Selbstflucht

Leben Vielen Menschen sind trotz völliger Erschöpfung ständig auf Achse. Sie wollen nichts neues erleben, sondern partout sich selbst nicht begegnen
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Selbstflucht

Sie sei völlig erschöpft, stöhnt Mareike durchs Telefon. Wir telefonieren selten und kennen uns immer weniger. Mareike hat einen anstrengenden Beruf, Wechselschicht. Ihr Leben dreht sich um ihre ständig wechselnden Arbeitszeiten. So sozialer ein Beruf, umso weniger Wertschätzung – in welcher Ebene auch immer. Da hilft auf kein lächerliches Klatschen von Besserverdienern auf Balkons. Dagegen hat sie sich aber nie aufgelehnt, nie mokiert. Inzwischen wirkt sie aber, mit fast dreißig, wie eine immer müder werdende Person. Der Sinn des Lebens ist die Flucht vor dem selben, scheint ihre Mission zu sein.

Denn obgleich sie wirklich müde am Telefon klingt, sprudelt gleich aus ihr heraus, dass sie nun Urlaub habe – endlich! Doch statt sich auszuruhen, stellt sie sich nebenbei den Wecker. Sie müsse um sieben raus – Tapetenwechsel, ich verstünde schon.

Pause ist wie verlieren

Tue ich, und auch wieder nicht. Statt sich von ihrem wirklich anstrengenden Job einmal auszuruhen und bei sich zu sein, strebt sie gleich wieder hinaus. So wie Mareike geht es vielen Menschen. Sie sind auf Achse. Auf kapitalistischen Reisen. Wer Pause macht, verliert, flötete mir letztens mein Freund Mangold an den Kopf. Konsterniert blickte nicht nur ich, sondern auch alle anderen am Tisch. Aber Mangold meint das so. Und er fühlt es auch. Und da haben wir das Problem, welches einer Therapie bedarf. Oder einer Änderung im gesamtgesellschaftlichen Wertesystem. Und auch wenn man einer Pandemie nicht per se etwas Gutes attestieren sollte, so katalysiert sie in einigen Bereichen Dinge, die seit Jahrzehnten im Argen liegen. Und dort auch liegengeblieben wären. Denn die eine (kleine) Gruppe von Menschen, will gar nicht, dass sich was ändert (Herr Merz und Co.) und die andere, viel größere Gruppe, ist so müde vom Arbeiten, dass sie vor dem Protestgedanken am Fernseher schlicht wegpennt.

Arbeiten, mehr nicht

Die Menschen eilen, hasten, leisten und wissen auch teilweise um das Leid, was ihnen diese lebenstägliche Haltung beschert. Ändern tun sie es aber nicht. Die Energie zum Ändern fehlt, und der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist nichtmal mehr einen Papierspalt breit. Auf einen Arbeitsreflex folgt ein Leistungsreflex. Nur mit dem Ergebnis, dass der Reflex der Leistung sich in seiner Effizienz und dann in seiner Effektivität immer weiter aushölt, bis die Leistung nur noch ein Kokon der Entleerung ist. Ein Vakuummantel, dessen Etekettierung des Sinnvollen auf gar kein Fall erodieren darf, um ein Ausstoßen aus der Gruppe der ebenso müden, aber ebenso kaschierenden Gruppe nicht zu provozieren. Konstantin Nowotny schrieb in einem exzellenten Artikel letztens, dass die berufliche Beschäftigung in unserer Gesellschaft das Zugehörigkeitsrecht symbolisiert. Ob Sie ein dummes Arschloch sind oder nicht - gar nicht relevant. Nur schaffen sollten Sie, egal, welcher Gruppe sie nun angehören.

Trauriges Ritual der Selbstbestimmung

Wir wollen nach Hamburg, ein bisschen Bummeln und Shoppen, flötet mir Mareike durchs Telefon. Für mich Reizworte, da sie innerlich völlig ausgehöhlt sind. Die Menschen nehmen sie als Synonyme für Auszeiten, die keine Ruhe suggerieren dürfen. Auch in der Pause bleibt alles in Bewegung, im Movement. Wie Hamster in einer Spielelandschaft könnte man die Menschen zum „Bummeln“ aussetzen. Hin und herlaufen, "aja schön hier, ach toll, und jetzt Kaffeetrinken". Der Künstler Harry G. hat einmal ein sehenswertes Video darüber gemacht, wie sinnentleert die Menschen aus München nach Starnberg fahren und dort umhertrampeln. Es ist immer die gleiche Routine. Wenn sie nicht nur formell, sondern auch emotional ausgehöhlt wäre. Wenn man die Menschen fragt, was sie an dem Tag erlebt haben, zeigen sie einem die Teile, die sie gekauft haben. Das ist aber ein großer Unterschied. Und ein trauriger sogleich. Denn erlebt haben die meisten Menschen nur den Strom des vorankommenden Seins, mehr nicht. Die Erhaltung der proklamierenden Lebensberechtigung, dokumentiert in Social-Media-Stories. Was, ihr habt nichts gemacht am Wochenende? Was, ihr wart am Freitagabend zuhause? - Fragen, die man regelmäßig in schrillem C-Dur an den Kopf bekommt. Dahinter steckt weniger die wirkliche Erschütterung über die einzelne Situation, als vielmehr die Verwunderung, nicht jede Chance aus dem Korsett der Leistung zu entfliehen genutzt zu haben.

Mareike donnert natürlich mit dem Auto nach Hamburg rein und abends donnert sie dabei fast aus dem Leben. Vollbremsung auf der A2. "Da kam plötzlich so ein Stau!". Das ist aber dann auch egal und wird nur im Nebensatz erzählt. Dass sie vollkommen übermüdet war, auch egal. Hauptsache was anderes sehen. Aber wieso wollen die Menschen nie dort sein, wo sie eigentlich sind? Vielleicht ist dieses Rasen auf der Autobahn aber auch der letzte, technisch mögliche und körperliche erfahrbare Freiheitsreflex, der mal so ganz progressiv geraten, auch eine Nuance suizidaler Tendenz beinhalten könnte. Dann aber auch post mortem nicht mit dem Makel "begang Suizid" (was ein Verlieren darstellt), sondern "kam auf dem Weg zur Arbeit..." oder "auf dem Weg in den langverdienten Urlaub bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben". Das wäre dann ein gesellschaftlich "akzeptabler" Tod.

Ohne innere Kontur

Die Menschen sind völlig leer. Abgebrannt. Müde. Verbraucht. Dagegen gilt es etwas zu tun. Denn warum die Menschen auch im Urlaub nicht zur Ruhe kommen wollen, hat einen leicht zu erklärenden Grund: mit der Ruhe kommen die Gedanken, kommt die Abstraktion von sich selbst. Die Leere, die Erschöpftheit wird spürbar. Und damit kommt die Angst. Vor der Erkenntnis doch im ganzen Erreichen versagt zu haben, keine innere Kontur mehr zu spüren oder Dinge zu spüren, die der Lärm im Alltag zur Gänze (dankbarerweise) verschluckt. Die Bewusstwerdung dieses Missstandes, macht vielen Angst. Denn wissen tun sie dies schon. Vielleicht können sie es nicht verbalisieren, vielleicht auch nicht ertragen. Es macht sie wütend, hilflos, sauer. Gegen sich und andere. Gegen ein System, was einfach so zu sein scheint.

Der rbb sendete letztens eine Dokumentation über Pendler. Es ist ein Trauerspiel wie Menschen für ein scheinbar schöneres Leben auf dem Land, jeden Tag Stunden in einem überfüllten Zug verbringen, um dann auch noch acht Stunden zu arbeiten. Friedrich Merz hat zurecht Angst. Die große und müde Gruppe merkt jetzt: es geht auch anders. Es ist, insbesondere technisch, möglich. Da ist in den letzten Monaten enormes argumentatives Hebelpotential entstanden.

Aber der Gruppe der Menschen, die nur hands-on arbeiten kann, hilft das nicht - ganz im Gegenteil. Vielleicht bekommen diese noch einen Malus on top durch diese Digitalisierung: wenn die Menschen die Wahl haben zwischen einem Home Office, oder einer hands-on-Arbeit und dem dazugehörigen Arbeitsweg. Wer will das noch in Zukunft? Und es sind ja gerade die Berufe, die auch schon vor Corona nicht durch anerkennende Bezahlung auffielen.

Dysfunktionalität als ausgrenzender Malus

Wie unser ganzes Leben in der etablierten ökonomischen Struktur, ist alles ein Tauschhandel. Man gibt seine Arbeitskraft und bekommt dafür Werte, die man wiederum einsetzen kann, um in der Struktur etwas von Wert zu erhalten. Dabei ist die Frage, wie viel von diesem Lohn (o.ä.), den man für seine Arbeit bekommt, für die Grundbedürfnisse benötigt, und wieviel man zur freien Verfügung hat. Rein kapitalsitisch betrachtet, reicht es, wenn man von der Entlohung überleben kann. Und vielleicht noch ein bisschen "leben", also sich "Luxus" gönnen kann.
Dieser Luxus wird entsprechend verknappt (durch Begrenzung des Lohns) und durch Marketing entsprechend mental aufgeladen und damit das Begehr geschürt. Gleichzeitig wird der Verlust von Status (meistens bedingt durch körperliche und/oder finanzielle Dysfunktionalität) als Malus definiert, was folglich dem Streben nach einer Absicherung dienen soll (und wieder Ausgaben bedeutet).

Doch eine Sache wird dabei wiederum vergessen: es geht, auch dem hyperkapitalistischen Menschenwesen, nicht immer um quid pro quo auf der finanziellen Ebene. Es geht um Selbstverwirklichung (Sinn bei der Arbeit) und Selbstbestimmung. Beides ist in den Industrieberufen oft auf ein Minimum beschränkt. Wenn man das Buch Bullshit Jobs, des leider kürzlich verstorbenen David Graeber liest, schaudert es einen, da nach seinen Thesen, viele Jobs völlig sinnentleert sind und nur der Lebensberechtigung in einem durch Leistung sich selbst begründenden System sind.

Bitte keine Selbstbestimmung

Der Leistungserfüllung durch das Individuum ist durch möglichst geringe Ressourcen an Selbstbestimmung zu erreichen, weswegen diese auf ein Minimum reduziert ist, bzw. reduziert war. Wie Konstantin Nowotny in seinem Artikel ausführt, haben wir uns die Arbeitszeit von 80 auf 35 Stunden erkämpft - und trotzdem brach die Wirtschaft nicht zusammen. Wie sie wohl in ihrer Grundform der undefinierten Existenz immer weiterexistieren wird, weil nie alle Menschen am Strand liegen werden können und wohl auch gar nicht wollen.

Jedoch ist es so mit Bedürfnissen: wenn man nicht darf, will man umso mehr. Und so braucht der Mensch eigentlich Ruhe, wenn er mal nicht arbeiten muss, aber nun bietet sich die kurze Gelegenheit der Selbstbestimmung und diese wird im pawlowschen Sinne mit aller Verve und einem riesigen Aktionspotential genutzt. Was sich dabei nicht auflädt, sind die leeren Batterien der Arbeitnehmenden. Sie sind leer und werden auch nicht durch "Bummeln" (so frei es auch scheint) aufgeladen. Die meisten Urlaube sind, entgegen jeder Darstellung in den Sozialen Medien, ein Ritt auf der diplomatischen Stress- und Streitkante. Man muss nur lange genug nachfragen, oder eben genauer zuhören. Mareike will von alldem nichts wissen. Sie plant ihren nächsten Urlaub in aller Ferne. "Das lasse ich mir von Corona nicht kaputt machen", tönt sie am Telefon und stellt dabei ihren Wecker auf 03:50 Uhr. Sie muss ja noch zu ihrem Pferd, das hatte sie ganz vergessen.

Nein, ihren Urlaub lässt sich Mareike nicht nehmen. Ihre Lebensbestimmung, schon. Schuld ist sie daran nicht. Kein einzelnes Individuum ist kontextual in der Weltwirtschaft "schuld". Damit sollen nämlich erst reaktionslimitierende Schuldgefühle erzeugt werden. Nein, Schuld (wenn man das so nennen kann) ist das System selbst.

Ran an die Änderung, kann man da nur sagen.

03:13 04.10.2020
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