„Kunst lebt aus sich selbst heraus“

Kunstmarkt Stefan Stichler lebt und wirkt als freier Künstler in Frankfurt und Düsseldorf. Er kann davon leben, aber warum?

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„Aporia“ von Stefan Stichler
„Aporia“ von Stefan Stichler

Foto: Thomas Lemnitzer

Jan C. Behmann: Liegt Kunst wirklich im Auge des Betrachters?

Stefan Stichler: Ja, auch dort. Aber stolpert da jemand über Kunst und fühlt sich gezwungen, etwas dazu zu sagen oder ist es jemand, für den Kunst etwas sehr Essentielles ist? Vor Jahren las ich mal einen Ausstellungstitel: „Schön ist, was gefällt.“ – das ist einfach Schwachsinn! Das bewegt sich im gleichen Deutungskosmos wie „Kunst liegt im Auge des Betrachters“.

Zur Person

Foto: Stefan Lechthaler

Stefan Stichler, geboren 1972, freier Künstler mit Ateliers in Frankfurt am Main und Düsseldorf. www.stefanstichler.com

Ab wann ist Kunst Kunst für den Kunstschaffenden?

Es ist der Moment, wenn das Werk sich verselbstständigt. Es beginnt sich von mir zu lösen und atmet von allein. Die gesamte Frage ist schwer zu beantworten. Ich definiere den ganzen Prozess des Arbeitens als Kunst. Das Beobachten, das Sammeln von Eindrücken, das Skizzieren von ersten Gedanken und dann der Beginn, Leinwände vorzubereiten, Farben zu mischen und schließlich mit dem Malen anzufangen. Das unterscheidet sich von Grund auf von herkömmlichen Herstellungsprozessen, auch weil das Ziel immer offenbleibt. Ich verstehe den Drang von Anderen, Kunst deuten zu wollen. Das ist aber meiner Erfahrung nach, eine Sackgasse. Die Frage der Deutung, oder noch schlimmer der Deutungshoheit, ist oft ein großes Thema, weil viele sich dabei unwohl fühlen, etwas ohne Gebrauchsanweisung zu beurteilen. Sich einzulassen auf etwas, von dem sie nicht wissen, wohin es führt, welche Gedanken oder Gefühle aufkommen – oder besser: sie vielleicht auch heimsuchen. Das muss man wollen, man muss mutig sein mit sich selbst.

„Man muss es ohne Gebrauchsanweisung wollen“

Was lässt Kunst peinlich werden?

Ein Kunstwerk wird peinlich, wenn es zum bloßen Manifest verkrüppelt. Oder wenn die Übersetzung eines Themas in die Sprache der Kunst nicht gelingt. Dann stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit ziemlich schnell und die nächste Handlung ist bereits das Vergessen. Ich war in Münster in der Ausstellung „Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken“, die genau das eben nicht tat: die Übersetzung in die Sprache der Kunst. Es blieb alles berechenbar, geradezu langweilig, weil vorhersehbar und total politisch korrekt. Gesellschaft ohne Wachstum denken? Da dachte ich: genau! Das ist nun auch keine unbekannte Forderung, gerade im künstlerischen Umfeld, und ich war gespannt auf die Umsetzung. Doch dann fühlte ich mich wie auf einer Umweltmesse irgendwo zwischen dem Greenpeace Stand und dem von Amnesty.

Gerhard Richter hat sich angeblich 700 Millionen Euro ermalt. Ist Erfolg Glückssache?

Mir ist es völlig egal, wie viel Euro sich Gerhard Richter oder andere Künstler ermalt haben – aber natürlich hatte er Glück. Das allein ist es aber nicht. Es fängt schon bei der Definition von Erfolg an schwierig zu werden. Die Portion Glück gehört natürlich dazu, aber Mut, und Fleiß ebenso wie ein starkes Bedürfnis nach Ausdruck. Man denkt nicht ans Geld, wenn man arbeitet.

„Der Schwellenreiter“ von Stefan Stichler

Foto: Thomas Lemnitzer

Was hat Kunstunterricht mit Kunst zu tun?

Ich kann da nur auf meine eigene Erfahrung zurückblicken und auf die Schulzeit meiner Kinder. Da gab es mit ganz kleinen Ausnahmen so gut wie nichts, was ich als Kunst und künstlerisches Schaffen bezeichne. Bestenfalls wurde versucht zu vermitteln, dass es so etwas wie Kunst gibt, ohne aber die Neugier darauf zu wecken. Selten hatte ich den Eindruck, dass beispielsweise eine künstlerische Laufbahn bei einem der Schüler:innen als Option auch nur gedacht wurde. Diese Art des Kunstunterrichts ist für die „wahre“ Kunst kontraproduktiv, weil es die Kunst mehr als eine Art Hobby, nicht aber als einen möglichen Lebensweg zu vermitteln versucht. Da ist es kein Wunder, dass Kunst und Kultur ständig um Legitimation kämpfen müssen.

„Kunst und Kultur müssen ständig um Legitimation kämpfen“

Kann man Kunst studieren?

Ja, kann man. Sich intensiv mit dem zu beschäftigen, was man machen möchte, halte ich für immens wichtig. Das muss nicht zwangsläufig an Hochschulen passieren. Das „bequeme“ der Hochschulen ist, dass man möglicherweise Impulse bekommt. Geht man den etwas steinigeren Weg des Autodidakten, so muss man Anregungen und Vorbilder kontinuierlich selbst entdecken und aus eigener Kraft heraus dafür sorgen wach zu bleiben. Im lateinischen heißt „studere“ nach etwas streben oder sich um etwas bemühen. Das ist eine Voraussetzung.

Ist Kunst verlernbar?

Ich gehe davon aus, dass man Kunst nicht lernen und folglich auch nicht verlernen kann. Für mich ist es zunächst eine bestimmte Art zu denken. Das hat man oder hat es eben nicht. Ich habe schon früh zu den Themen, die mich beschäftigten nach Synonymen und Metaphern gesucht. Nach anderen Bildern für denselben Gedanken. Diese Art der Kreativität, einen weiteren Blickwinkel zu suchen, Positionen zu verändern, Bezugspunkte zu tauschen und dabei zu erfahren was neu entsteht, ist ja so eine Art Voreinstellung, die man mitbringt. Das verlernt man nicht, denn es wurde nie gelernt. In der Umsetzung aber kann man aus der Übung kommen, so wie bei jedem Gebrauch irgendeines Werkzeuges.

„Es ist alles geschafft“ von Stefan Stichler

Foto: Thomas Lemnitzer

Wobei beginnen Ideen zu entstehen?

Generell günstig für mich ist eine unbeschwerte und spielerische Ausgangssituation, in der ein Raum entstehen kann, der zunächst allen Möglichkeiten Platz bietet. Das trifft vor allem dann zu, wenn es schon eine Richtung gibt, die ich einschlagen möchte. So zum Beispiel bei einem Bühnenbild, das ich gerade für das Theater in Pforzheim entwickle. Hier gibt es Eckpunkte und konkrete Ansätze die aufgegriffen und erweitert werden sollen. In meiner Malerei hat sich die menschliche Figur mit ihrer Körpersprache als mehr oder weniger fester Ausgangspunkt entwickelt. Ideen dafür können tatsächlich überall entstehen sofern ich nicht mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen durch die Welt spaziere. Das ist der Beginn einer Idee, die im Prozess des Malens weiterentwickelt wird.

„Ideen müssen auch wieder verworfen werden dürfen“

Welche Idee ist für welche Kunstform sinnstiftend oder sinnerweiternd?

Welche Idee überhaupt sinnstiftend oder sinnerweiternd ist zeigt sich erst im Prozess. Ideen können und müssen auch wieder verworfen werden dürfen. Nicht jede Idee enthält automatisch auch die Garantie ein Weg zu werden. Und je nach Kunstform, ist die Möglichkeit auch unterschiedlich eine Anfangsidee auszuarbeiten. Als Maler bieten sich mir andere Mechanismen einen Ausdruck zu finden als sie dem Schriftsteller zur Verfügung stehen. Und ein Schauspieler wiederum findet nochmal einen ganz anderen Umgang mit einer Idee. Ich muss also nicht unbedingt zuordnen, welche Idee zu welcher Kunstform passt, sondern vielmehr die Frage zulassen, ob eine Idee überhaupt sinnstiftend und sinnerweiternd werden kann mit dem was ich mache.

Und wobei reifen die Ideen?

Bei mir persönlich reifen Ideen während Spaziergängen oder Autofahrten, die ich alleine mache. Bewegung im Außen hilft mir bei der geistigen Bewegung. Was ich auch häufig im Atelier tue, ist mich kurz aufs zu Bett legen und die zu Augen schließen. Das hilft mir manchmal, wenn sich der Kopf so überfüllt anfühlt, dass sich die Gedanken gegenseitig eher behindern als ergänzen. Ich kann auf diese Weise besser sortieren und komme dann eventuell zu einer Struktur, die diesen Reifeprozess unterstützt. An dieser Stelle sei auf Wolfgang Herrndorfs „Arbeit & Struktur“ hingewiesen.

Warum rauchen Künstler?

Das ist ein ebensolches Klischee wie das des Schlafens bis in die Puppen.

Ist Kunst denen vorbehalten, die genießen können?

Vor allen Dingen ist sie denen zugänglich, die sich Zeit nehmen wollen und das hat natürlich etwas mit der Eigenschaft des Genießen-könnens zu tun. Dazu zählt schon mal, an der Haltestelle nicht unentwegt ins Handy zu schauen, sondern das Plakat an der Litfaßsäule wahrzunehmen, oder die Formen einer Skulptur auf der anderen Straßenseite mit den Augen nachzufahren, oder die Musik auf dem Kopfhörer nicht als Nebengeräusch laufen zu lassen.

Was ist unangebrachte Allüre eines Künstlers?

Vielleicht ist es unangebracht sich nur unter Seinesgleichen aufzuhalten. Aber gilt das nur für Künstler? Wohl nicht.

„Kunst, die das Denken und Fühlen erweitert“

Wozu überhaupt Kunst?

Sowohl Kunst zu schaffen als auch sie „nur“ zu erleben, sie im eigenen Leben als eine weitere Richtmarke zu etablieren, die das Denken und Fühlen erweitert und beeinflusst, halte ich für immens wichtig. Sie kann Strukturen aufbrechen, die Ungezwungenheit befeuern und Utopien entstehen lassen, die wiederum der Anfang jeder neuen Idee sind. Sie heftet sich nicht an den Common Sense, sondern spielt mit Möglichkeiten, sie lotet aus. Sie ist der Tritt in den Arsch wie die Aufforderung zum Tanz.

Ist es nicht eher ein Subventionszirkus?

Solange man Kunst als „nice-to-have“ ohne ihre gestalterische Kraft innerhalb einer Gesellschaft betrachtet, solange wird man sie finanzieren müssen, weil sie nicht zwingend ein kapitalistisches System bedient. Wenn Kunst mehr oder weniger ein Subventionszirkus ist, wie sie mit der Frage in den Raum stellen, sollten wir dann nicht die Frage zulassen, ob die Kunst hier falsch ist oder die Parameter, die sie immer wieder zum Bittsteller werden lassen?

„Künstler schaffen permanent Mehrwert“

Ist Künstler zu sein eine Absage an das mehrwertschaffende Erwerbsleben? Oder schafft ein Künstler Mehrwert?

Selbstverständlich ist die Wahl als Künstler zu arbeiten keine Absage ans mehrwertschaffende Erwerbsleben, denn Künstler schaffen permanent einen Mehrwert. Dieser liegt aber außerhalb der gängigen Definition, die da heißt: „Machste damit genügend Geld ist’s anerkannt, schaffst du es nicht deine Miete davon zu bezahlen, wird die Nase gerümpft.“ Wir als Gesellschaft müssen über die Definition von Mehrwert sprechen, herausfinden und anerkennen, wo überall dieser Mehrwert in welchen Formen zu finden ist und was er uns bedeutet, was er uns wert ist.

Ohne das eher verachtete Establishment, gäbe es aber keinen Kunstmarkt?

Wahrscheinlich ist das so, allerdings ist der Kunstmarkt dieses Establishments ebenso verachtenswert. Zumindest ist er sehr fragwürdig.

Wann war der erste Moment der inneren Überzeugung, ein Künstler zu sein?

Das passierte sehr unbewusst schon als Teenager, so mit dreizehn, vierzehn. Im Rückblick gibt es eine ganz bestimmte Situation, die ich exakt erinnere. Ich war damals gerade aus der Haustüre getreten und stellte ich für mich in völliger Gewissheit fest, dass ich niemals einen regulären Lebensweg beschreiten würde. Nicht aus einem Abgrenzungswillen heraus, sondern weil ich es einfach spürte. Über die absolute Klarheit dieser Wahrnehmung war ich erstaunt. Dass mein Dasein in den Beruf des Künstlers mündete, scheint eine logische Konsequenz gewesen zu sein. Nicht dazuzugehören, bezog sich auf eine Gesellschaft, in der ich keinen Platz für mich sah. Dies erscheint, aus heutiger Sicht betrachtet, mir fast ein wenig traurig, doch darin zeigte sich schon damals eine Gewisse Distanz zwischen mir und der Welt, die bis heute anhält. Es hat mich aber nicht gelähmt. Im Gegenteil, es war wohl mehr ein Ansporn meinen ganz eigenen Platz zu finden, meinen Resonanzraum aus dem heraus ich heute als Künstler Teil dieser Welt sein darf.

„Planwerkstatt“ von Stefan Stichler

Foto: Thomas Lemnitzer

Lebt Kunst von Galerietramplern?

Kunst lebt aus sich selbst heraus.

Don‘t touch it! Muss Kunst unberührbar sein?

Das kann man nicht verallgemeinernd sagen! Kunst berührt uns auf so vielen Ebenen. Jedes Bild ist ein Fenster, durch das wir sehen und wenn es passt, werden wir direkt getroffen, fühlen einen Kontakt sogar körperlich ohne jede Art von haptischer Berührung. Ein solches Erlebnis kann in der Tat eine Reaktion hervorrufen, bei der die Hände etwas anfassen, oder die Nase etwas riechen möchte.

„Kunst lebt aus sich selbst heraus“

Ist Kunst erleben erlernbar?

Das glaube ich in der Tat. Ich möchte es aber nicht „erlernbar“ nennen wollen, denn es gibt nicht die eine Faustregel nach der ich auf Kunst zugehen kann und plötzlich klappt es. Es ist aber hilfreich für denjenigen, der sich mit Kunst beschäftigt über die Schulter zu schauen und sich an das Phänomen Kunst heranzuarbeiten.

Geht das auch als Erwachsener noch – wenn ja, wie genau?

Das ist unabhängig vom Alter. Neugier ist gut, auch eine gewisse Demut, erlernte und möglicherweise festgefahrene Strukturen aufbrechen zu wollen. Das gilt für jedes Neue, das sich einem zeigt und zu dem man eine Verbindung aufbauen möchte.

Auf welche Arten kann man Kunst erleben?

Ein Buch lesen, ins Theater gehen, einen Film gucken, Ausstellungen besuchen, Skulpturen im öffentlichen Raum umrunden statt vorbeirennen oder ins Museum gehen. Auch nur für ein einziges Bild. Sich davorsetzen und warten, was es mit einem macht.

Wie lange braucht man für ein Werk?

Bei mir ist das unterschiedlich. Generell male ich sehr zügig zu Beginn und werde im Verlauf immer langsamer. Dann brauche ich viel Zeit, um das Werk bewusst anzusehen. Ich schaue oft genau so viel wie ich aktiv male; das kann sich über Wochen hinziehen. Andere Bilder sind relativ schnell „fertig“, stehen dann aber im Atelier und warten dann doch erstmal eine Weile, bis ich sie schlussendlich freigebe. Manchmal male ich aber weiter – oder übermale sie.

„Ein Werk scheitert nicht, weil es nichts tut.“

An was scheitert ein Werk?

Ein Werk scheitert nicht, es tut ja nichts. Ich scheitere am Werk. Wenn sich keine Verbindung aufbaut oder mir diese im Prozess des Malens abhandenkommt, ist das der Fall. Es fällt mir schwer zu sagen, was genau da passiert. Man fühlt. In meiner Arbeit muss ich die Balance zwischen Kopf und Bauch, also Wort und Gefühl, finden. Ein Scheitern hat häufig mit einer Übernahme durch den Kopf zu tun. Auch das übertrage ich dann auf meinen Alltag und plötzlich ist die Kunst mir wieder ein Lehrmeister. Das Malen ist eine Allegorie des Lebens.

Darf man Kunst entsorgen?

Was heißt das? Wegschmeißen? Kaputt machen? Zerstören? Jeder Künstler darf mit seiner Kunst anstellen was er möchte. Nach einem Verkauf geht das nicht mehr, aber vielleicht ist ein Verkauf auch eine Art der Entsorgung. Aufräumen, Platz für Neues schaffen und gespannt sein dürfen was kommen mag.

Gibt es einen Arbeitsalltag?

Ich habe vorhin schon einmal Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ angesprochen. „Alltag“ ist komischer Weise negativ besetzt, bedeutet für mich aber schlicht Struktur, und eine Struktur brauche ich um arbeiten zu können. Strukturen sollten aber auch aufgebrochen, ergänzt oder verändert werden können. Auf diese Weise bleibe ich flexibel und kann auf äußere Impulse reagieren. Nichts ist in Stein gemeißelt. Auch das ist das Schöne an meiner Tätigkeit.

„Bewegung ist wichtig“

Was ist ein gutes Atelier?

Ein Atelier fühlt sich richtig an, wenn ich mich darin geborgen fühle. Wenn es meinem Wunsch nach Rückzug und Ruhe entspricht, was für mich zum Arbeiten wichtig ist. Es klingt paradox, doch ich ziehe mich zurück, um Verbindung aufzubauen. Außerdem brauche ich Platz um alle Schnipsel, Skizzen, Fotos, Zeitungsfetzen, also all diese Splitter der Welt ausbreiten und trotzdem groß malen zu können. Mein zukünftiges Atelier wird zudem noch eine große Fensterfront haben, die ich öffnen kann, um draußen den Garten riechen und den Vögeln zuhören zu können. Achtzehn Jahre im Industriegebiet kann ich langsam nicht mehr ertragen! Ach so, und eine Miniramp wird mittig stehen, um skaten zu können. Bewegung ist wichtig.

Stefan Stichlers Atelier in Frankfurt

Foto: Thomas Lemnitzer

Kommt Kunst von Können?

Na ja, eine künstlerische Begabung sollte man mitbringen, aber um etwas richtig zu können, braucht es die Übung. Aber nicht jeder, der gut zeichnen kann, wird dann auch Maler. Kandinsky sprach von der sogenannten „Inneren Notwendigkeit“ Kunst zu machen. Nach all den Jahren, die ich nun als Künstler verbringe, denke ich immer wieder an diese Beschreibung und kann spüren was er damit meinte. Man muss etwas können, es auch wollen, aber vor allem muss man es müssen.

Um das Können zur Kunst zu können: Braucht es dafür gutes Material?

Nicht wirklich. Kunst kann aus allen Materialien gemacht werden, die einem zur Verfügung stehen. Aber es ist wie in jedem Handwerk, mit gutem Werkzeug macht es einfach mehr Spaß zu arbeiten.

Welche Gegenstände sind für Sie unverzichtbar?

Mein Ghettoblaster ist unverzichtbar, auch mein Atelierstuhl, den ich noch von meinem Großvater übernommen habe. Der fehlte mir manchmal im Studio in Düsseldorf. Meine Freundin hat mir daraufhin einen schönen Stuhl vom Sperrmüll mitgebracht. Der hat es sogar schon auf ein Bild geschafft und ist der kleine Bruder des Frankfurter Originals.

„Man muss Kunst nicht unbedingt besitzen“

Wie bemisst sich der Preis eines Kunstwerks?

Das fragen sie am besten die Galerist:innen. Es gibt Parameter wie Bekanntheitsgrad, Museumsankäufe, usw. Das erkläre ich gerne jedem persönlich, der im Atelier vorbeikommt oder in der Galerie ein Werk kaufen möchte.

Warum ist Kunst für so wenige Menschen erschwinglich?

Das ist ganz einfach wie bei allen anderen Gütern auch: Wenn es teuer ist, schließt es viele aus. Das ist das Problem des Kapitalismus. Der Kunstmarkt ist nichts anderes, und wenn man sich die Entwicklung dieser NFT’s anguckt, weiß man wo entlang der Hase rennt. Aber man muss Kunst nicht unbedingt besitzen! Wenn man nicht bei dem vorhin erwähnten Gerhard Richter anfangen möchte: es gibt viel gute Kunst zu erschwinglichen Preisen.

Was ist der Preis, den man für ein Leben als Künstler zahlt?

Der Preis, den man zahlt, ist sich selbst als Person nicht an erste Stelle zu setzen, man ordnet sich unter. Man lernt den Verzicht und kämpft für Ideale. So gesehen alles gute Tugenden, aber die Kehrseite sind eventuell prekäre Lebensumstände. Keine oder schlechte Absicherung im Alter, wenn der Erfolg ausbleibt. So geht es vielen Menschen, aber dem Künstler wird attestiert, er hätte sich das so ausgesucht. Eine solche Position vergisst allerdings, von wo heraus eine Kunst und Kulturlandschaft erwächst. Würde jeder Künstler auf Nummer sicher gehen, wären die Museen irgendwann leer.

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