Im Textlabor

Interview Hannes Bajohr seziert Texte und arrangiert sie neu. Das kann überfordern

Peter Handke bewies mit seinem ersten Bühnenstück „Publikumsbeschimpfung“ 1966 eine durch den Rhythmus der Beatmusik inspirierte Form der Textstellung. Das reine Lesen von Buchstaben ist die oberflächlichste Form der Wahrnehmung von Text. Allein das Wort „Wort“ ist hexadezimal, also eine Ebene tiefer, als 57 6F 72 74 codiert, binär ist es 01010111 01101111 01110010 01110100. Hannes Bajohr wagt in seinem neuen, ersten Buch bei Suhrkamp den Wörten auf den Grund ihrer „DNA“ zu gehen. Auf 106 Seiten erwarten den Leser erst abstrus wirkende Konstruktionen, die aber nach Regeln funktionieren, ohne die unser digitales Leben nicht möglich wäre. Wie sieht also der digitale Text der Zukunft aus?

der Freitag: Helfen Sie dem John-Grisham-Leser, wer oder was Ihr neues Buch ist.

Hannes Bajohr: Halbzeug ist ein Buch mit digitaler konzeptueller Lyrik. Digital, weil diese Gedichte mit ganz verschiedenen digitalen Techniken hergestellt wurden, etwa mit Programmen der Computerlinguistik, mit Programmierskripten, mit Sprach- und Texterkennung, sogar einfach nur mit der Word-Synonymfunktion. Konzeptuell, weil es an das konzeptuelle Schreiben anknüpft, also Texte nach einem vorformulierten Konzept generiert werden, statt dass man sie "aus sich heraus" schafft. Zusammen mit Swantje Lichtenstein habe ich Kenneth Goldsmiths Uncreative Writingübersetzt, das diese Idee entwickelt (aber noch ziemlich analog ist). Dazu gehört auch, mit bereits vorhandenem Text zu arbeiten, den man verändert, verarbeitet, prozessiert und reorganisiert. Und zusammen sind digitale und konzeptuelle Ansätze besonders geeignet für die Darstellung unserer digitalen Wirklichkeit.

Bereits seit Jahren wird davon gesprochen, wie die Digitalisierung die Literatur verändern kann, oder welche Literatur die Digitalisierung darzustellen im Stande ist. Bisher habe ich dabei wenig Interessantes gesehen – es geht im Wesentlichen darum, digitale Geräte oder ihre Benutzung zu schildern, etwa in Jonathan Franzens Unschuld oder Dave Eggers' Circle: Diese Bücher nähern sich dem Digitalen zwar thematisch an, aber ihre Darstellungsweise stammt durch und durch aus dem 19. Jahrhundert. Es ist ein vergangener Realismus für digitale Zukünfte. Meine Frage war: Gibt es Literatur, die das Digitale auch auf der Darstellungsebene reflektieren kann? Halbzeug wäre mein Versuch, diese andere Darstellungsweise zu finden. Und das eben durch die digitalen Werkzeuge und die konzeptuelle Sensibilität, das heißt ein Bewusstsein für die Allverfügbarkeit von Text und ein zum Coding analoges Verständnis von Literatur – ein Konzept ist wie ein Code: Erst die Ausführung zeigt, ob es funktioniert, und so sind Code/Output und Konzept/Text gleich wichtig. Daher stehen im Buch die Konzepte immer am Ende jedes Textes.

Zur Person

Hannes Bajohr, geboren 1984 in Berlin, studierte Philosphie, deutsche Literatur und Geschichte in Berlin und New York. Er promovierte über die Sprachphilosophie Hans Blumenbergs. Er betreibt zusammen mit Gregor Weichbrodt das Textkollektiv 0x0a und veröffentlichte 2015 sein Romandebüt „Durchschnitt“ bei Frohmann. Er lebt in Berlin.

Wird Durs Grünbein durch Sie arbeitslos?

Im Gegenteil. Ich trete ja nicht mit dem Anspruch auf, diese Lyrik solle alle bisherige ersetzen, sondern eher: So kann man auch Lyrik machen. Ich nenne das im Buch eine Arsenalerweiterung. Halbzeug ist ein Überblick über Techniken, die so bisher in der Lyrik keine oder nur wenig Anwendung finden, die aber, meine ich, das Feld für Experimente öffnen und ganz andere Ansätze möglich machen. Dazu gehört, dass die großen Authentizitätsgesten, der Blickwinkel des Selbsterlebthabens zurückgestellt wird zugunsten einer Arbeitsweise, die sich die Texte anderer aneignet und sie bearbeitet, oder sie eben den Computer generieren lässt. Dass damit der Autor weder tot noch verschwunden ist, sollte trotzdem klar sein: Ich konstruiere immer noch die Konzepte, die den Texten zugrundeliegen, und wähle aus, was ich veröffentliche oder nicht.

Wie groß ist Ihre Leserschaft und - was ist das für ein Typus Leser?

Sofern es eine Lyrikleserschaft ist: klein. Aber hinzu kommen noch solche, die sich für diese ganzen Fragen interessieren: Was kann Literatur im Digitalen sein, was kann man mit digitalen Techniken literarisch anstellen; oder einfach technikaffine Menschen. Ich sehe, dass das zwei Gruppen sind, wenig miteinander reden. Es wäre schön, wenn Halbzeug zumindest ein bisschen dazu beitragen könnte, einen Dialog zwischen Autoren und Technikern zustande zu bringen. Von Autorenseite gibt es immer noch (allerdings abnehmenden) einen Widerstand gegen alles, was sich irgendwie technisch und vermeintlich seelenlos ausnimmt; und Programmierer kommen selten auf die Idee, tatsächlich Literatur zu generieren. Allerdings wächst da schon seit einiger Zeit etwas zusammen, vor allem im englischsprachigen Raum. Leute wie Allison Parrish und Nick Montfort etwa sind Autoren und Programmierer in Personalunion. Und da wird noch viel Interessantes passieren. Mein Buch ist so etwas wie der Versuch, für diese Möglichkeiten zu sensibilisieren.

Wie kamen Sie an Suhrkamp für diese experimentelle Publikation?

Ich habe gemerkt, dass das ungewöhnlich ist: unverlangt eingesandt.

Was konnte ein Lektor an diesem Textkonvolut noch ausrichten?

In der Tat sind die nach einer Regel generierten Texte von einem Lektorat auf Wortebene ausgenommen: Entweder man nimmt sie, wie sie sind, oder schmeißt sie raus. Oder aber, man lektoriert an den Parametern des Konzeptes. Und natürlich geht es immer um so etwas wie Anordnung der Texte, ihre Darstellung (und etwa die Frage, ob Rechtschreibfehler, die im Ausgangsmaterial stecken, übernommen werden oder nicht). Martina Wunderer, meine Lektorin, hat sich aber völlig auf diese andere Arbeitsweise eingelassen. Vor allem hat sie immer wieder nachgefragt und auf Klarheit gedrängt, was dem Band sehr gut getan hat.

Wäre eine ausschließliche eBook-Ausgabe hier nicht die logische Konsequenz gewesen?

Ich glaube, dass man sich leicht dazu verführen lässt, das eBook für besonders digital zu halten. Es ist aber digital nur auf einer sehr einseitigen Ebene, nämlich als Ausgabetechnik. Wie die Texte hergestellt wurden, darüber sagt das eBook noch gar nichts. Man kann ja die Werke Shakespeares auf dem eBook lesen, ohne digitale Literatur in der Hand zu halten. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass das Ausgabemedium eine völlig nebensächliche Rolle spielt: Ein Buch kann digital generierte Literatur ebensogut darstellen, wie ein Bildschirm, worauf es (mir) ankommt, ist, wie sie hergestellt wurde und was man über das Digitale als Welterfahrung lernt (statt nur als Technik).

Hat denn aber die Drucklegung Anlass zum Redigieren gegeben?

Es gab Einschränkungen, zum Beispiel was die Überlänge einiger Gedichtzeilen anging. Das würde so gelöst, dass der Text dann im Satz um 90 Grad gedreht worden ist. Aber das spricht mir nicht gegen das Medium des Buches: im epub etwa, einem notorisch inflexiblen Format, tauchen bei kleinen Geräten leicht Darstellungsfehler auf, die auch mit Zeilenlängen und -umbrüchen zu tun haben. Ich sehe Buch und E-Reader beide als prinzipiell gleichberechtigte Ausgabemedien, die je nach Bedarf je eigene Vorteile haben. Das fixe Layout des Buches erlaubt mehr Darstellungskontrolle, das responsive “Reflowing” von Text auf dem E-Reader optimale Nutzung der Bildschirmfläche. Da gibt es keine Hierarchie, weshalb Alessandro Ludovico von “postdigital publishing” spricht, also einem Verständnis von Publizieren, das für ein Neben- und Ineinander von (Ausgabe-)Medien steht.

Gibt diese experimentelle Textstruktur auch Anlass für und mit dem Leser zu interagieren?

In Halbzeug steht immer, wie ein Text produziert wurde und am Ende sind alle Techniken und Programme gelistet, die ich verwendet habe. Darin besteht für mich die Interaktion: Das Buch ist eine Einladung, es selbst zu probieren, vom Konsumieren zum Produzieren überzugehen und mit diesen (oder ähnlichen) Mitteln Literatur zu schaffen. Das finde ich interessanter, als Interaktivität in einem Neunzigerjahresinne: Man kann diese Techniken auf allen existierenden Text anwenden – jede Website ist potentiell ein Anknüpfungspunkt des Buches, das man dann aus der Hand legt, wenn man selbst Hand anlegt.

Info

Halbzeug: Textverarbeitung Hannes Bajohr, Suhrkamp 2018, 16 €

17:01 07.05.2018

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