Krankheit als Symptom

Literatur Joachim Meyerhoff war Experte für Scheitern, dann erlitt der Schauspieler einen Schlaganfall. In seinem neuen Roman herrscht das morbide Timbre der Vergänglichkeit
Krankheit als Symptom
Aus den Brettern, die die Welt bedeuten, wurde für Joachim Meyerhoff das gebohnerte Linoleum der Überwachungsstation im Krankenhaus

Foto: Ian Waldie/Getty Images

Der Sound ist ein anderer geworden. Ernster, dumpfer. Kein fließender und selbstironischer Findungsduktus mehr. Der Protagonist hat den Lebenszenit überschritten und wird ohne Vorwarnung von seiner eigenen Sterblichkeit in die motorische Geiselhaft genommen. Im Gehirn blitzt es, und der Körper will nicht mehr so, wie er jahrelang musste. Meyerhoff hat mehr als ein Jahrzehnt in Wien gelebt und am Burgtheater die Bühne beherrscht.

Man denkt spontan an Ludwig Hirschs Komm großer schwarzer Vogel, an dunkle Gassen und den Hang zum Traurigen in dieser herrschaftlichen Metropole. Am Rande dieser Stadt liegt vor zwei Jahren Meyerhoff auf einer Stroke Unit, der Akutabteilung eines Krankenhauses für Schlaganfälle. Mit einundfünfzig gilt er als „juveniler Schlaganfall“. Gar nicht so selten, konstatiert er ungläubig. Es sind die kurzen Momente, die das Leben für immer verändern. Meyerhoff sitzt am Küchentisch mit seiner Tochter, als ihm schlecht wird und er seine linke Körperhälfte an die Taubheit verliert. Er weiß, was ihm passiert. Der gerufene Rettungsdienst bringt ihn mehr schlecht als recht in ein Krankenhaus. Time is brain, was aber nicht für das Organisationstalent des Rettungswagens gilt. Aus den Brettern, die die Welt bedeuten, wird das gebohnerte Linoleum der Überwachungsstation, in der Schicksale der anderen Patienten nur durch Vorhänge abgetrennt werden. Im Leiden wird, ungewollt, zusammengerückt. Ist sein „final curtain“ klinisch weiß statt samtrot?

Joachim Meyerhoff hat etwas erreicht, das ihm viele Schauspieler neiden (Neid ist in dieser Branche ein Lebenselixier): Er hat nicht nur als Schauspieler an der wohl wichtigsten Bühne Europas reüssiert, nein, auch seine Bücher schlugen in den deutschsprachigen Literaturbetrieb ein. Er erreicht Millionen von Lesenden, sein vorheriges Buch Die Zweisamkeit der Einzelgänger schob der Verlag Kiepenheuer & Witsch gleich in Großauflage auf den Markt. Mehr geht im Literaturbetrieb nicht. Meyerhoff hat mit seinem tanzenden Ton aus Selbstbeobachtung und tragischer Situationskomik ein ganz eigenes Genre geschaffen. Inspiriert von Karl Ove Knausgård, aber in harmonisch-jovialer Umsetzung.

Wenn er nicht brannte, war er niemand

Dass aus Meyerhoff ein „Überleister“ wird, war bei seiner familiären Genese erwartbar. Denn sein junges Leben ist von Verlust und Verlassenheit gesäumt. Erst stirbt sein Bruder einen Unfalltod, während er selbst in den USA auf Schüleraustausch ist, dann tötet der Krebs seinen Vater. Der emotional Übriggebliebene, er flüchtet nach vorn und erreicht überdimensional Großes. Aber warum das alles? Kompensatorische Handlung nennt der Psychoanalytiker dieses Verhalten. Bis der Körper irgendwann die Grenze setzt. Meyerhoff schreibt: „Wenn ich nicht brannte, war ich niemand.“ Ein wirklicher Unterschied zwischen dem Ritzen der Arme und dem unaufhaltsamen Leistungszwang, besteht nicht. Es geht um das Spüren seiner selbst unter gleichzeitiger Abwehr der vorangegangenen Traumata.

Warum bremste ihn niemand? Unter Jubel lässt man diese Menschen rackern, bis ihnen der Stecker rausfliegt, denn der Kapitalismus sieht in Leistung Daseinsberechtigung. Was außen gefeiert wird, bestätigt nur, dass das Individuum innerlich von den Mühlsteinen aus Vergangenheit und Gegenwart zermalmt wird. Im Krankenhaus schaut Meyerhoff fern und regt sich so auf, dass sein Blutdruck auf 210/120 mmHg und die Pulsfrequenz auf 180/min. steigen. Es muss sich was ändern!, kommentiert die Ärztin seine Lage nachdrücklich. Medikamente, Blutverdünner – für immer. Das Leben hat ihm einen Warnschuss gegeben: entweder er selbst oder niemand.

Der Krankenhausaufenthalt ist von auflockernden Alltagsgeschichten gespickt, wenn man aber ehrlich ist, blättert man weiter, bis die Erzählung Meyerhoffs im Krankenhaus weitergeht. Mit offenem Mund liest man gierig, mit Spuckefaden am Mund, voyeuristisch seiner eigenen Vergänglichkeit entgegen. Flau wird einem, wenn ein schreibbegabter Mensch so allumfassende Eindrücke aus der eigenen Defektzone skizziert. So schwarzbunt hatte man sich das Ende der eigenen Funktionalität noch gar nicht ausgemalt. Er hätte lieber einen Herz- statt eines Hirninfarkts erlitten, schreibt Meyerhoff flehentlich. Wie beim Lebensweg, hat man aber auch bei den Krankheiten keine Wahl.

Info

Hamster im hinteren Stromgebiet Joachim Meyerhoff Kiepenheuer & Witsch 2020, 320 S., 24 €

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06:00 15.11.2020

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