„Für nichts würde ich mich verbrennen!“

Interview Nicol Ljubićs neuer Roman beruht auf einem wahren Fundament. Der Aktivist Hartmut Gründler verbrennt sich auf offener Straße. Am 16.11. jährt sich sein Tod zum 40. Mal

der Freitag: Für was würden sie sich selber verbrennen?

Nicol Ljubić: Ich glaube, für nichts. Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt der Idealisten. Alleine dieser Begriff "Idealist". Ich habe mich versucht zu erinnern, wann ich den das letzte Mal gehört habe. Das ist ein ausgestorbener Begriff. Und natürlich würde man immer behaupten, wenn es um die eigenen Familienangehörigen geht, dass man dann zum Löwen wird, aber nein. Der Suizid der Selbstverbrennung ist sicher einer der grausamsten und schmerzhaftesten Suizide, die es überhaupt gibt. Daher kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich einer dieser Kandidaten wäre. Für nichts.

Wie kam Gründler auf die Idee der Selbstverbrennung?

Es waren die Mönche in Vietnam, die sich damals zum politischen Protest angezündet haben. Und dann Jan Pallach in Prag und Oskar Brüsewitz in der DDR. Ich weiß, dass Gründler Pallach im Fernsehen gesehen hat. Er war davon sehr gefesselt.

Was passierte am 16.11.1977 in Hamburg?

Hartmut Gründler war einer der Atomkraftgegner der 70er Jahre und hat im Vorfeld schon diverse Protestformen gewählt. Er hat sich in Stuttgart und am Kölner Dom angekettet. Zusätzlich war er mehrfach im Hungerstreik. Seine Angst war, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren, weil auf seine Hungerstreiks nie so reagiert wurde wie er sich das erhoffte. Und deswegen hatte er wohl das Gefühl, dass er da noch einen Schritt weitergehen müsse. Er hat sich dann an der Petrikirche an der Mönckebergstraße in Hamburg mit Benzin übergossen und angezündet. Nicht weit entfernt hielt zur selben Zeit die SPD ihren Parteitag ab. Für Gründler war die Selbstverbrennung ein Protest gegen die Atompolitik. Er erlag fünf Tage später im Krankenhaus St. Georg in Hamburg seinen Verletzungen.

Zur Person Hartmut Gründler

Hartmut Gründler, 1930 in Hümme geboren, war zunächst Maurer, bis er nach einem Pädagogikstudium in den hessischen Lehrerdienst wechselte, um später sein Studium weiterzuführen und eine Promotion anzustreben. Er entwickelte sich zu einem energischen Umweltaktivisten und trat gegen die Atompolitik ein. Mit Hungerstreiks und offenen Briefen an Politiker versuchte er, nachhaltig die Energiepolitik unter Kanzler Schmidt zu ändern. Als er merkte, dass seine Hungerstreiks nicht die erhoffte Wirkung hatten, setzte er am 16.11.1977 am Rande des SPD-Parteitags ein Fanal: Er übergoss sich mit Benzin und zündete sich auf offener Straße an. Er erlag am 21.11.1977 seinen Verletzungen. Sein Leben und Wirken wurden öffentlich nur sehr gering rezipiert.

Sie lassen den realen Hartmut Gründler als Untermieter in das Leben der spießbürgerlichen Familie Kelsterberg in Tübingen stürzen. Was passiert?

Das komplette Familienleben verändert sich. Hartmut Gründler ist ein sehr hartnäckiger und konsequenter Mensch gewesen. Der Vater der fiktiven Kleinfamilie ist als Unternehmer genau das Gegenteil von Gründler: fortschritts- und technikgläubig, wohlgenährt. Die Mutter ist Lehrerin und Hausfrau. Es war damals die Zeit der Ölkrise und der ersten Fahrverbote. Viele Menschen wollten nicht von Öl abhängig sein, bejahten daher die Atomkraft. Die Mutter fängt mit dem Einzug Gründlers an, sich zu emanzipieren. Sie findet endlich einen Sinn im Leben und die Elternpole driften zusehends auseinander. Die Mutter nimmt ihren damals achtjährigen Sohn Hanno mit zu den Anti-Atomkraft-Demos, zur Selbstankettung Gründlers und zu dessen Hungerstreik. Ich sehe das als eine Art Missbrauch.

Gründler steht nie im Vordergrund der Handlung. Bietet er nur die Bühne für das Psychogramm einer deutschen Kleinfamilie?

Ja. Ein Bekannter aus Tübingen rief mich vor Jahren an und erzählte mir von Gründler. Ich hatte den Namen noch nie gehört, aber als ich von der Selbstverbrennung erfuhr, packte mich das sofort. In den ersten zwei Jahren der Recherche habe ich mich sehr mit Gründler beschäftigt. Dann wurde er immer mehr zur Nebenfigur und die fiktive Familie Kelsterberg rückte in den Fokus, weil es mich interessierte, inwiefern die konsequente Lebensweise Gründlers Einfluss nahm auf die Familie. Es ist folglich auch kein biografischer Roman, sondern ein Familienroman.

Der Sohn Hanno lässt als Ich-Erzähler sein Leben Revue passieren. Er ist 44, war in Therapie, alleine und unglücklich.

Hanno hat eine lebenslange Sehnsucht nach seiner Mutter, weil sie sich ihm immer mehr entzog und stattdessen an Gründlers Seite für eine bessere Welt kämpfte. Was selbst mit dem Tod von Gründler kein Ende nahm. Die Mutter sieht es auf einmal als ihre Aufgabe an, die Erinnerung an Gründler wach zu halten. Sie tut alles, um ihn vor dem Vergessen zu bewahren, damit seine Selbstverbrennung nicht umsonst war. Hanno selbst ist hin- und hergerissen, denn so ein Typ wie Gründler ist auch faszinierend. Er tritt so sehr für eine Sache ein, dass er für sie sogar in den Tod geht. Das übt besonders in der jetzigen Zeit eine gewisse Faszination aus, in der sich die meisten von uns ins Private zurückziehen. Auf der anderen Seite hat dieser Gründler ihm die Mutter genommen – über dessen Tod hinaus.

Hat Gründler der Mutter wirklich zur Emanzipation verholfen oder sie nur für seine Ziele benutzt?

Die Zeitzeugen, mit denen ich über Gründler gesprochen habe, erzählten, er habe stets versucht, persönliche Beziehungen und Gespräche zu vermeiden, nichts und niemand sollte ihn von seiner Mission abbringen. Er hat seine Helfer instrumentalisiert. Insofern war das kein bewusster Hilfe zur Emanzipation, sondern ein Nebeneffekt.

Hanno hat das Gefühl, sich die Liebe seiner Mutter immer erkauft haben zu müssen. Gründler hingegen scheint sie bedingungslos zu lieben – eben auch über den Tod hinaus.

Nein. Hanno hat keine Anzeichen dafür, dass seine Mutter und Gründler ein sexuelles oder ein emotionales Verhältnis hatten. Es wird nie ganz klar, was die Mutter an Gründler fasziniert. Ich glaube, dass es diese Konsequenz ist, mit der Gründler für seine Sache eintrat.

Zur Person Nicol Ljubić

Nicol Ljubić wurde 1971 in Zagreb geboren, er wuchs u.a. in Schweden und Russland auf. Nach einem Studium der Politikwissenschaften arbeitet er heute als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen erhielt er u.a. den Theodor-Wolff-Preis und für seinen zweiten Roman „Meerestille“ den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den ver.di-Literaturpreis. Für Frank-Walter Steinmeiers Buch „Flugschreiber“ war er zusammen mit Wolfgang Silbermann Co-Autor. Ljubić lebt in Berlin.

Welche Gefahr birgt die Verquickung von Realität und Fiktion?

Es ist meine Art von Literatur, schon bei den letzten beiden Büchern habe ich einen dokumentarischen mit einem fiktiven Teil vermengt. Ich habe mich dem Menschen Gründler verplichtet gefühlt, was mir das Schreiben aber sehr schwer gemacht hat, weil ich mich auch verantwortlich fühlte für Gründler. Es wurde umso freier, je mehr ich mich der Familiengeschichte widmete. Für alle realen Dokumente, die ich verwende, haben mir Gründlers Erben die Erlaubnis gegeben.

Sie haben das Buch nicht Hartmut Gründler gewidmet, sondern Wilfried Hüfler. Wer ist diese Person?

Wilfried Hüfler war für mich der Schlüssel für diesen Roman. Er war ein Weggefährte von Gründler, der mir sehr geholfen hat und mir den Zugang zu allen möglichen Materialien, Flugblättern, Briefen, Artikeln, verschafft hat. Er war quasi ein inoffizieller Biograf Gründlers und viel von ihm steckt in der fiktionalen Mutterfigur. Leider verstarb Herr Hüfler unerwartet 2015 und hat den Roman selbst nicht mehr lesen können. Er wusste nur, dass das Buch bei dtv erscheinen wird.

Wie weit waren die Erben Gründlers kooperationsbereit?

Da Gründlers Brüder alle bereits verstorben sind, habe ich einen Neffen ausfindig gemacht, der damals auch bei der Organisation der Trauerfeier beteiligt war.

Wie haben Sie denn den Neffen gefunden?

Ganz banal über Internetsuche und Telefonbuch.

Und wie hat der Neffe reagiert?

Er war schon sehr hilfsbereit, aber man hat schon gemerkt, wie Hartmut Gründler und seine Selbstverbrennung die Familie belastet hat, bis heute.

Bald jährt sich die Selbstverbrennung.

Ja, am 16. November zum 40. Mal.

Nach so langer Beschäftigung mit diesem Menschen: ist das ein Jahrestag, den sie begehen?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe zu Gründler auch eine gewisse Distanz behalten, weil ich glaube, dass er ein schwer zugänglicher Mensch war; ich hätte mit ihm meine Schwierigkeiten gehabt.

Sind die Briefe von Gründler an Petra Kelly echt?

Ja, das sind original Briefe.

Da beschreiben Sie, dass da schon ein mehr Annäherung stattfand.

Ja, und deswegen sind sie auch im Buch, weil das die einzigen Textstellen sind, in denen Gründler in einer Art emotional wird, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Er ist Petra Kelly gegenüber emotional, fast zart, obgleich ich denke, es war ein rein platonisches Verhältnis. Nachdem er sie getroffen hatte, begann er ihr diese Briefe zu schreiben. Es sind die einzigen Textdokumente, die eine menschliche, zarte Seite von Gründler offenbaren.

War Gründler depressiv?

Ja, ich glaube schon. Depressionen gehören zur Familiengeschichte. Auch seine Mutter war depressiv und es gab einige Suizide in der Familie. Aus seinem letzten Brief an Helmut Schmidt kurz vor seiner Selbstverbrennung spricht Verzweiflung. Er schreibt sinngemäß, dass er wisse, dass es da draußen Menschen gäbe, die ihm zugetan seien, aber er fände sie nicht und wisse nicht weiter. Aber das Erstaunliche und Interessante war, dass es viele Mitstreiter, Zeitzeugen, Weggefährten von Gründler gibt, die sich bis heute mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass die Selbstverbrennung aus einer Verzweiflung heraus stattfand. Damit würde das ganze sein heroisches Etikett verlieren.

War die Atomkraft sein seelischer Rettungsanker, statt echter Motivation?

Ich glaube, Gründler war ein sehr rechtschaffender Mensch. Es war ihm wirklich ein Anliegen, diese Welt zu verändern. Er hat sich in den 70er Jahren sehr engagiert für die Umwelt; und am meisten ging es ihm um eines: die Wahrheit. Er wollte eigentlich mit seinem Hungerstreik erzwingen, dass die Bundesregierung einen offenen Dialog führt über die Atomkraft. Das heißt, auch über die Risiken der Atomkraft. Sein Engagement kam wirklich von Herzen.

Klaus Bölling schrieb ihm ausführliche Briefe aus dem Bundeskanzleramt.

Dieser Briefwechsel mit dem Kanzleramt hat mir auch gezeigt, dass sie durchaus wussten, wer Gründler war und diesen Hungerstreik auch ernst nahmen. Sie hatten Angst, dass er in weitere Hungerstreiks tritt, und sie damit zum Handeln gezwungen gewesen wären.

Sein Tod hat im politischen Bonn keine Wellen geschlagen?

Nein, da kann man nur spekulieren, warum das so war. Auf dem SPD-Parteitag haben zwei Delegierte auf Gründler hingewiesen. Dabei erwähnten sie seinen Namen nicht, nur dass „ein Lehrer“ sich angezündet habe. Wahrscheinlich lag es daran, dass er letztendlich doch als „Spinner“ wahrgenommen wurde. Somit wurde der Suizid auch in den Medien nicht wirklich thematisiert. Wenn man heute Menschen nach Gründler fragt, kennt ihn fast niemand.

Eigentlich ein tragischer Verlauf?

Ja, und eben weil es so eine tragische Geschichte ist, war es mir so wichtig einen leichten Ton zu finden, um sie erzählen zu können.Das hat mich die meiste Mühe gekostet, denn ich habe fast drei Jahre nach dem richtigen Ton gesucht. Dieses Wechselspiel von Tragik und Komik: dass er sich zum Beispiel das Buch „Als Christ in der politischen Entscheidung“ von Helmut Schmidt auf den Sarg nageln lässt. Erst mit der Erzählperspektive des Kindes, passte der Ton.

Die Mutter hält Gründler die Treue über dessen Tod. Selbst im hohen Alter hat sie am Rollator noch immer Flugblätter befestigt.

Diesen Rollator gab es wirklich. Herr Hüfler besaß ihn. Mit diesem Rollator ist er immer zu Stuttgart 21 gefahren und hat damit an Gründler erinnert.

Statt sich mit Gründler zu verbrennen, blieb die Mutter für den Sohn am Leben. Kann ein Sohn überhaupt die Mutter am Heldin-sein hindern?

Das ist eine spannende Frage! Ein Zeitzeuge spielte mit dem Gedanken, sich mit Gründler zu verbrennen. Allerdings tat er es nicht, weil er Kinder hatte. Gründler merkte in den letzten Jahren, dass Mütter und Kinder sich hervorragend für Protestzwecke funktionalisieren ließen. Es wäre das größte Zeichen gewesen, wenn eine Mutter mit Kind sich mit ihm verbrannt hätte. Was Hanno, wie sicher jedes Kind, tief verletzte, war, dass seine Mutter Gründlers Ansinnen nicht sofort verneinte, sondern darüber nachdachte.

Wäre der Plot für sie vorstellbar gewesen, dass sich Gründler mit Mutter und Sohn gemeinsam verbrennt?

Nein, weil meine Bücher eher einen ruhigen Ton haben. Die reale stattgefundene Selbstverbrennung ist an sich schon dramatisch genug. Eine Gruppenverbrennung wäre mir zu viel gewesen.

Das wäre dann auch eher ein Thriller.

Möglicherweise, aber darum ging es mir nicht. Ich wollte einfach zeigen, wozu es führen kann, wenn ein so konsequenter Idealist wie Hartmut Gründler bei einer ganz normalen Familie einzieht.

Warum gibt es kein Bild von Hartmut Gründler im Buch?

Es gibt ein paar Bilder von ihm, aber nicht im Buch. Es sollte nicht der Anschein erweckt werden, dass dies irgendwie ein biografischer Roman ist, es ist vielmehr ein Familienroman. Gründler ist eine Nebenfigur, die allerdings viel auslöst und die Familie Kelsterberg für immer verändert.

Nicol Ljubić: »Ein Mensch brennt« ist erschienen bei dtv

Radio-Feature über die Entstehung des vorliegenden Romans
»Ein Mensch brennt. Die Geschichte eines Romans«, SWR 2 Literatur

13:10 16.11.2017

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