Seele im Licht

Roman Suhrkamp hebt nach und nach die Backlist seiner italienischen Erfolgsautorin Elena Ferrante. Die Autorin selbst kennt niemand, aber die Autorin kennt unser aller Abgründe
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Seele im Licht
Ist das Leben wirklich so, wie wir es auf Bildern sehen? Elena Ferrantes innerer Monolog könnte bei der Abwägung helfen

Foto: Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

Das Beste zu Beginn: Wenn Sie das Titelbild des Romans „Frau im Dunkeln“ angesprochen hat, gibt es gute Neuigkeiten. Das Bild ist von Massimo Vitali aus seiner aktuellen Ausstellung „Short Stories“, welche in London in der Galerie Mazzoleni gerade eröffnet hat. Das Buch zu dieser Ausstellung wird bald beim Göttinger Verleger Gerhard Steidl veröffentlicht. Seien Sie also gespannt.

Aber, kommen wir zum Wichtigsten – nicht zum Besten – dem Inhalt: Vergessen Sie das final mit der Bezeichnung „Roman“, es ist schlussendlich ein langer innerer Monolog einer Frau in den endenden Vierzigern, die mit ihrem gesamten Leben hadert. Das klingt auf den ersten Blick jetzt nicht wegebnend für den Kauf, aber vielleicht ist genau dieses Werk eine Hilfe, sich selbst mit den unausweichlichen Widrigkeiten des Lebens auseinanderzusetzen? Dem, was Sie – ja Sie da! – nie auf Instagram posten. Nein, was Sie sogar partout vermeiden wollen, es irgendwo – auch bei Dritten! – gepostet zu sehen.

Lesart abstrakter als allgemein vermutet

Die Lesart in den meisten Rezensionen ist dabei so banal wie die Sicht der meisten auf das Leben. Eine Frau in der Krise, tamtamtam. Lassen Sie es uns mal viel abstrakter sehen. Es ist die Paradoxie der Erfüllung (dazu empfiehlt sich, auch aus dem Hause Suhrkamp, Martin Seel: Paradoxien der Erfüllung). Alle Vorzeichen stimmen grundlegend, die Grundbedürfnisse sind erfüllt und trotzdem gelingt der Hochschullehrerin nichts in der Art, dass es sie befrieden würde. Sie hat einen ausreichend bezahlten Job, sie verfügt über Bildung und Können. Und dennoch, ihr privat-emotionales Leben ist verrottend. Ein Trauerspiel. Zu beiden Töchtern, die der Pubertät entwachsen sind, hat sie ein durchwachsenes Verhältnis, welches durchsetzt ist mit Schuldgefühlen und Enttäuschungen.

Die äußeren Handlungen – die Verletzung, die verschwundene Puppe – sind dabei nur zu vernachlässigende Rahmenhandlungen, die dem ganzen eine Lesegeländegängigkeit für die geneigte Leser*innenschaft ebnet. Wenn man den Roman von Elena Ferrante aber pur liest, erkennt man, dass es ein Gipsabdruck eines gut situierten Menschen der Jetztzeit ist. Anzunehmen, dass Ferrante selber hier ihr Leben projiziert und durchdekliniert. Im jederzeitigen Ringen um Erkenntnis. Ferrante ist, wenn Sie es noch nicht wussten, ein Pseudonym.

Innerer Lebensmonolog

Suhrkamp hat mit der Autorin, die nicht selber in Erscheinung tritt (wahrscheinlich wird es gute Gründe dafür geben), einen Jackpot an Land gezogen, denn die Geniale-Freundin-Reihe performt gut und der Verlag gab alles, das #FerranteFever zu befeuern. Die Unkenntnis über die Autorin ist da wie das Salz in der Suppe (aktuell erschienen: Elena Ferrante - meine geniale Freundin: Nicola Bardola, Reclam Verlag, Ditzingen 2019, 24€).

Nun hebt der Verlag nach und nach Ferrantes „alte“ Titel. Frau im Dunkeln ist beispielweise bereits 2006 in Italien erschienen. Nun in neuem Look und neuem Verlag im Regal.

Für jeden, der sich beim Anblick des Titelbildes Gedanken macht, ob das Leben wirklich so ist, wie wir es auf dem Bild sehen, der innerlich gerne mal mit sich hadert, könnte Ferrantes Monolog der inneren Lebensabwägung spannend sein.

Frau im Dunkeln: Elena Ferrante, Suhrkamp, Berlin 2019, 22€

11:20 25.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare