In der mäandernden Normalität

Literatur Viele Menschen geben aktuell Tipps, was man in der Krise unbedingt lesen muss. Das ist Quatsch. Man könnte es aber mal mit Anne Tyler versuchen
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In der mäandernden Normalität
Auch im Leben eines „Tech-Eremiten“ gibt es Platz für weitere Menschen

Foto: imago images/CHROMORANGE

Man würde nur zu gern wissen, wie Micah Mortimer in der jetzigen Corona-Krise reagieren würde. Der Protagonist von Anne Tyler aktuellem Roman "Der Sinn des Ganzen" ist ein Meister des gleichförmigen Alltags. Er arbeitet als Einzelselbständiger und hilft dabei dem unbedarften User bei Computerproblemen. Bei den aktuellen Home-Office-Zahlen hätte der "Tech-Eremit", wie er sich nennt, wohl viel zu tun. Mortimer hat feste Regeln im Leben. Wann er saugt, wischt und seine Erledigungen macht. Wie würde er nun reagieren, wenn er nur noch reguliert raus dürfte? Wenn sein Alltag durch externe Regeln bestimmt würde?

Für Menschen der actiongeladenen Thriller oder der von menschlichem Abgrund geprägten Literatur, dürfte dieses Werk nichts sein. Doch die Überhöhung oder des Zeichnen von Abgründen ist ein leichtes gegen das Handwerk der Beschreibung des normalen Seins. Denn das bestimmt diesen neuen Roman von Anne Tyler, der Grand Dame des ruhigen Erzählwesens. Sie lässt Mortimer durch seinen geregelten Alltag wandern. Für die meisten Menschen wirkt er vielleicht skurril. Der Techniker mit Mitte vierzig, der sich mit geringen Umsätzen zufrieden gibt, dafür aber seine Freiheit im Berufsleben hat. Der sich zufriedengibt mit der Aussicht, keine klassische Familie mit Einfamilienhaus und Garten zu haben.

Erzählstränge ohne Anstrengung

Mit seiner Freundin Case, beide in eigenen Wohnungen, führt er eine Liebesbeziehung, die beiden Luft zum Atmen gibt. Nun besitzt Tyler die Kunst, zwei Plotschienen in diesen Gleichklang des Lebens ihres Protagonisten zu fügen, ohne aber dass die mäandernde Ruhe des Grundstrangs der Geschichte in allzu große Wellen wechselt. Ein junger Mann kommt und denkt, er sei Mortimers Sohn. Er hofft es sogar, erkennt er doch in seinem Sein mehr Anteile von Micah als von seinem leiblichen Vater. Case wiederum trennt sich von ihm, weil sie denkt, er nehme sie nicht ernst und interessiere sich nur für seinen scheinbar neuen Sohn. Gleichzeitig muss Micah seiner gar nicht mal so kleinen Familie begegnen und den Lebensrealitäten der mittleren bis unteren amerikanischen Mittelschicht ins Auge blicken.

Tyler ist hier eine wunderbar ruhige Geschichte über die Lebenswirklichkeit eines Mannes, der seine Souvärenität im Alltag größtenteils bewahrt hat, gelungen. Sie zeichnet ein Leben, dem plötzlich Besonderheiten geschehen, aber sie weiß, wo die Grenze zum Kitsch und zum Grellen verlaufen, und überschreitet diese Grenzen nie. Es bleibt realistisch und es tut daher nie peinlich weh. Sie lässt eine Lebenskulisse eines "Eremiten" in der Konsumgesellschaft Wirklichkeit werden und weiß was es bedeutet, in dieser von Wünschen und gesellschaftlichen Ansprüchen geprägten Gesellschaft, zu bestehen. Mortimer kann sein bisheriges Leben anhand der auf ihn einwirkenden Erzählstränge reflektieren. Der Leser kann dabei auch sich selbst reflektieren, er hat die Möglichkeit Mortimers und seine Lebenslinien zu bedenken und zu der Erkenntnis kommen, das das Leben so fließt wie es fließt.

Wo ist der Sinn des Ganzen? Nicht im Müssen

Anne Tyler ist ein großer Roman über ein normales Leben gelungen. Und die Frage, was der Sinn des Ganzen sein könnte.
Vielleicht ist die Antwort, dass ein Eremit kein einsames Extrem sein muss, sondern dem Sinn des Ganzen viel näher kommt als die von äußeren Vorgaben getriebenen Familienangehörigen.

Lesen Sie das Buch, wenn Sie wollen. Lassen Sie sich keine Vorschriften von irgendwem machen. Seien Sie wie der Tech-Eremit. Der ließe sich auch keine Vorschriften machen, was er lesen sollte. Damit hat er schon viel geschafft.
Schön wäre, Tylers Gesamtwerk wäre wieder vollständig verfügbar.
Sie hätte es verdient.

Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen (Orig: Redhead by the Side of the Road). Übersetzt von Michaela Grabinger. Kein & Aber-Verlag, 22€

23:37 21.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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