig, still und leise, schädigt wie Salzsäure an einem Fundament. In der Kritik von schöpferischen Werken greift da eine Lust an der Kritik, die teils schwer überzogen, unbegründet absolutistisch und eher lustbefriedigend wirkt. Es ist ein Machtkonstrukt, dessen Notwendigkeitsgrundlage wir diskutieren sollten. Das Internet hat dabei schon viel an Liberalismus und Demokratisierung geschaffen. Waren es früher sehr wenige menschliche Individuen, die ein Werk eines Menschen in den Himmel loben oder vernichten konnten, ist der Pyramidaleffekt durch die Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung ein Ventil für die Entmachtung. Die Basis wird ungemein breit, die Zugänglichkeit zur Bewertung steht auch Menschen offen, die nicht durch unklare Wege der Befähigung an einer öffentlichen Stelle sitzen. So haben Werke auch eine Chance, die nicht den zeitgenössischen Ansichten einer Kleingruppe mit Sendeanschluss entsprechen. Damit ist schon viel geschafft. Sicher, es bahnt sich auch Kritik den Weg in die rezipierenden Massen, die gering fundiert ist – doch die Nutzer haben eine viel größere Wahl, wem sie den Glauben zur Bewertungsfähigkeit schenken wollen.

Martin Suter muss jetzt für seinen jahrzehntelangen beruflichen Erfolg herhalten. Innerlich denken wohl viele (ob bewusst oder eher unbewusst): Hah, endlich kann man ihm mal richtig den Maßanzug vernähen. Das würden alle Kritiker natürlich verneinen. Um da eine wahrhaftigere, ausdifferenziertere Antwort zu bekommen, bräuchte es eine Couch und eine Ausbildung. Um die wahren oder besser wahreren bzw. zutreffenderen Metaebenen aus Menschen zu destillieren, ist harte geistige Arbeit nötig. Generell sind die inter- und intrasozialen Funktionsmechanismen viel komplexer in einer uns im Alltag eigentlich völlig überfordernden Multidimensionalität. Natürlich ist das Projekt, eine „Romanbiografie“ eines „Helden“ zu schreiben, ein zahnloses Unterfangen. Der „Held“ ist Profi genug, er ist finanziell bestens ausgestattet (Stichwort "Family Office") und generell müsste er gar nichts mehr machen, außer zu leben (Was im Leben aber eben auch nicht funktioniert, siehe wieder Jim Carreys angebliches Zitat). Woraus Geschichten Spannungen beziehen, sind Brüche und Wendungen, Untiefen und Zufälle. Bei der Beschreibung eines beruflich sehr erfolgreichen Lebens, ist es natürlich schwierig, etwas Negatives auszustaffieren, weil es nun völlig unnötigerweise der realen Person schaden würde. Das passt weder zu Suters menschenfreundlicher Art, noch hat das jemand vom Format eines Bastian Schweinsteiger nötig.

Fleisch am Knochen

Bei Neonlicht muss man der Idee zu diesem Projekt attestieren, dass sie nett gedacht war, sicher auch hehre Elemente hat, Menschen zu begeistern und ans Buch zu führen und klar auch ein Umsatzschlager werden soll(te). Wer wegen des Wunsches nach monetärem Erfolgs verächtlich die Nase rümpft, den erinnert der Rezensent gerne an Mario Basler in einer Fernsehsendung als er aus dem Publikum für die hohen Spielergehälter angegangen wurde. Er meinte: „Du würdest es (gemeint das Gehalt, Anm. d. A.) doch auch nehmen!“ Und damit hat er in unseren kapitalistischen Breitengraden einfach recht. Wer frei davon ist, möge den ersten Stein werfen.

Das Buch hat sich nun im kalten Licht der veröffentlichten Realität als ein eher seichtes, eher naiv im Ton verfasstes Werk herausgestellt; was ja mitnichten schlecht sein muss. Es kann einen Werksinn auch erst begründen. Das Verschieben des Veröffentlichungstermins hat dem Projekt schon die Anmut verliehen, dass Suter sich vielleicht damit mehr abmüht als vor allem er selbst erwartet hatte. Suter ist ein harter Arbeiter am Schreibtisch. Er ist für seine Stringenz in der Zielerfüllung bekannt.

Man kann ihn aber auch verstehen. Es gibt Projekte, bei denen man initial denkt: Wow, das machen wir! Los gehts! Und in der Entstehung macht sich subtil immer mehr das Gefühl breit, dass da doch recht wenig „Fleisch am Knochen“ ist. Journalisten kennen das Phänomen von Interviews. Man erwartet eine Perlenkette an Weisheiten und hört später das Band ab und denkt sich: der Interviewpartner hat ja gar nichts „gesagt“. Dass Projekte scheitern ist aber ganz normal. Das müssen wir verinnerlichen. Und dass Projekte unter der ersten enthusiastischen Betrachtung besser wirken als sie wirklich sind, kennen viele von uns. Wir nennen es im Alltag oft „Schatz“.

Hier braucht man sich bei Martin Suter keine Sorgen machen. Seine Frau Margrith wirkt wie eine fürsorgliche, rückhaltgebende Person. Und das sollte die Kritik auch lernen mehr zu sein. Mehr das Scheitern zu akzeptieren, mehr Höflichkeit in der Bewertung und mehr Freistellung der bewertenden Meinungsbildung durch die Rezepierenden. Wir lernen immer mehr, dass die Welt so, so, so vielfältiger ist, als wir immer dachten bzw. unsere Vorgenerationen uns vorlebten. Vielleicht ist Suters Werk also für viele Menschen ein Segen – nur wir nehmen diese gar nicht wahr. Weil es auch nicht in unser Bild passt, und die Menschen es ihm mal gönnen, zu straucheln. Wie eine Wurmkur. Aber das ist eben der Fehler. Der Mensch muss Gönnen-können (wieder?) lernen. Und zu diesem Gönnen gehört auch die Reduzierung der negativen Lust der Vernichtung bei Angreifbarkeit meines Gegenübers. Auf Martin Suter nun einzuschlagen und sich in dieser Social-Media-Alleswisserpose zu echauffieren ist billig und wertlos. Mach´ doch erstmal selber!, will man rufen. Hinterher weiß man alles besser. Denken Sie wieder an die Scheidungsrate. Der Mensch ist ein fehlerhaftes, fehlergenerierendes und ab und zu scheiterndes Wesen. Aber den Umgang damit, diese Ausartung von fast schon erotisch anmutender Gehässigkeit muss sich reduzieren. Man schädigt Menschen damit, egal, was vorher durch diese erreicht wurde. Die Würdigung eines Menschen sollte sowieso nicht an seinen „Erfolgen“ gemessen werden und selbst wenn man das relativ koppeln wollen würde, ist es eine ziemliche Unhöflichkeit, Menschen sofort in ihrem Ansehen zu degradieren, nur weil sie mal (je nach Sichtweise) falsch lagen. Wer Martin Suter liest und sich mit ihm beschäftigt, sollte wissen, dass er sein Bestes versucht – so wie wir alle, irgendwie. Die Wertschätzung eines Autors sollte nicht wegen eines nicht so gelungenen Romans Einbuße erfahren; ganz im Gegenteil. Und auch das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Sobald etwas mal nicht klappt, werden die Zugbrücken der Zuneigung hochgezogen. Alles wird weggewischt wie auf dem Smartphone. Scheitern sollte aber genau das Gegenteil bewirken.

Der Kritik die Stirn bieten

Der Diogenes Verlag, dem Suter seit jeher die Treue hält und in dessen Programm er mit seiner ganzen Art perfekt passt, hält sich mit dem Durchteilen der Rezensionen bedeckt. Natürlich ist das nicht schön, wenn einem der großen Autoren des Hauses so allumfassend von fast allen relevanten Stellen ein "Scheitern" attestiert wird. Und nach der sicherlich großen Vorbereitung, dem Aufwand und sicher auch einer nicht unerheblichen Vorinvestition in dieses Werk (allein eine solche Pressekonferenz kostet viel Geld). Der Rezensent möchte Verleger Keel aber raten, in den "Angriff" zu gehen. Rezensionen zu teilen und zu sagen: Die Kritik meint, Martin Suter sei gescheitert. Was sagen Sie? Den Ball an die Lesenden ausspielen. Die die dem Verlag den Auftrieb unter den verlegerischen Flügeln geben. Der "alten" Kritik aus Medienkonzernen die neue Art der Eigenständigkeit in der Selbstexistenzberechtigung zu beweisen. Zu zeigen, dass man zu sich, seinen Entscheidungen und vor allem zu seinem Autor steht. Vielleicht ist Scheitern der viel ehrlichere Erfolg? In den meisten Romanen, ist das sogar so. Martin Suter hat eine Grundweisheit, bevor er ein neues Projekt beginnt: Keinen ersten Satz ohne den letzten Satz. Er muss das Ende der Geschichte kennen, um einen funktionierenden Plot daraus konstruieren zu können. Zwei Romane gingen für Suter deswegen bisher in den Papierkorb. Der Rezensent ahnt, dass im vorliegenden Fall dort das Problem zu verorten sein könnte: Vielleicht lag die Ankündigung des Projekts und damit der entstandene Druck zum Schaffen eines adäquaten Werkes vor dem letzten Satz.

Info

Martin Suter: Einer von euch. Bastian Schweinsteiger.384 Seiten. Diogenes Verlag 2022, 22€
Website des Autors:martin-suter.com

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan C. Behmann

freier Autor • "Von Ihrem Tun und Wirken, läse ich gern weiter.“ Peter Handke.
Jan C. Behmann

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