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Meinung Die meisten Menschen haben ihr inneres Ausland noch nie betreten. Das ändert sich nun zwangsweise und wird Folgen haben
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Das innere Ausland

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Wenn Freud vom inneren Ausland sprach, meinte er die Bereiche unseres Seins, die wir bewusst zumindest nie freiwillig betreten und die auf der Eroberungskarte des klaren Denkens ganz weit unten stehen. Es ist der schmuddelige Keller, den wir nur allzu gern vergessen. Der Kapitalismus sorgte durch eine immerzu bestehende Reizbeschallung für ein völliges Verstummen dieses Kellers. Das innere Ausland wirkte im spätkapitalistischen Zeitalter fast verschwunden.

Nun hat sich in weniger als zwei Wochen das Leben der allermeisten Menschen grundlegend verändert. Und für diese nicht zum erhofften Gegenteil der allgegenwärtigen Überforderung im Alltag. Denn das was die meisten Menschen als Freizeit derzeit definierten, war nichts anderes als der Spiegel der durchgehend leistenden Gesellschaft. Zur Ruhe kommen, hieß wieder aufbrechen, reisen, auf dem Weg sein. Und somit nicht ankommen. Der Mensch ist in unserem Zeitalter eine dauergeschüttelte Schneekugel, das innere Ausland das, was zutage käme, wenn der Schnee (unser Alltag) sich setzen würde. Eine Chance dafür bietet sich einem in die Zangen des Arbeitsalltags eingespannten Menschen nicht. Urlaub war lediglich Leistung an einem anderen Ort - und mit kurzer Hose.

Leistung sucht neue Wirkwege

Jetzt wurden die Baumärkte geschlossen, und auch die Restaurants, denn diese wurden in der agitierten Konsumgesellschaft zu den Austragungsorten des nicht-aushalten-Könnens des aktuellen menschlichen Selbst. Wenn schon keine Arbeit, dann weiter leisten in differenter Form. Nun ist auch das unmöglich und das heimliche Gefühl von Urlaub, wird vielen Menschen eine innere Leere offenbaren und zu Problemen führen. Eine Ausgangssperre bzw. Beschränkung wird dem ganzen die Krone aufsetzen. Schon jetzt spürt und merkt man in Supermärkten – den letzten regulären Orten des Zusammentreffens sich fremder Individuen ohne äußere Hülle bzw. Geschwindigkeitsdifferenzierungsmöglichkeit (Auto, Fahrrad, Bus) – eine grundlegende Gereiztheit durch die noch strengeren Normen des Alltags.

Die Menschen fühlen sich gegängelt, sie können die Gefahr nicht einschätzen. Der Mensch ist generell der abstrakten Gefahr über nahezu unfähig diese einzuschätzen und diesen Zustand der Unfähigkeit auch auszuhalten. Doch aushalten ist nun die Gunst der Stunde. Wer es gelernt hat, z.B. in einer Therapie, seine (oft verqueren) Gefühle auszuhalten, dem ist nun eine Form der "Seligkeit" nahe. Die viel zitierte Freiheit ist nur eine Fama im Alltag. Freiheit macht Angst, denn sie ist im Gegenteil zu dem allgemeinen Lebensalltag, eine Entgrenzung. Die Gesellschaft ist auf Leistung und eng normierte Korridore des Handelns getrimmt. Diese werden durchgehend als freiheitsgebend und ermöglichend definiert und führen nun dazu, wo echte innere Freiheit möglich wäre, zu einer Krisensituation.

Menschen werden dekompensieren - auch ohne Corona

Menschen werden psychisch dekompensieren. Dessen müssen wir uns alle bewusst sein. Das Alleinseinkönnen ist vielen nicht mehr gegeben, das Aushalten der Gefühle, die sonst durch den Alltag gedeckelt werden, wird für viele die wahre Gefährdung statt des Virus´. Es wird eine Zeit des Risikos. Aber eben nicht nur für die psychisch bisher schon Lädierten (die eigentlich zeigen, in welch' schwierigen Zeiten wir leben und sich die Frage stellt, wir die „Normalen“ das bisher durchhielten) wird es eine Herausforderung, nein, vielmehr für die angeblich so „Normalen“, die auf einmal vor eine gänzlich neue Lebensrealität gestellt werden. Und zwar ohne „frei“ wählen zu können.

Zuhause sein wird eine Herausforderung

Denn diese Suggestion der freien Wahl ihres bisherigen eigenen Handelns wird diesen Menschen wie ein Messer durch ihre Seele schneiden. Sie werden merken, dass diese erlernte Form scheinbarer Selbstbestimmung sich nun ohne Vorankündigung auflöst und nun scheinbar erst eine autoritäre Alltagsstruktur Einzug erhält. Folglich wird die Zeit zuhause, in dem man sonst nur möglichst kurze Phasen verbracht hat, zu einer Zelle, in der nicht die Langeweile bekämpft werden muss, sondern der Morast der Seele. Dazu kommt die Familie, deren Gegenwartsdauer bisher feste Grenzen gesetzt waren. Viele Lebensgemeinschaften, welcher Art auch immer, werden nun merken, wie schwer ein Alltag des dauerhaften Miteinanderseins wirklich ist. Die Sehnsucht nach dauerhaftem Zusammensein im arbeitsregulierten Alltag wird wie ein Aufwachen im Albtraum daherkommen. Stehen wir vor einer Zeit der häuslichen Gewalt? Der häuslichen Krise?

Wie bei der Abschätzung der Pandemie, kann man nur vermuten und aktiv gegensteuern, indem man zurzeit für die Menschen endlich wirklich da ist. Nachhört, nachfragt, sich meldet. Dasein für andere ist aktuell existentieller denn je.

Die meisten Menschen treten grad eine Reise mit ungewissen Ziel an: zu sich selbst. Sehen wir es als Chance, uns wieder selber näherzukommen.

Lesetipps

Sachlich: Ulrich Schnabel: Muße. Panthenon Verlag

Literarisch: Thommie Bayer: Das innere Ausland. Piper Verlag

Wissenschaftlich: Freud. Das große Lesebuch. S. Fischer Verlag

Hinweis

Sind Sie einsam, depressiv oder haben Suizidgedanken?

Bitte kontaktieren Sie umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Sie erreichen diese unter den kostenlosen Telefonnummern 0800-1110111 oder 0800-1110222. Die dortigen Berater zeigen Ihnen Wege aus schwierigen Situationen auf und werden Ihnen helfen.

In lebensbedrohlichen Fällen oder im Zweifel, rufen Sie den Notruf unter 112 oder die Polizei unter 110. Dies gilt auch, wenn Sie vermuten, das andere Menschen sich in akuter Gefahr befinden. Auch wenn Menschen im Internet im Zweifelsfalle Lebensbedrohliches ankündigen, nutzen Sie umgehend den Notruf der Polizei unter 110.

22:02 21.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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