"Ich glaube, alles ist möglich"

Interview Die Münchner Schriftstellerin Mercedes Lauenstein legt mit "Blanca" ihren ersten Roman vor – überzeugend
"Ich glaube, alles ist möglich"
"Ich kann mir wenig Sinnvolleres vorstellen, als etwas zu schaffen, in dem andere sich aufgehoben fühlen"

Foto: Juri Gottschall

Warum schreiben Sie so gute Bücher?

Was sagt man auf so eine Frage? Danke für das Kompliment! Ich hoffe, dass meine Bücher gut sind. Mittlerweile habe ich immerhin ausreichend Selbstbewusstsein, um daran zu glauben, dass meine Sachen nicht ganz verkehrt sind. Ich bin trotzdem von vielen Zweifeln besessen, das schwankt manisch auf und ab. Bei meinem ersten Buch „Nachts“ denke ich bei Lesungen immer noch, dass ich es umschreiben möchte. Bei „Blanca“ habe ich im Moment das Gefühl, dass es das Buch geworden ist, was ich mein ganzes bisheriges Leben lang schreiben wollte. Mal sehen, wie lange das hält.

Gab es während der Produktion irgendwann das Gefühl, alles ist Scheiße?

Ja, immer wieder! Ich habe so oft festgesteckt und gleichzeitig wusste ich, es wird was. Der leicht esoterische Gedanke hat mich getröstet, dass das Buch in meinem Unterbewusstsein schon da ist und ich es nur noch ausgraben muss. Dann habe ich viele Blöcke gekauft und wollte strukturiert und rational an die Sache herangehen. Das klappte gar nicht. Schreiben funktioniert bei mir nur nach dem Trial und error-Prinzip.

Zur Person

Mercedes Lauenstein wurde 1988 geboren und arbeitet als freie Autorin. Nach Abitur und Australien-Reise, kellnerte sie in Berlin und kam 2009 nach München zum Projekt jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung. 2015 veröffentlichte sie im Aufbau Verlag ihr Debüt „Nachts“, nun folgt mit „Blanca“ ihr erster Roman. 2016 wurde sie mit dem Bayrischen Kulturförderpreis ausgezeichnet. Lauenstein lebt mit dem Fotografen Juri Gottschall in München und Italien und betreibt mit ihm zusammen das Splendido Magazin.

Warum schreiben Sie überhaupt?

Die Frage stelle ich mir oft. Ich frage mich das aus tiefster innerer Verzweiflung, denn Schreiben kann so schrecklich sein. Mir ist klar, wie kokett das klingt, denn ich schreibe ja trotzdem weiter. Ich habe nun einmal sehr viele Gedanken und Gefühle, die rausdrängen und die Sprache ist mein Ventil. Aber warum mache ich es öffentlich? Ist es Geltungsbedürfnis? Ich weiß nur: ich will Menschen mit meinen Geschichten berühren. So wie Autoren und Autorinnen von Büchern, die ich gelesen habe, mich mit ihren Geschichten berührt haben. Oft sogar getröstet und gerettet. Ich kann mir wenig Sinnvolleres vorstellen, als etwas zu schaffen, in dem andere sich aufgehoben fühlen.

"Ich will Menschen mit meinen Geschichten berühren"

Andreas Maier sagt, er bleibe den Rest seines Lebens Schriftsteller.

Das würde ich für mich nie sagen. Natürlich, ein Teil meiner Seele wird immer Schriftstellerin sein, denn bis jetzt ist die Sprache mein größtes Medium. Ich schließe aber nicht aus, dass ich irgendwann aufhöre zu schreiben und stattdessen nur noch male. Oder koche. Ich habe so viele Leidenschaften. Ich kann mich nicht festlegen auf die eine Sache, die ich bis an mein Lebensende machen werde. Dafür bin ich auch viel zu getrieben. Ich will immer zu viel, und die Zeit ist so begrenzt.

Wäre unendliches Leben hilfreich?

Ich müsste darüber nachdenken. Nicht, dass mir jemand ein unendliches Leben schenkt und ich komme da nicht mehr raus.

Wie gelangt man als Autorin zu einem Verlag?

Da gibt es tausende Wege. Bei mir waren es Chaos und Glück. Ich schrieb für Jetzt.de, dem Portal für junge Leute der Süddeutschen Zeitung. Dort las dann mein jetziger Agent einen Text von mir und schrieb mich an.

Haben es Autorinnen schwerer?

Ich versuche über so etwas nicht nachzudenken, weil ich fürchte, dass mir die statistische Wahrheit total schlechte Laune machen würde und mich in eine Position bringen würde, in der nicht sein will. In meiner persönlichen Erfahrung habe ich das Autorinnendasein noch nie als Nachteil erlebt. Vielleicht hatte ich nur Glück? Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, mir jemals gewünscht zu haben, ein männlicher Autor zu sein.

Blanca ist ein junges Mädchen, welches aus und vor dem nomadenhaften Leben ihrer Mutter nach Italien flieht. Wie kamen Sie zu diesem Plot?

Das war eine komplexe Entwicklung und ich glaube, sie hat sich fast vollständig in meinem Unterbewusstsein abgespielt. Ich wusste schon immer, dass ich die Geschichte einer jungen weiblichen Heldin aus der Ich-Perspektive schreiben wollte, die verloren in der Welt steht und sich vieles nicht erklären kann. Sie muss sich alleine durchschlagen, ist isoliert und auf der Suche.

"Sie ist isoliert und auf der Suche"

Die Mutter ist die Klammer für alles. Ist die Mutter böse oder Gefangene ihrer selbst?

Die Mutter ist garantiert nicht böse. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand böse auf die Welt kommt oder böse ist. Es gibt halt viele beschädigte Menschen, die auch nur alles gut machen wollen und sich dann in irgendeinen Irrtum verheddern, der dann böse wird.

Der französische Soziologe Didier Eribon behauptet, man könne seiner sozialen Klasse nicht entfliehen. Stimmt das?

Ich glaube, alles ist möglich. Es kommt darauf an, wie wandlungsfähig man ist. Ich halte nichts von so Thesen wie "Du kriegst eine Modebloggerin aus Paderborn, aber du kriegst Paderborn nicht aus der Modebloggerin", auch wenn ich sie lustig finde. Man vergisst seine Wurzeln nie, das stimmt, aber man kann sich ja trotzdem weiterentwickeln. Und wenn man das schafft, macht einen das sehr empathisch, weil man mehr vom Leben kennt.

Enthält der Plot auch autobiografische Züge?

Jedes Buch enthält autobiografische Züge. Mein Bruder hat es sehr gut auf den Punkt gebracht: es wäre so, als würde man mir durch einen Traum folgen. Man kann da viel von mir und meiner Familiengeschichte wiedererkennen, aber man darf das nicht eins zu eins lesen.

Ist Ihnen das manchmal peinlich?

Mir ist es erstaunlich wenig peinlich. Und wenn doch, verdränge ich den Gedanken daran. Ich habe meiner Mutter gesagt: "Mama, der größte Fehler wäre, wenn du es als Autobiografie liest“. Es wäre tragisch. Es ist erfundene Geschichte.

Begrenzt so eine Geschichte die zukünftigen Plots?

Nein, wieso sollte sie? Die Seele der Schriftstellerin kann viele Formen annehmen, wobei es die selbe Seele bleibt.

Gibt es schon eine neue Idee?

Nein, es gibt noch keine neue Idee.

Macht das Druck?

Nein, überhaupt nicht. Auch bin ich in kein großes Loch gefallen nach dem Schreiben. Ich bin so unglaublich erleichtert, dass ich das Buch nun fertig habe und schaue mir oft an, wie es in meinem Regal steht und denke: „Krass! Es ist da.“. Ich genieße es. Und ich male endlich wieder.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Literaturkritik?

Ich habe beim ersten Buch viel gutes Feedback erhalten. Aber natürlich gab es auch negative Erfahrungen, die umso schwerer wiegen. Das Buch war gerade herausgekommen und ich griff durch Zufall zu einer alten ZEIT und entdeckte mein Buch in der Kategorie „Wir raten ab“. Wie kann man überhaupt so eine Rubrik machen? Das war der schlimmste Moment! Warum muss man Bücher überhaupt verreißen? Mir wurde diese Redakteurin auf der Buchmesse dann auch noch wissentlich vorgestellt. Das war ein stranger Moment. Ich habe mir für „Blanca“ vorgenommen, keine Kritiken mehr zu lesen. Mal schauen, ob das auch nach zwei Gläsern Wein noch klappt.

Halten Ihre Figuren das Leben schlecht aus?

Ja, auf eine gewisse Art stimmt das, sie halten es schlecht aus. Es ist beides: ein großer Lebenshunger und eine riesige Empfindlichkeit für alle Eindrücke des Lebens. Die wunderschön, aber auch unerträglich schmerzhaft sein kann. Es ist eine manische Hassliebe zum Leben. Und eine große Faszination für die Melancholie und die Einsamkeit.

"Ich war im siebten Job-Himmel"

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Ich wusste einfach ganz lange nicht, was ich machen soll. Nach dem Abi war ich in Australien und Asien und habe dann in Berlin gekellnert. Doch so cool, wie ich mir das ausmalte, war es gar nicht. Tatsächlich habe ich eines Nachts davon geträumt, ein Praktikum bei jetzt.de zu machen, die Seite kannte ich noch aus Schulzeiten. Ich bewarb mich daraufhin mit meinem Blog, den ich auf der Reise begonnen hatte. Nach dem Praktikum bat der damalige Chefredakteur Dirk von Gehlen mir einen Job an und ich war im siebten Job-Himmel.

Kann man vom literarischen Schreiben leben?

Ich kann es bisher nicht und schreibe weiter als freie Autorin und Journalistin. Vielleicht kann man es, wenn man Bücher wie Stefanie Sargnagel veröffentlicht, die auf Lesungen mit einem gewissen Comedy-Charakter funktionieren, aber das sehe ich bei meinen Bücher nicht.

Wie arbeiten Sie?

Ich arbeite sehr unstrukturiert und stehe dazu. Am liebsten schreibe ich im Bett, bis ich nicht mehr sitzen kann. Dann wechsle ich an einen kleinen runden Tisch, der in meinem Zimmer steht. Ich bin einfach wahnsinnig gerne zuhause.

Wenn Sie aber mal nicht weiterkommen?

Ich habe so meine eigenen kleinen Strukturrituale, die ich dann ausführe. Ich putze zum Beispiel fanatisch meine Wohnung.

Sie lieben Notizbücher.

Ja, sehr. Ich schreibe wahnsinnig gerne mit der Hand und ich liebe dieses Gefühl, ein Notizbuch gekauft und dann das Leben wieder im Griff zu haben. Funktioniert natürlich nie. Ich schreibe da alles rein, was mir einfällt. Seltsam ist, dass ich die Dinge mit dem Selbstverständnis aufschreibe, sie eines Tages noch einmal durchzugehen und etwas draus zu machen. Tatsächlich sehe ich sie mir nie wieder an, wenn sie einmal vollgeschrieben sind. In gewisser Weise betreibe ich damit also Ideenraub an mir selbst, denn sind sie einmal aufgeschrieben, sind sie aus dem Sinn.

Also „Blanca“ ist nicht aus Notizbüchern entstanden?

Nein, aber ich träume davon, eines Tages endlich meine vielen Notizbücher durchzugehen. Mich mal einen Monat zu Hause einzuschließen und alles zu exzerpieren, was ich noch gut finde. Ich stelle mir vor, dass daraus wahnsinnig viel entsteht. I don’t know if it ever happens.

Peter Handke verkauft seine Notizbücher an Archive.

Was ich bei mir krass fände, da dort schon viel zum Fremdschämen drin steht. Dinge, die ich einmal für sehr poetisch hielt, finde ich jetzt peinlich und ich würde das nicht ungesehen an ein Literaturarchiv geben. Vielleicht muss man sehr alt und gelassen werden, damit man darüber lachen kann?

Hat Ihnen das Lektorat geholfen?

Ja, es hat mir sehr geholfen, weil die Lektorin mich immer wieder zurückgeholt hat. Blanca ist sehr mit ihrem Kopf unterwegs und sie schweift gerne ab und das musste im Text eingekürzt werden. Ich betrachte die Lektorin als Segen, ich könnte mir nicht vorstellen, eine Selfpublisherin zu sein. Nicht nur, weil vier Augen mehr sehen als zwei. An Punkten, an denen ich keinen Bock mehr hatte, hat sie mich motiviert, weiterzumachen. Es ist sehr cool, mit Leuten zu arbeiten, die wissen, was sie tun.

Wie ist schreiben im Suff?

Währenddessen natürlich wahnsinnig genial, aber am nächsten Tag sind 99 Prozent Schrott. Bei einem Glas Weißwein gibt es schon so einen Zustand, der einen unglaublich beflügelt und angstfrei macht, dass man wirklich sehr gut schreiben kann. Aber eben nicht mehr als ein Glas.

Das Glück schreibt mit weißer Tinte, heißt es. Was dürfen wir also wünschen?

Es ist für mich schon ein Trost, dass bei allen schrecklichen Dingen, die einem widerfahren können, ich etwas Literarisches daraus machen kann. Schreiben kann einen retten. Wenn es mir nun so gut ginge in den nächsten Jahren, dass ich gar kein Bedürfnis mehr hätte zu schreiben, würde ich mich nicht wehren, weil es mir ja gut ginge. Ich habe noch nie Angst davor gehabt, eine Leidenschaft zu verlieren. Ich habe genug. Mir wird nie langweilig, mir ist immer alles zu viel. Aber wir driften ab.

12:57 14.09.2018

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