Mäandernde Realiterintrospektion

Sinnsuche Arno Camenisch zaubert in Hochkomprimierung einen dreidimensionalen Horizont der grenzüberschreitenden Selbstwahrnehmung

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Wer nicht losgeht, wird auch nicht ankommen
Wer nicht losgeht, wird auch nicht ankommen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Musikhinweis: Sparks When Do I Get to Sing ´My Way´

Was ist der Zauber von Büchern? Ihr Umfang? Ihr Thema? Ihr Cover? Oder eben doch die Schwingungen, die unsichtbar zwischen den Zeilen entspringen und einem Werk die Einzigartigkeit geben - oder es eben diesem versagen? Die Schwingungen sind das Wahrscheinlichste und doch das, was am wenigsten akzeptiert wird. Metaebenen kann man so schlecht messen, aber der moderne Menschen möchte messen, um zu begreifen, begreifen zu können und zu beweisen. Denn nichts ist Etwas ohne Beweis. Denken Sie nur an die Menschen, die meisten, die ohne einen Fotobeweis keine schönen Momente mehr erleben können, weil nicht mehr dürfen. Auch keine schrecklichen. Nichts ist mehr ohne Beweis. Die innere Existenz ist dem Dokumentieren seines Selbst verpflichtet worden. Ist daher ein undokumentiertes Leben ein nicht wahrhaft stattgefundenes? Oder ist es gar so, dass die Generationen, die qua Geburtsjahr ohne technologische Möglichkeit der überbordenden Selbstdokumentationsmöglichkeit aufgewachsen sind, das letzte Recht auf undokumentierte Existenz hatte?

Der Beweis des Lebens ist der Beweis des Lebens

Menschen, die nicht zeigen mussten, wo sie waren, um das innere Abbild entwickeln zu können, dort auch wirklich gewesen zu sein. Arno Camenisch nimmt den Lesenden an die Hand in eine Zeit der Jahrtausendwende in der der namenlose Ich-Erzähler, in dem man Camenisch sehen kann (oder soll), aber beileibe nicht muss, der Welt entrückt, als die Welt ihm sicher zu sein scheint. Nach Schule, dann der grausigen Armee-Zeit (Anm. d. Autors: In der Schweiz hat die Armee für das spätere Berufsleben eine viel relevantere Bedeutung als in Deutschland), in der der Protagonist lernt unsichtbar zu werden, um der Fremdbestimmung zu entrinnen, kommt nun der Weg in den Beruf, der mit dem Angebot einer Festanstellung in eine scheinbar herrlich gesetzte Zukunft sich zu drehen scheint. Doch der Protagonist nimmt Anlauf in das, was er selber als Leben erst durch Auslotung der inneren und äußeren Räume erfahren will. Er geht auf Reisen und in diesen Beschreibungen spannt Camenisch die Flügel der Literatur weit auf und lässt den Lesenden in die Innenwelt eines real-möglichen Menschen blicken. Doch jede Reise nimmt ein Ende, jede Sorglosigkeit hat eine gegenteilige Entsprechung.

Zurück dorthin, wo Heimat war und Leere ist

Zurück in der Schweiz stellen sich die Fragen des Lebens. Wie ankommen? Wie wieder eingewöhnen? Oder überhaupt eingewöhnen? Und wenn ja, wozu? Warum ist das alles nur so eng? Zwischen den Bergen der Schweiz, der Heimat, brauen sich dunkle Wolken des Schicksals am Horizont zusammen und türmen sich weiter auf. Die Mutter wird malad, aber in einer Weise der schweren Verständlichkeit für Dritte (vgl. hierzu Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gemüse). Eine Frau erscheint in der Entfernung und scheint doch der Ankerpunkt für ein Leben zu sein, was auf der Suche war, wie jedes Leben, was sich durch das erste Drittel der Anwesenheit auf dieser Erde quält. Ja, es ist wohl immer ein Quälen, ein Ringen, ein Verzweifeln in der Hoffnung auf das haltgebende Morgen. Das Leben, was Ankerpunkte sucht, Verlässlichkeit, und bedingungslose Geborgenheit. Doch wer wird dies wirklich erfüllen können - und wer wird der Sorge der Unerfüllbarkeit dieser tief in uns veranlagten Wünsche Anschub verleihen?

Losgehen ist nicht das Ziel, aber der Weg

Mit Die Welt zeichnet Arno Camenisch eine große Biografie der allgemeinen Sinnsuche, dekliniert an einem Menschen auf der Bruchkante zur Digitalität. Er schafft dabei eine Aura der seelischen Introspektion, die sich nicht voyeuristisch anfühlt und dennoch jeden Lesenden zumindest an die Hand zu nehmen versucht. Denn auch das ist Leben: Freiwilligkeit und der intrinsische Wille der Aufnahme des eigenen Weges unter Inkaufnahme von Verletzungen. Denn kein Leben ist ohne Verletzung. Aber wer nie losgeht, wird nie ankommen. Wer nie ankommt, wird nie die Freude der Erreichung des inneren Selbst genießen können.
Arno Camenisch ist losgegangen; mit sich selbst und dem Protagonisten. Und er bietet uns an, mitzugehen.
--- Das sollten Sie sich überlegen.

Arno Camenisch: Die Welt. Diogenes Verlag. 138 Seiten. 22€
Auch als Hörbuch verfügbar, gelesen vom Autor mit dessen rätromanischen Dialekt eine besondere Hörerfahrung.

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