Jakob, der Ewige

Nachlass Er starb mit nur 48 Jahren: Der Bestsellerautor Jakob Arjouni schrieb mit seinen Krimis mehr als nur Romane und ließ gesellschaftliche Klippen lesbar werden
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Jakob, der Ewige
Jakob Arjouni, 1996

Foto: imago images / teutopress

„What a waste“, sagte seine amerikanische Schwiegermutter, als sich seine Familie von ihm verabschiedete. Seine Bauchschmerzen stellten sich als Todesurteil heraus. Wenn es Krebs wäre, so Arjouni zu einem Freund, dann brauche er Courage. Ja, die brauchte er und er hinterließ seine Frau und drei Kinder. Und Millionen Lesende. Jakob Arjouni starb Anfang 2013 in Berlin.

Im Jahr 2011 verlieh ihm Diogenes die von Tomi Ungerer kreierte Anstecknadel als Anerkennung für mehr als eine Million verkaufte Bücher. Dies waren damals schon sehr viele verkaufte Bücher, heute ist das in der Verlagswelt enorm viel. Aktuell bekam Benedict Wells diese Auszeichnung. Vielleicht könnte man ihn als Nachfolger Arjounis als "jungen Wilden" definieren. Allerdings in einem ganzen anderen Genre, einem ganz anderen Setting der Bücher.

Tempo und Brüche

Arjouni wurde durch seine Krimi-Reihe über den Privatermittler Kemal Kayankaya berühmt, der zu Beginn im grauen Frankfurt am Main der Achtziger in der alten BRD seine ungestüme Leidenschaft für das Leben entdeckt und sicher ein ausfigurierter Traum eines Selbst von Arjouni war. Nur so brav, wie Arjouni auf Bildern aus seinen Jugendtagen wirkt, ist sein Protagonist Kayankaya nicht. Er gab ihm vielleicht das mit, was ihm als Kind aus schwierigen Verhältnissen selbst fehlte. Dieses kesse, rauhbeinige und alerte mit dem er auf seine Umwelt, die Herabwürdigung und Ausgrenzung reagierte. Und so sind es schlussendlich auch keine Krimis, die da aus der Feder eines knapp erst Zwanzigjährigen entsprungen sind. Es sind fantaste Traumwelten eines jungen Menschen, der kaum jemanden hatte und sich daher die Freunde und Weggefährten am Reissbrett erschuf. Sie gaben ihm Sicherheit und Vertrautheit, mit ihnen konnte er sich umgeben, wann immer er wollte. Dieser Esprit umwebt die Texte, die sich somit aus der Konstruktion ihrer selbst willen entheben und zu Hybriden des tatsächlichen Seins werden. Sicher, der viel zitierte Raymond Chandler diente gewiss als Grundlage für die Konstruktion der teils auf Tempo, teils auf groteske Brüche gebauten Plots. Und doch weht da so viel Arjouni und alte BRD durch die Seiten, dass es einem nicht nur bei den antiquarischen Ausgaben wie ein Ritt in eine andere Zeit vorkommt.

Die Fremde keine Fremde

Krimis sind ein schwieriges Genre, es ist so Wegles-Geschäft. Die Cover, die Plots, der Hang zum Blutrünstigen oder zum psychodelischen Melodram. Bei Arjouni ist es eben genau das, was alles fehlt. Es ist phantasmagorisch, dennoch dient alles der Spiegelung sozialer Ungerechtigkeiten, die im Zeitgeist verankert waren, und teilweise noch sind. Kemal Kayankaya wird an vielen Ecken rassistisch angegriffen, obgleich er gar nicht der Sprache mächtig ist, für die und seine Herkunft, er ungefragt denunziert wird (ähnlich wie Philipp Rösler, der ursprünglich aus Vietnam gebürtig ist, dort aber nie sozialisiert wurde. Als Rösler einmal nach Vietnam reiste, sah man ihm seine Verlorenheit in einer Gesellschaft, die er weder sprachlich verstand oder deren Riten er kannte, deutlich an. Er wirkte schlimm verloren).

Insgesamt legte Arjouni, dessen Verleger Daniel Keel ihm ein väterlicher Freund wurde, fünf Kayankaya-Romane bei Diogenes vor. Das beeindruckende daran ist, dass er eine fast schon schweigsame Fähigkeit hatte, den Protagonisten in einer so selbstverständlichen Art altern zu lassen, die plausibel wirkt. Auch Kayankaya wurde, genau wie Arjouni, häuslich. Arjouni erlebte mit seiner Frau und den Kindern ein erfüllendes Ankommen in einer Welt, derer er sich ausgeschlossen glaubte. Und so kommt auch der Einzelgänger und Verstoßene Kayankaya bei seiner Freundin Deborah an. In Slibulski findet er einen Freund - und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

Werk fern des Krimis

Wenn ein Autor in einer Reihe einen Lauf hat, so würde der Rat naheliegen, diese Reihe einfach weiter zu befeuern (wie Felix Francis, ebensfalls bei Diogenes mit seinen Rennbahn-Thrillern. Aktuell mit Puls ein lesenswerter Thriller über eine depressive Ärztin als Protagonistin, die den etwas-gähn-Thriller-Plot belebt), bricht Arjouni damit auf und schreibt anderes, weit weg von Kayankaya. Tumbe Leute könnten sicher fragen: Was, das hat der auch geschrieben? 2004 legt er mit Hausaufgaben einen beeindruckenden Roman über eine tief zerrüttete Familie aus dem 68er-Bildungsmilieu vor. Hat der Vater, aus dessen Perspektive das Buch geschrieben ist, seine Tochter missbraucht, oder warum zerbricht die Familie innerhalb eines Wochenendes? Ein unglaublich subversiver, dunkler und dabei aufklärerischer Roman über das Funktionieren von Familien in aller Dysfunktionalität und Ausblendung von Untaten durch den Einzelnen.

Langwährende Erzählrelevanz

Weiter schrieb Arjouni Kurzgeschichten, Märchen der realen Welt oder den Roman Der heilige Eddy, der dem Rezensenten zu sehr Screwballprosa ist. Arjouni legte, ohne es zu wissen, ein Werk mit Kreisschlusscharakter vor. Der Kayankaya-Zyklus schließt sich auf eine leise Weise mit Bruder Kemal und seine einzelnen Romane ragen wie Stalaktiten aus der Reihe hervor. Jakob Arjouni hat etwas hinterlassen, was mehr ist, als eine Million verkaufte Bücher. Er hat einen Flair, eine Erzählhaltung aus seinem eigenen Leben, seinen eigenen Abgründen erschaffen. Jeder Mensch hofft, dass etwas von ihm bleibt. Vom Autor Arjouni bleibt ein kräftiges Werk mit noch lange hinreichender Erzählrelevanz. Der private Arjouni hat sich in seinem Leben zum Glück seiner selbst vorgearbeitet.

Was ein Werk in allen Belangen! Er ist einfach Jakob, der Ewige.

00:45 20.10.2020
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