Frau Freiknecht macht Druck

Kunstmarkt Die Flensburgerin Mo Freiknecht lebt als freischaffende Künstlerin in Wuppertal. Mit ihren Druckgrafiken beweist sie, dass Kunst auch Können voraussetzt
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Frau Freiknecht macht Druck

Foto: Berit Ueberdick

Sie kann auch böse. Als der Interviewer seinen Kaffeebecher auf den Tisch ihres Standes stellt, wird der Blick von Mo Freiknecht so düster, wie es ihre Drucke meistens nicht sind. Doch, was ist überhaupt Kunst und wie wird man Künstlerin? Ist Kunst immer brotlos? Das Gespräch braucht viel Kaffee, bringt noch mehr Erkenntnis - und Freiknechts Lächeln zurück.

Ist das Kunst oder kann das weg: Was verkaufen Sie da?

Ich verkaufe überwiegend Druckgrafiken. Linolschnitte um genau zu sein. Aber auch Zeichnungen, Risografien, Socken mit Gesicht, Porzellanbecher, Penis-Magnete, Kalender und Emaille Pins. Alles selbst entworfen und von Hand produziert oder zumindest fair in Deutschland in kleinen Auflagen aus hochwertigem Material gefertigt.

Was ist ein Linolschnitt?

Der Linolschnitt ist eine Hochdrucktechnik. Um einen Linolschnitt anzufertigen, wird das gewünschte Motiv spiegelverkehrt mit speziellen Messern händisch in eine Linoleumplatte geschnitten. Alles was danach noch hoch (deswegen Hochdruck) steht, wird mit einer Gummiwalze dünn mit Druckfarbe eingefärbt und unter hohem Druck auf Papier übertragen.

Wie bezeichnen Sie sich selbst?

Als Künstlerin. Manchmal als Designerin. Und gerne als Druckgrafikerin. Weil ich das Wort so mag. Allerdings beschränke ich mich und meine Arbeit damit auf die Technik, was natürlich falsch ist.

"Man wird keine Künstlerin, man ist es"

Wie wird man Künstlerin?

Man wird keine Künstlerin, man ist es. Ich weiß, das klingt irgendwie pathetisch. Ich weiß auch gar nicht, wann sich das manifestiert, ob es eine langsame Entwicklung oder vorgegeben ist. Ich habe häufig versucht, keine Künstlerin zu sein. Das funktioniert aber nicht.

Ist Kunst Ansichtssache?

Nein.

Wie würden Sie Ihre Werke beschreiben?

Verdreht und quirlig, vielleicht etwas eigen und dreckig. Reduziert und klar aber auch. Manchmal verstecke ich sarkastische oder bitterböse Botschaften, politische Statements und Gesellschaftskritik in drollig wirkenden Grafiken oder hinter zwei Ecken. Die sind dann erst auf den zweiten oder dritten Blick ersichtlich. Für „blinde“ Menschen gar nicht. Meine Grafiken enthalten fast immer ein Schmunzeln oder eine Paradoxie.

Was ist Ihr Stil?

Illustrativ, aber dabei schlicht. Ich arbeite gern flächig und verzichte meist auf zu verspielte Details.

Wie erlangten Sie ihren heutigen Stil?

Ich wurde schon früh durch dänisches Design geprägt und ich habe ein Faible für schrullige Proportionen. Ich habe allerdings nie bewusst an meinem Stil gearbeitet. Vielleicht entspricht mein Stil einfach mir. Mir haben schon im Studium immer alle gesagt, wie deutlich sie meine Arbeiten unter vielen erkennen würden. Zu der Zeit war mir selbst noch gar nicht bewusst, wer ich bin. Mein Stil war aber offenbar schon da. Manchmal versuche ich etwas ganz anders zu machen und ändere dann solange unzufrieden daran herum, bis es doch wieder so aussieht wie immer. Ich kann da nicht aus meiner Haut.

Wer sind Ihre Käufer?

Menschen die das Schmunzeln erkennen. Und manchmal auch normale Menschen.

Wie kamen Sie zu Ihrem Markennamen "Knallbraun"?

Vor fast 20 Jahren habe ich mir für meine erste eigene Wohnung ein braunes Kissen genäht und wollte darauf Buchstaben applizieren. Ein Wort sollte es sein. „Knallbraun“ fand ich aufgrund des Widerspruchs unglaublich witzig und schlau und passend. Kurz darauf sicherte ich mir schon die Domain, weil ich eine seltsame Gewissheit hatte, dass mich dieses Wort für immer begleiten würde. Dass ich heute überwiegend mit braunem Linoleum arbeite, lässt wohl keinerlei Zweifel an meinen hellseherischen Fähigkeiten zu.

Ist "braun" zurzeit eine eher missverständliche Etikettierung?

Grundsätzlich gibt es immer nur sehr vereinzelt Menschen, die „Knallbraun“ als politische Kennfarbe interpretieren und deswegen nachfragen oder eher kommentieren. Ich denke, wer mich und meine Arbeiten sieht, erkennt selbst bei Zweifeln bezüglich des Farbnamens schnell, dass meine politische Gesinnung sich definitiv nicht nach rechts neigt. Es ist aber tatsächlich in den letzten Jahren zunehmend zu Gesprächen über „braun“ gekommen. Das Bewusstsein und die Wahrnehmung haben sich verändert. Was gut ist. Missverständnisse meine Person oder meine Kunst betreffend gibt es dabei aber nicht!

Brauchen Künstler ein Kollektiv?

Was andere Künstler brauchen weiß ich nicht. Ich persönlich brauche mein Kollektiv. Der Austausch ist mir wichtig. Bestätigung natürlich auch. Und ich brauche manchmal einen Menschen, mit dem ich mich ernsthaft darüber unterhalten kann, dass die Farben von No-Name-Schokolinsen nicht so gut aufeinander abgestimmt sind, wie die von M&Ms.

Künstlerinnen? Viel zu leise!

Wie steht es um junge Frauen in der Kunst?

Sie sind da. Sie sind talentiert. Sie sind etwas unterrepräsentiert. Und sie sind häufig zu leise. Wie überall.

Und wie sieht es mit Schulen und Meisterklassen aus?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich nehme an, auch hier tun sich Frauen seltener hervor. Seltsam, nicht wahr? Immer wenn es in den Profibereich geht, führen die Herren das Feld an.

Ist Kunst beibringbar?

Nein. Kann man lernen frei zu sein? Der Blick kann geschult werden. Etwas Wissen und Theorie helfen eventuell. Austausch ist wichtig. Die Erfahrung wächst stetig und bringt einen weiter. Oder behindert und ruiniert einen. Techniken sind aber sehr wohl erlernbar. Ich gebe zum Beispiel Linoldruckworkshops. Für die Teilnahme sind keine Vorkenntnisse oder eine besondere Begabung notwendig. Kunst bringen einige Teilnehmer schon mit, beibringen kann ich sie keinem. So ein Workshop bringt aber trotzdem immer allen total viel Spaß.

Wo verkauft man Kunst?

Ich verkaufe auf Kunst- und Designmärkten und Messen, in kleinen Galerien oder Concept Stores und durch Ausstellungen. Und natürlich über meinen Onlineshop.

Karl Lagerfeld sagt: Es besteht kein Kaufzwang. Was darf Kunst kosten?

Genau das, was sie einem wert ist.

Ich habe nur eine EC-Karte dabei...

Was für ein Glück, dass ich auch mobil Kartenzahlungen entgegennehmen kann.

Gerhard Richter ist Multimillionär geworden. Ist Kunst zwangsläufig brotlos?

Nein, natürlich nicht. Vielleicht verhält sich in der Kunst das Brot manchmal umgekehrt proportional zum Herz. Aber das ist eine ziemlich steile These, die mir den geballten Hass des Kunstmarktes garantiert. Ich lass das lieber sein.

"Kunst ist frei von allem"

Wenn sie brotlos ist, ist es dann keine Kunst?

Kunst ist für mich nicht an Bedingungen geknüpft. Kunst ist frei. Frei von allem.

Was behindert Künstler in gestalterischen und finanziellen Aspekten?

Hmm. Wenn ich so darüber nachdenke, geht die Behinderung bei diesen beiden Aspekten zwangsläufig miteinander einher. Die Finanzen behindern die Gestaltung behindert die Finanzen behindern die Gestaltung behindert... Das ist ja schrecklich. Da hilft nur Kommerz (lacht).

Welche Kunden brauchen Künstler nicht?

Die, die nicht nur die Kunst, sondern auch ein Stück der Seele des Künstlers kaufen wollen. Und die, die denken dem Künstler einen Gefallen zu tun und es auch äußern.

Welchen Arbeitsrhythmus haben Sie?

Einen gesundheitsschädigenden. Ich arbeite meistens von vormittags bis tief in die Nacht, schlafe recht wenig und arbeite dann wieder von vormittags bis tief in die Nacht.

Wann kommen Ihnen die Ideen?

Spät. Beim Sehen. Beim Gehen. Bei gedanklicher Überfülle. Auf der Autobahn. Im Gespräch.

Notizheft? Wenn ja, was wie wo?

Ich neige zu losen Zetteln, auf denen ich herumkritzel. Gerne auch Briefumschläge, die Rückseite von wichtigen Unterlagen oder Taschentücher. Wo es herkommt, dass ich so gern auf Taschentücher zeichne, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber wenn das Taschentuch den Stift beim Zeichnen fast aussaugt, gefällt mir das Ergebnis doppelt gut. Ich habe trotzdem immer ein Skizzenheft. Immer DIN A5. Immer ein einfaches Heft mit weichem Umschlag. Dort klebe ich die Skizzen von den Taschentüchern und Briefumschlägen rein. Die Skizzen von den wichtigen Unterlagen übertrage ich. Worte, Sätze und Gedanken schreibe ich auch rein. Immer kreuz und quer. Immer irgendwie wirr. Meistens nutze ich selbst die kleinsten Lücken noch. Die Zeichnungen überlagern sich. Es ist ein Chaos! Wenn ich schon im Bett liege, unterwegs bin oder keinen Stift und Papier zur Hand habe, nutze ich mein Handy. In den Notizen stecken Ideen für die nächsten 100 Jahre.

Hatten Sie schonmal eine Gestaltblockade?

Ja, ständig. Einige Formen aus dem Kopf, lassen sich einfach nicht auf‘s Papier bringen. Da hilft nur, etwas völlig anderes zu machen. Die Steuer zum Beispiel. Formulare ausfüllen. Ein Buchstabe pro Feld. Großartig!

"Ich habe keinen Plan oder ein Ziel"

Wohin soll es mit Ihrer Kunst gehen?

Ich habe keinen Plan oder ein Ziel. Vermutlich geht die Kunst weiter und ich folge ihr. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, wieviel direkten Einfluss ich darauf habe. Ich möchte mehr malen und erstmals auch zeigen, was ich male. Das ist neu und sehr aufregend für mich.

Würden Sie Kunst mit auf die einsame Insel nehmen?

Hahaha. Unter welchen Umständen strande ich denn auf der einsamen Insel? Ich würde natürlich auch auf der Insel Kunst machen. Mir würde allerdings die Kunst anderer Künstler fehlen. Also ja, wenn ich vorher weiß, dass meine Reise auf der einsamen Insel endet, dann habe ich auch Kunst im Gepäck.

Mo Freiknecht wurde 1984 von dänischen Wikingern in Flensburg geboren. Die Hälfte ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in der Ostsee. 2006-2009 studierte sie Grafikdesign mit Schwerpunkt Druckgrafik und Illustration an der HAWK in Hildesheim. 2010-2011 stand sie viele Monate in Neuseeland Kopf und schloss 2012 ihre Ausbildung mit einem Master of Arts ab. Seit März 2013 ist sie als freischaffende Künstlerin unter ihrem Label „Knallbraun“ tätig. Seit kurzem lebt und arbeitet Mo Freiknecht in Wuppertal, vor ihrem Atelier schwebt die Schwebebahn dahin.
17:06 09.11.2018
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