Der stille Meister

Visuelles Buch Der Fotograf Werner Bartsch fertigt seit Jahrzehnten beeindruckende Portraits. Nun erschienen sie als Konvolut im Steidl-Verlag
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Günter Grass
Günter Grass

Foto: Werner Bartsch

Ob das da ein Fotobuch sei, fragt mich meine Assistentin, als ich mich an der Buchsendung mit einer Hand fast verhebe. Ja, so ähnlich retourniere ich und erinnere mich, wie ich vor nicht allzu langer Zeit wie sie von „Bilderbüchern“ sprach – und das im Gegensatz zu ihr nicht gehaltvoll meinte. Doch das Fortleben hat immer seinen Vorteil: man kann sich entwickeln. Durch den hervorragenden Dokumentarfilm „How to make a Book with Steidl“ lernte ich, was es überhaupt für eine außerordentliche Kunst ist, Bücher mit Bildern zu drucken. Die Fachwelt spricht übrigens von „visuellen Büchern“. Mit Gerhard „Gerd“ Steidls Verlagswelt lernte ich eine ganz neue Welt kennen. Über Buchdruck und Farben hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Dass Bücher riechen können, schon. Doch das ein Verleger dazu aufruft (bei Steidl ist es eher ein Befehl), an seinen Druckwerken zu riechen, das schien geradezu verboten.

Das was in der völlig unauffälligen Düsteren Straße Nummer 4 in Göttingen geschaffen wird, sind wohl die besten visuellen Bücher der Welt. Ich kenne zumindest keinen Verlag, der das aus Bildern rausholt, was Steidl schafft. Jedes Werk ein Unikat. Alle in der Düsteren Straße gedruckt, alle bei guten Buchbindereien veredelt. Wer bei Steidl verlegt wird, der hat es geschafft. Bei ihm wird die Weltelite der Fotografen gedruckt und die sagen brav danke. Martin Parr (kennen Sie seine grandiose „bored couples“-Serie? Googlen!), Alex Soth, Ed Ruscha, Joel Sternfeld oder auch Karl Lagerfeld (ja, der konnte fotografieren).

Helmut Schmidt duldete ihn nicht nur

Werner Bartsch wird diese Ehre nun auch zuteil. Sie kennen Werner Bartsch nicht? Das stimmt wohl – und dann doch wieder nicht. Denn wenn Sie mal ein gut gemachtes Portrait von Helmut Schmidt gesehen haben, dann war es mit großer Wahrscheinlichkeit von Bartsch. Mit seinem neu bei Steidl erschienenen Band „Zeitaufnahmen“ legt er ein grandioses Kaleidoskop der Möglichkeit der Fotografie des menschlichen Individuums vor. Eine Melange aus mehreren Jahrzehnten der Portraitfotografie. So schafft er es, Prominente in einem stimmigen Umfeld mit der richtigen Atmosphäre so einzufangen, dass mehr bleibt als die öffentliche Wirkung.

Bartsch gelingt die Menschfindung in den Bildern. In einer Zeit, in der jeder meint, er könne mit einem Smartphone gute Bilder machen, beweist dieser Bildband wieder, dass Kunst von Können kommt – und das Können nicht durch Technik, sondern durch Menschsein, durch Empathie, durch Einfühlungsvermögen entsteht. Portraitierte müssen sich öffnen und dazu muss der Portraitierende ihr Vertrauen allumfassend gewinnen. Er muss sie hadern, zögern und sie dann sich auch präsentieren lassen. Er muss der laute Stille sein. Der Sicherungsraum gebende. Fotografierende machen da oft viel falsch. Sie nerven, machen unpassende Witze, sind laut, gucken dümmlich oder wollen etwas durchsetzen, was gar nicht stimmig ist. Bartsch ist aber ein Meister des Gewährenlassens. Des in-sich-selbst-bleiben-dürfens. Als Günter Grass seine Augen nicht schließen will für eine Einstellung, lässt ihn Bartsch Tagträumen. Bartsch gewinnt durch nicht-gewinnen-wollen. Wer von Helmut Schmidt nicht nur schnodderig- geduldet, sondern fünfundvierzig Minuten gewährt lassen wurde, hat den Olymp erklommen. In Falle von Bartsch sogar mehrmals.

Kunst kommt von Können. Bartsch kann

So besucht man Gerhard Richter in seinem Kölner Atelier (dem Bartsch nicht seine Licht-Orgel aufzwängte), Günter Grass in seinem Haus nahe Lübeck, man erlebt eine Serie Close-Ups von jungen Menschen bevor sie in die Weiten der Welt schreiten oder Menschen wie Otto Waalkes, dem Bartsch hinter den schnellen Witz blicken darf. Das wichtigste an Bildbänden ist, sie erleben zu können. Sie erleben zu wollen ist das zweitwichtigste. Das Vorwort von Bartsch selbst gibt spannende Einblicke in einige der Shooting-Szenen und die Typographie ruft „Bauhaus“ und passt sich in Bartschs hellen, stillen, nordischen, feingliedrigen Stil. Abgeschlossen wird das Werk von Fotografien der Helmut-Schmidt-Reihe, die auch schon aus dem leider vergriffenen Werk „Helmut Schmidt bei der ZEIT“ bekannt sind, sowie einem Nachwort von Stefan Gronert. Werner Bartsch ist ein stiller Meister, Menschen wortlos zu portraitieren, anstatt sie zu fotografieren.

Werner Bartsch: Zeitaufnahmen ist erschienen im Steidl-Verlag, Göttingen 2022, 45€
Website des Fotografen: wernerbartsch.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan C. Behmann

freier Autor • "Von Ihrem Tun und Wirken, läse ich gern weiter.“ Peter Handke.
Jan C. Behmann

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