Innerliche Ortskonvergenz

Leben Gerhard Polt sorgt dafür, dass Menschen zumindest die Chance haben, im Kapitalismus etwas mehr sie selbst zu sein

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Er ist der Retter meines Urlaubs. Aber ganz anders als Sie nun denken mögen. Wenn man sich umhört, hört man vor allem eins: Menschen wollen reisen. Ob sie dabei sie sind, das gilt es zu bezweifeln, denn so wirklich mit sich selbst, will sich der spätkapitalistische Mensch gar nicht beschäftigen. Er ist dazu leider auch zu erschöpft. Abgründe könnten sich auftun, das will man vermeiden. Und um das zu verhindern, schaut man lieber auf Lanzarote in Abgründe, das ist dann zwar das externalisierte Gefühl, aber man kann mehr darüber staunen. Sie wollen die „Welt kennenlernen“ und „Dinge erleben“, sagen die Menschen und wirken dabei wie eine dogmatische Armee der Reisenden. Wer auch immer den Tourismus erfunden hat (was noch gar nicht so lange her ist), dem sage man: Chapeau! Denn es scheint, die Menschen gäben lieber ihr ureigenes Sein auf, als bitte auf diesen geliebten Urlaub zu verzichten. Denn sie meinen, oder man es ihnen so vermittelt, nur in dieser Zeit, könne man wahrhaft sein. Doch zum Sein gehört sich vorher erst einmal kennengelernt zu haben. Auch das möchten die Menschen wiederum tunlichst vermeiden, der Abgründe wegen. Die sind da, das wissen sie auch unterbewusst und umso bewusster verreisen sie.

Wellnesshotels, Strandbar, Rollerfahren, Jetski oder die beliebte Banane auf dem Meer. Wer sowas erfunden hat, muss sich innerlich sehr leer gefühlt haben. Und laut ist es in diesen Menschen. Und dieser Ruf der eigenen Unausgegorenheit, der muss überspielt werden. Koste es was es wolle; und wenn man sich auf eine depperte Banane über das Meer ziehen lässt. Die wenigen Menschen, die sich dem widersetzen, werden abgestraft durch die Armee der Rollkofferzieher und Schnäppchenreisenden. Denn der Urlauber kann sich den Urlaub, für den er so viel ackert, ja eigentlich gar nicht so richtig leisten. Also wird daraus ein Sport des Sparens gemacht, der eigentlich eine transformierte Form des selbstreduzierenden Masochismus ist.

Mit seinem Film „Man spricht deutsh“ errettete mich Polt vor dem Gefühl des immer-fehl-fühlens. Ich finde den Urlaub, den wir hier in Mitteleuropa betreiben, höchst merkwürdig. Schon als Kind fragte ich mich: was soll ich in diesen verstaubten Orten, die alle irgendwie gleich aussahen und auch sonst alles gleich erschien. Verklebte Speisekarten mit Länderflaggen, Hitze en masse und Menschen, die aussahen wie von der Verbrennungsintensiv Badehandtuch geflüchtet.
Aber man machte das dreimal im Jahr.
Das spannendste daran war das Fliegen dorthin. Das dauerte leider keine zwei Wochen, der Aufenthalt leider schon. Mit Wecker aufstehen (Zeit ausnutzen!), Buffet, in der Sonne braten, Pool, usw. Und immer dieses Gefühl der ablaufenden Zeit im richtigen Modus und das unaufhaltsame Aufziehen der Realität am Horizont, in Dinslaken wieder aus dem Bürofenster schauen zu müssen.

Ich kannte in den Neunziger Adorno noch nicht, aber mit seinem „kein richtiges Leben im falschen“ hat er bezüglich der Urlaubshaltung der Menschen recht. Die Menschen haben immer mehr und sind dabei immer unglücklicher (vgl. dazu Fromm: Haben oder Sein). Das wollte ich nicht, nie. Ich wollte nie in ein Wellnesshotel müssen, weil mein Alltag die Notwendigkeit dafür erst geschaffen hatte. Denn was war vor dem Wellnesshotel? Die Bedürfnisschaffung durch Suggestion, dass das Leben dieser Hotelform überhaupt bedarf.

Leben an sich selbst vorbei möglich?

Die Menschen leben an einem möglichen Leben konsequent vorbei. Und fühlen sich dabei auch noch vollkommen richtig. Jeder der das Verhalten infrage stellt, gilt als merkwürdig. Gerhard Polt ist nun achtzig geworden und müsste eigentlich vielen Menschen als merkwürdig erscheinen. Doch die Möglichkeit der Ansichtsverbreitung durch Kunst, sorgt dafür, dass Menschen dazu gebracht werden über sich selbst zu lachen ohne sich selbst angesprochen zu fühlen. Die Fähigkeit solche Höchstleistungen zu erbringen, bedarf der Entrücktheit aus dem generellen Kollektivismus, der die Empfindungen gleich mitkanalisiert.

In achtzig Jahren zu sich selbst gefunden

In dem Interviewband zu Polts rundem Geburtstag sagt der Titel mehr, als die meisten hektischen Kunden in einer Bahnhofsbuchhandlung zu begreifen bereit sind: „Ich muss nicht wohin, ich bin schon da“. Die Fähigkeit in sich selbst zu ruhen und sich nicht zur Geisel der Umgebung (Mensch und Ort) zu machen. Doch der Weg dahin ist den meisten verschlossen und wenn nicht, zu steinig. Bequem soll es sein, aber nicht, wenn es denn nicht billig ist. Vielleicht sollte Psychotherapie mit masochistischen Elementen zu Schleuderpreisen angeboten und dann durch Kompensationszahlungen des Staates ausgeglichen werden? Aber dann würde die ganze Tourismusindustrie zusammenbrechen, dann die Kosmetikindustrie usw. Das will ja keiner. Ein erfülltes, begehrreduziertes Subjekt in einer überbordend mit erwerbsnotwendigen Objekten ausgestatteten Welt – das wäre, als wenn man mit der Wasserbanane ins Tantris einliefe.

Aber die Menschen besinnen sich doch auf sich selbst, rufen Menschen entrüstet, wenn man sich kritisch äußert. Sie würden grillen, gute Produkte kaufen und mit dem Wohnmobil dem Tourismus die kalte Schulter zeigen. Ja, da haben wir wieder das Problem mit der analytischen Sichtweise. Denn wenn etwas geändert wird, unterliegt dieser scheinbar zum Besseren definierten Transformation die Tendenz zur parareligiösen Zwangshandlung. Wenn, dann alles richtig machen und durchtrampeln und sich damit wieder messen. Wer ist der Bessere? Das kompetitive Element übernimmt und schon wird die zarte Chance des sich-selbst-erreichens durch egomanisches Erreichungsgehabe. Und das Verreisen mit umgebauten Fahrzeugen ist in seiner Parareligiösität auch so ein ganz eigenes Thema. Es ist neben der Konformität als solche, eine Neben-Konformität entstanden. Nicht nur richtig in den Urlaub fahren, sondern auch durch trendabgeglichene Neben-Reiseformen auf die eigene nicht-Konformität hinweisen, um durch das Einhalten der als nicht-Konformität eben doch wieder in die Masse der Konformen zu fallen. Man tritt vom Wege ab, hat das Haus aber gar nicht verlassen.

Ohne müssen zu müssen

Gerhard Polt findet zu diesen ganzen Fragen des Seins in seinen gesammelten Interviews von 1990 bis jetzt Antworten. Andere Antworten, überzeugende Antworten, als die meisten sie finden würden. Kritisch, distanziert, Gesellschaftsbeobachtend. Ein Mensch, der in sich ruht, ruhen kann, die Momente wirklich genießen kann, ohne sie vorher für andere verbildlichen zu müssen. Er kann zu diesen Antworten nur das Ruhen in sich selbst gekommen sein. Denn die anderen müssen alle los, zum Termin, zu Freunden, zur Grillfeier, zu Irgendwas. Man sollte Polt zuhören. Gerade die, die immer meinen weiter zu müssen, sollten ganz genau lauschen. Einen Break machen. Sich zwingen dazu, mal nicht weiter zu rennen. Sich nicht suggerieren, das zu müssen, weil sonst sonstwas passiert.

Vielleicht sollte man Polt am meisten zuhören, wenn er nicht gerade auf einer (Fernseh-)Bühne zu denen spricht, die gedanklich schon den nächsten Urlaub planen. Der Interviewband, gibt Gelegenheit dazu.

Gerhard Polt: Ich muss nicht wohin, ich bin schon da. 230 Seiten. Interviewkonvolut. 23€

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