Hypothek auf den Untergang

Eigentum Alle wollen Eigentum. Die Menschen verkaufen dafür mehr als ihr Lächeln. Sie veräußern ihre Souveränität auf Lebenszeit
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Hypothek auf den Untergang
Be careful what you wish for

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Es ist Freitag Abend, ein laues Lüftchen zieht über meine gemietete Dachwohnung hinweg. Die Tanne schaukelt im Wind und die Sterne gleißen vom wolkenfreien Himmel herunter. Sehen kann ich das, weil ich auf dem Rasenteppich (Jahrgang 2019 mit Winterschäden) meines Balkons niedergesunken bin. Ein Rotwein, ein Temperanillo, hat mich da niedergleiten lassen, ganz entspannt liege ich auf dem gar nicht so bequemen Pseudorasen und blicke gen Himmel.

Bsssst bsssst, macht mein Handy, ich ziehe es etwas zu schwungvoll aus der Hosentasche meiner Shorts. Es rutscht über den Teppich. „Patrizia“ blinkt auf dem Display. Halb elf an einem Freitag - of course. Patrizia gehört zu der Sorte Freunde, an denen Coder fürs Valley verloren gegangen sind. Sie kennt nur 0 und 1. Entweder sie meldet sich oder eben lange nicht.

Ich greife nach dem Telefon, der Arm wird auch immer kürzer. Ein Speichelfaden droht mir aus dem Mund zu laufen; ich glaube, ich war doch kurz weg.
„Hm“, gehe ich ans Telefon. Den Annahmebutton treffe ich erst beim dritten Anlauf.
„Hörst du?“, fragt sie durchs Telefon als sei ich taub.
Auch die Nachbarn wissen nun: Anruf.
„Mmm, ja.“
„Ich werds tun!“
„Hmm?“
„Ich bin ja keine Idiotin mehr“
So selbstgewiss. Klingt nach dem Zustand Besuch eines ehemaligen Mitschülers, der jetzt Versicherungen verkauft. Auch so eine Lehre: wenn einen alte Klassenkameraden plötzlich anschreiben, kann es nur Midlifekrise oder Tätigkeit für eine Versicherungsdrückerbude sein.

Eigenheim um jeden Preis

Was Patrizia tun will und sicher auch tun wird, ist keine Ausnahme. Es ist die Regel und es gilt als das "Richtige" (was es nicht gibt und nie geben wird). Es ist die Fama auf ein sorgenloses Leben durch kreditfinanziertes Eigentum. Ich kenne nur wenige Menschen, die den Tiger der Immobilienfinanzierung reiten können. Und auch diese vereint eines: sie sind immer am arbeiten. Sie wollen nicht untergehen. Aber sie sind immer latent dabei. Wie wir alle. Das ganze Leben (außer dem Tod, sowieso) bietet ständig Potential zum Untergang. Eine falsche Verkettung von Entscheidungen oder entschieden-worden-Situationen, kann ein Leben in kurzer Zeit in den Morast ziehen. Die Unterstellung der Selbstverschuldung dient Dritten dabei nur zur Distanzierung und Selbstberuhigung. Man könne alles schaffen, man müsse nur wollen, könnte auch "das Liberalenmärchen" heissen. Denn nicht jeder kann alles schaffen. Und nicht jeder kann alles (notwendige) wollen.

Hyptoheken auf Schatz´ Gehaltserhöhung gerechnet

Patrizia will "frei" sein. Von einer Art Courtage; sie nennt sich "Miete". Generationen von Menschen glaubten und glauben, wenn man nur Eigentum habe, dann sei alles bezahlt. Man sei frei von einem monatlichen Mietzins und könnte das Geld für Selbstverwirklichung und Luxus ausgeben. Das gilt vielleicht für Menschen mit größerem oder großem Einkommen; aber auch die sagen, dass manche Käufe eine Qual waren. Harald Schmidt kaufte sich einst ein Haus auf Mallorca und hatte damit nur Ärger und verkaufte es mit Verlust. Das einzig gute für ihn: es kostete ihn nicht seine Existenz.

Anders als viele "Normalverdiener". Nicht erst die Pandemie hat wieder gezeigt, dass viele Hypotheken auf Limit gerechnet und auf der Hoffnung von (gern überschätzten) Gehaltssteigerungen abgeschlossen werden. In Zeiten von Krisen (Arbeitsplatzverlust, dauerhafter oder längerfristiger Krankheit und/oder Leistungeinschränkung) kann dann die monatliche Tilgung zu einer Geißel des Lebens werden und einen wie ein Ziegelstein am Fuß in die Tiefe des Meeres ziehen.

Die Miete ist der geringste Preis

Letztens saß ich mit einer jungen Frau und einer älteren Frau zusammen. Die ältere Frau hat vor Jahrzehnten ein Haus geerbt. Solides Eigenheim, aber schon in die Jahrzehnte gekommene Bausubstanz. Als sie dann erzählte, was in den letzten Jahres alles am Haus gemacht werden musste, ließ ich die jüngere Frau (die noch zur Miete wohnt), jeweils die Kosten schätzen.

Bei allen verschätzte sich die junge Frau (woher soll sie es auch besser wissen) weit unter den real angefallenen Kosten. Es sollte einen Grundkurs vor Immobilienerwerb geben. Denn die Menschen wissen gar nicht, auf was sie sich da einlassen. Nicht nur, dass sie ein Haus nicht mal so eben schnell wieder loswerden, sondern auch, dass ein Eigenheim eben auch Verpflichtung bedeutet. Ob man selbst drin wohnt, oder eben die viel beschworenen Mieter. Und die wollen (ganz zurecht) Service wenn die Heizung nachts ausfällt. Und die Heizungsbauer wollen (auch zurecht) Geld für ihre Arbeit. Und das zahlt bei einem Eigenheim, ja Sie ahnen es, der Besitzer. Und da ist es für viele ex-Mieter eben ein Problem. Ähnlich wie bei Popstars, die Brutto mit Netto verwechseln oder Umsatz gleich Gewinn rechnen.

Natürlich ist das System (welches nicht?) ungerecht. Wenn Kinder erben oder von den Eltern ein Haus oder gar Häuser übernehmen, können sie viel eher weiteren Besitz erwerben. Das Argument aber von noch-Mietern, man mache es für die Kinder, ist ein Märchen. Ein einzeln erworbenes Haus, ist in der Regel bei Vererbung eine reparaturwürdige fast-Ruine, um die sich dann keiner kümmern will. Man hinterlässt den Kindern einen Klotz am Bein, anstatt eine Wertanlage.

Wer sich ewig bindet

Patricia hat ein Problem: sie kann nicht gut mit Geld umgehen. Daher braucht sie im Alltag auch mehr davon und überlegt, wo sie sparen könne. Und da fällt ihr die Miete ein. Man würde ja nichts für die Miete bekommen, weil man hinterher nichts davon hätte. Das meinte sie beim Telefonat also. Das ist aber, wie beim Autoleasing, ein großes Missverständnis (wie das stundenlange Herumfahren für die billigste Tankstelle). Sie bekommen für eine Miete (wie adäquat die ist, ist ein ganz anderes Thema), einen funktionierenden Wohnraum. Und wenn etwas kaputt ist, bspw. der Bordstein neu gemacht (ja, auch dafür muss man bezahlen), das Dach abgedichtet werden muss oder die Heizung ausfällt: das zahlt jemand, der Vermieter. Wenn Sie Immobilienbesitzer sind, dann zahlen das alles Sie. Alles. No one to point on anymore. Wer also schlecht mit Geld umgehen kann und Zahlen nicht überblicken mag, ist in einer Immobilienfinanzierung völlig verloren.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, heißt es bei der Ehe. Beim Immobilienerwerb sollte es noch mehr gelten, denn wie der Name schon sagt: ein Eigenheim ist immobil, ein Ehepartner kann wenigstens weglaufen.

03:49 04.10.2020
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