Am Abgrund zur Wirklichkeit

Literatur Michel Friedman legt mit "Fremd" eine prosaisch-lyrische Autobiographie vor, die seine innere Fragmentierung in Bernstein gießt

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Michel Friedman und Paul Ziemiak vor dem Brandenburger Tor am 20. Februar 2020, einen Tag nach den Anschlägen von Hanau
Michel Friedman und Paul Ziemiak vor dem Brandenburger Tor am 20. Februar 2020, einen Tag nach den Anschlägen von Hanau

Foto: David Gannon/Getty Images

Er wäre gern nach New York gegangen. Er hätte auf Wunsch des Vaters Arzt werden sollen, denn als Arzt könne man überall praktizieren. Er folgte dem Wunsch des Vaters bis zum Physikum. Er brach das Studium der Humanmedizin ab, wechselte zu den Rechtswissenschaften. Schloss das Studium ab. Promovierte im Bereich des Betriebsverfassungsgesetzes. Er ging nicht nach New York, aber er heiratete dort. Er blieb seiner Eltern willen, sie und er hatten gleichermaßen Angst, dass die Eltern seinen Weggang über den Atlantik nicht überlebten, obgleich sie schon an ihrem eigenen Schicksal lebendig verdorrt waren. Der Sohn erwuchs in einem Umfeld der Angst aus Erlebtem und weiterhin Möglichem. Die Familie siedelte aus Paris um nach Frankfurt. Der Arbeit des Vaters hinterher, der Pelzkaufmann war. Gegen den Willen des Sohnes, um des Finanziellen wegen. Andere trugen Parka, der junge Friedman Anzug und einen Hauch Paco Rabanne. Er half Damen in den Mantel, er war galant und wohl alles andere als raubeinig. Er war vieles, was in einem Deutschland, dass dem Vergessen überaus zugetan war, nicht als erstrebenswerte Eigenschaften galten und teilweise noch immer nicht gelten.

Friedman wollte zu sich finden und machte sich auf die aktive Suche. Das machen die meisten Menschen nicht. Sie flüchten sich in Lautes, in Grelles oder in beides zusammen: Pauschalurlaub. Nur ablenken, das muss es. Auch Friedman ging nicht freiwillig auf sich zu. Er zerstörte sich erstmal mit aller Bravour selbst. Schon Ende der Neunziger Jahre wirkte Friedman bei Interviews verbissen. Verbittert. Vertrauert. Dem Leben durch Eigenexposition entrückt. In der Sendung Durch die Nacht mit… (arte, 2002), die bei Youtube zum Kult avanciert ist, gelten insbesondere die Restaurantszenen als Inbegriff des noch nicht eingetretenen aber sich retrospektiv deutlich abzeichnenden Absturz in die Tiefen seines verschatteten Selbst. Und dann folgte das, wovon Friedmans Gegner bis heute noch zehren: Koks, Zwangsprostituierte, ein merkwürdiger Tarnname und eine betrogene Lebensgefährtin, die heute seine Frau ist: Bärbel Friedman. Sie habe ihm verziehen, weil sie Antworten auf alle ihre Fragen bekommen habe, sagte Friedman, die unter ihrem fernsehbekannten Nachnamen Schäfer als Rundfunkmoderatorin und Autorin arbeitet.

Der rettende Absturz

Die Pflege seiner Mutter auf der Intensivstation, der Tod der beiden Eltern, der Tod kurz darauf von Ignatz Bubis und das ewige Gefühl nicht dazuzugehören qua Dasein und qua gefühltem aber auch erlebten Anderssein führten Friedman auf ein Gleis der inneren Abwendung von sich selbst. Das konsequente Funktionieren und das immer ausuferndere berufliche Engagement sind Mechanismen, die allseits bekannt sind bei Burnout-Diagnosen. Dieser Tornado habe sein Leben gerettet, sagte Friedman im Jahr 2009 auf seinen Skandal angesprochen. Wahrscheinlich hat er damit recht. Recht hätte er auch, wenn er konstatierte, mehr dafür gescholten zu werden als andere. Bis heute sind Schnupfgesten und ähnliche Abwertungen Standard, wenn man von Friedman spricht. Sicher, er hat es zu Vorsicht, Friedman!-Zeiten gerne mal zwischenmenschlich überrissen mit seiner Bissigkeit, von der heute nichts mehr vorhanden ist. Das Menschen ihn für seinen Skandal bis heute ächten, hat aber natürlich antisemitische Gründe.

Es gibt ebenso beruflich bissig agierende Menschen ohne jüdischen Hintergrund. Diese werden aber anders rezipiert als Friedman. Woher kommt diese Haltung gegenüber einer Religion, von denen die meisten, die sich en passant ein Urteil darüber erlauben, gar nichts wissen? Es sind die Klischees aus Mündern von Menschen, bei denen man dachte, sie seien bei Trost. Und doch kommen dann immer wieder diese wie Kurzschlüsse wirkenden Beschreibungen von krummen Nasen, Geldgierigkeit und Geschäftssinn zu Tage, die Sprachlosigkeit erzeugen. Friedmans Haltung, nie schweigen zu dürfen, wenn immer noch solche Gedanken in der Gesellschaft bestehen, ist richtig.

Der unauflösbare Konflikt eines jeden Selbst

Der Schriftsteller Heinz Strunk meinte einmal, man solle Milde gegenüber sich selbst walten lassen. Friedman scheint in den letzten zehn Jahren zu einer Milde gegenüber sich selbst gekommen zu sein, die sich durch die Erreichung einer Kongruenz seiner immanenten Existenz und seiner inneren Empfindung hergestellt zu haben scheint. Das Studium der Philosophie mit anschließender Promotion haben ihr übriges dazu getan. Und natürlich nicht zu vergessen seine Familie, die Friedman großen Halt gibt. Seine Titel scheinen aber auch ein Schutz vor der öffentlichen Existenzfrage. Es ist der Burggraben gegenüber denen, die durch ihr Handeln und ihr Reden indirekt fragen, warum es so ein Individuum wie Friedman geben muss.

Friedman befindet sich mit seiner Existenz in einer unauflösbaren Konstruktion, dessen Gleichung nicht zu einer Seite aufzulösen ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, hat er aber zusätzlich eine komplexe Bürde der Vergangenheit zu tragen in einer Gesellschaft, die in und seit den Nachkriegsjahren das Vergessen zu ihrer Passion gemacht hat. In der ein Generalstaatsanwalt wie Fritz Bauer, der nicht weit von Friedmans heutigem Büro lebte, gegen abartige Windmühlen kämpfen musste, um eine irgendwie geartete juristische Aufklärung des Nazi-Regimes herbeizuführen. Und bis heute ist das Vergessen und das Verdrehen von Fakten eine Übung vieler Menschen, diese unfassbare Vergangenheit in eine Vergessenheit herüberzuschweigen.

Der Text der kurzen Sätze und langen Gedanken

Beim Schreiben ist bei Friedman eine Scheu zu erkennen. Seine Übung ist das gesprochene Wort. In seinen ontologischen Fragestellungen begeistert er im Theater (früher in Frankfurt, mittlerweile im Berliner Ensemble) ungeahnte Mengen an Menschen, die mit ihm und einem Gast mit jeweiliger Themenexpertise auf Denkreise gehen. In seinen Texten ist er bisher immer begrenzt geblieben. 2005 legte er mit Kaddisch vor Morgengrauen im Aufbau-Verlag eine romanhafte Autobiografie vor, die aber für Kenner seiner Vita nur formhalber mit dem Etikett „Roman“ versehen war. Nun legt er, siebzehn Jahre nach diesem Buch eine weitere Autobiographie vor, die er selbst so nicht nennt, die es aber aller Erkenntnis nach ist. Und auch hier bleibt er in einer Sonderform des Schreibens. Es ist eine Melange aus Lyrik und Prosa. Und trotz Vorbehalten entfaltet sich ein ganz eigener Ton aus dieser optisch als Gedicht daherkommenden Form. Sie spiegelt mit ihrer reduzierten Konstruktion die Sprachlosigkeit über das Geschehene und das zu Ertragende wider. Friedman hat mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen und seiner Wirkart als populärphilosophischem Denker einen Platz in der Welt aber vor allem in sich selbst gefunden. Es befreit nicht von Passagen innerer Einsamkeit, wie er sie beschreibt. Alles Glück in der Familie, der Erfüllung im Beruf können nicht das vergessen machen, was geschehen ist oder noch immer, meist mittelbar, ihm geschieht. Damit ist er schlussendlich nicht allein; unser aller Leben hängt an einem Faden dessen Dünne wir im Alltag ignorieren, vielleicht sogar ignorieren müssen. Irvin Yalom folgend, ist kein Mensch zur Verschmelzung mit anderen fähig und daher darauf angewiesen, seine Position im freien Raum für sich ganz allein zu finden.
Friedman hat sie gefunden und damit die Autarkie über sich selbst.

Michel Friedman: Fremd. Erschienen im Berlin-Verlag (Piper), Berlin 2022. 20€
michelfriedman.info

Hörspiel zu Fremd des Deutschlandfunks.

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