Von ‚Spiegelfickern‘ und anderen Sorgen

Interview Britta Kagels trägt Kafkas Unterschrift auf dem Arm und die Literatur im Herzen. Reicht das für den Erfolg?
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Von ‚Spiegelfickern‘ und anderen Sorgen

Foto: Britta Avalon Kagels

Wo trifft man aufstrebende Autorinnen: Auf der Buchmesse? Falsch! Der Instagram-Algorithmus schlägt mir die 31-jährige Berlinerin vor. Mit athmosphärischen Fotos ihres Autorinnendaseins lässt sie 1000 Abonnenten teilhaben an dem, was nach außen hin wie die romantische Vorstellung von Schreibarbeit wirkt. Anlass genug, genauer nachzufragen.

Frau Kagels, Sie schreiben in Ihrem Buch „Finger weg von diesen Typen“ von ‚Spiegelfickern‘. Was zeichnet diese Menschen aus?
In meinen beiden Büchern widme ich mich auf humorvolle Weise der zwischenmenschlichen Annäherung von Mann und Frau. Bei meinen Recherchen bin ich auf unzählige Dating- und Männergeschichten gestoßen. Der „Spiegelficker“ war eine Erscheinung, die mir oft begegnet ist. Er schläft nicht mit Menschen, sondern vielmehr mit sich selbst. Diese Männer suchen beim Sex eine Bestätigung, gehen dabei aber nicht auf den anderen ein, sondern füttern nur ihr Ego.

2008 sagten Sie dem Tagesspiegel, Sie mögen keine Schnulzen, sondern reflektierte Romane. Bei Schwarzkopf & Schwarzkopf legten Sie aber zwei Bücher in schnulzigem Umfeld vor. Warum?
Ich liebe noch immer reflektierte Romane. Aber ich verändere mich auch. Die Aussage ist schon lange her. Damals dachte ich, dass Literatur nicht unterhalten darf. Like Kafka: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Aber ich schreibe vielfältige Texte. Egal ob Romane, Kurzgeschichten oder Lyrik. Die zwei Bücher von mir, die veröffentlicht wurden, bringen die Leute zum Lachen und das ist ein schönes Gefühl. Ich bin privat nicht lustig, daher freut es mich, dass ich auf dem Papier Menschen amüsieren kann.

„Mein Körper ist Lachen nicht gewohnt“

Was bedeutet es, privat nicht lustig zu sein?
Meine Freunde nennen mich „der Papst“, schon seit Jahren. Ich glaube das sagt alles. Mein moralischer Zeigefinger hing oft weit oben, aber ich habe mich verbessert und an mir gearbeitet. Der Satz: „Sei doch mal nicht so ernst“, begleitet mich seit meiner Kindheit. Zuhören und emotionale Dinge sind eher meine Stärken als unterhalten und rumblödeln. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich im Jahr Tränen lache. An einem besonders lustigen Tag habe ich Muskelkater in meinen Mundwinkeln und wenn es besonders heftig wird, Seitenstiche. Mein Körper ist Lachen nicht gewohnt. Ich bin privat einfach unlustig. In den Büchern geht das jedoch irgendwie - hoffe ich zumindest.

Auf Instagram zelebrieren Sie den alten Autorinnennimbus: Schreibmaschine, dunkle Kammer, Kalligraphie-Gedöns. Was hat das mit der realen Autorinnenarbeit zu tun?
Das ist tatsächlich so. Ich sammle alte Dinge, Schreibwerkzeug und verfasse auch regelmäßig Briefe auf meiner Schreibmaschine aus den dreißiger Jahren. Die Vorhänge sind meist geschlossen und ich bin am liebsten in meinem Zimmer und schreibe. Die Arbeit als Autorin spielt sich natürlich überwiegend vor dem PC ab, den besitze ich neben meinen antiken Schreibutensilien selbstverständlich auch. Ich gestalte meinen Arbeitsplatz so, dass ich mich wohl fühle.

Ich las über Sie: „Sie schrieb mit 11 ihren ersten Roman“. Ist das inszenatorisch nicht etwas dick aufgetragen?
Leider weiß ich nicht wie ich es anders nennen sollte. Es war nun mal mein erstes Buch, welches ich damals, als Grundschülerin schrieb. Vorzugsweise auf kleine Papierblöcke im Matheunterricht. Natürlich ist die Qualität unterirdisch. Das könnte man heute so niemals veröffentlichen. Mit dem Buch nahm ich Jahre später an einem Wettbewerb teil und bekam positives Feedback. Das war sehr wichtig für mein junges Ich. Also schrieb ich motiviert weiter.

Mathias Döpfner, heute Chef der Axel Springer SE, legte sich zu Berufsbeginn als Musikkritiker die wohlklingende Namensschreibweise M. O. C. Döpfner zu. Er gab das dann schnell wieder auf. Wie kommt es zu Ihrem Mittelnamen „Avalon“?
So nennen mich viele Menschen in meinem Umfeld. Den Namen gab ich mir mit 14 Jahren, als ich anfing mich für spirituelle Dinge zu interessieren. Avalon kommt von der Geschichte „Die Nebel von Avalon.“ „Britta“ fand ich als Teenagerin zu langweilig, also gab ich mir diesen dazu und behalte ihn bis heute bei.

„Ich werde Schriftstellerin“

Ab wann war Ihnen klar, Autorin zu sein?
Mit neun Jahren sah ich einen Horrorfilm von Stephen King bei meiner Freundin. Ich hatte schreckliche Alpträume und fing an, die Geschichte aufzuschreiben. Dann folgten die nächsten Texte und schließlich ging ich mit meiner ersten Kurzgeschichte am Abend ins Schlafzimmer meiner Eltern und sagte: „Ich werde Schriftstellerin“. Da war es absolut klar für mich. Das wurde anfangs belächelt, doch irgendwann verstanden sie, dass es mir sehr ernst damit war. Doch ich wusste auch, dass die wenigsten davon leben können, also wollte ich studieren und einen Beruf erlernen, um abgesichert zu sein.

Gibt es einen Unterschied zwischen Autorin darstellen und Autorin sein?
Ich kann nur für mich sprechen. Ich versuche nichts darzustellen, was ich nicht bin. Wenn Menschen sich durch eine Kunst, einen Beruf oder was auch immer identifizieren, tragen sie nicht selten dazu passende äußere Merkmale nach außen. Nicht umsonst sagen wir: „der/die sieht irgendwie aus wie ein*e Künstler*in.“ Wenn man für etwas brennt, kann man das selten verbergen.

„Autoren sind recht einsame Künstler“

Brauchen Autor*innen ein Kollektiv?
Autor*innen sind meiner Erfahrung nach recht einsame Künstler*innen. Man entscheidet sich bewusst dazu, mit anderen in Kontakt zu treten. Ich versuche das immer wieder und tausche mich sehr gerne mit Schriftsteller*innen aus und nehme jede Kritik dankend an. Auch bei Instagram konnte ich bereits Verbindungen knüpfen. Ich habe ein paar Freunde, die auch Autoren sind. Manchmal treffen wir uns, lesen uns Gedichte vor und loben oder nörgeln aneinander herum.

Woher generieren Sie Ihre Leser*innen?
Auf die Bücher „Einmal Sex und ein bisschen Liebe“ und „Finger weg von diesen Typen“, werden die Leser*innen im Buchhandel oder in den Medien aufmerksam. Mit den Gedichten auf Instagram ist das anders. Da wird man durch gemeinsame Interessen entdeckt.

Wer sind Ihre Leser*innen?
Bei den Büchern tatsächlich überwiegend Frauen, würde ich behaupten. Ich bekomme öfter Rückmeldungen von Damen, die mir ihre Dating- oder Männergeschichten erzählen. Bei den Gedichten ist das bunt gemischt.

„Meine Eltern haben meine Pubertät immer noch nicht verarbeitet“

Was muss ein Verlag bieten?
Ich muss mich wohl fühlen bei meinem Verlag, auf Augenhöhe arbeiten können und brauche den Austausch bei einem neuen Buchprojekt.

Was bringt ein Literaturagent?
Für mich bedeutet ein Literaturagent eine professionelle Betreuung. Ein Agent hat Kontakte zu Verlagen, weiß welche Themen gerade gefragt sind und gibt mir ein Feedback zu dem Manuskript. Ich habe mich bewusst dazu entschieden.

Wie sind Sie im sozialen Umgang?
Ich empfinde mich als umgänglich, achtsam und sensibel im Umgang mit Menschen, muss ich ja auch als Pädagogin. Aber das würde sicherlich auch nicht jeder bestätigen. So wie meine Eltern, die haben meine Pubertät noch immer nicht verarbeitet.

„Verkaufszahlen sind wichtig“

Was bedeuten Verkaufszahlen für Sie?
Verkaufszahlen sind natürlich wichtig. Je besser die Zahlen sind, desto mehr kommt man dem Ziel nahe, irgendwann davon leben zu können. Ein Buch zu schreiben klingt immer recht romantisch, aber es kann Monate oder Jahre dauern und wenn man nebenbei noch arbeiten muss, dann schafft man das oft nicht, ohne im Urlaub und an den Wochenenden an seinen Texten zu arbeiten.

Welches Feedback tut weh?
Weh tun weniger. Es gibt Feedback, das mich ärgert. Wenn Leute beleidigend werden, was es auch schon gab. Das meiste ist glücklicherweise konstruktiv. Ansonsten finde ich Feedback immer wichtig, auch wenn jemand sagt: „dein letztes Buch fand ich nicht so gut, weil...“.

Wäre Selfpublishing eine Option gewesen?
Das war bisher keine Option für mich. Ich wollte immer bei einem Verlag landen und mein Buch professionell „frisieren“ lassen. Bei meiner Rechtschreibung wäre ein Selbstlektorat nicht empfehlenswert. Ich habe dennoch einmal darüber nachgedacht, denn nicht jeder Verlag nimmt jedes Genre. Das letzte, unveröffentlichte, handelt von Zeitreisen und darüber, wie faschistische Strukturen entstehen. Es werden viele gute Bücher geschrieben, die nie einen Verlag finden. Da bleibt manchmal nur diese Möglichkeit, es selbst zu veröffentlichen.

„Schreiben ist für mich das pure Leben“

Ist Schreiben Leben?
Für mich schon. Wenn ich keine Zeit zum Schreiben habe, bekomme ich schlechte Laune und werde unausgeglichen. Das war schon als Kind so. Ich muss nicht in den Urlaub fahren, ich reise gerne in meinem Kopf und erfinde Welten in mir. Es klingt kitschig, aber wenn ich schreibe, fühle ich mich unsterblich und so lebendig, wie bei keiner anderen Handlung. Also ja, schreiben ist für mich das pure Leben.

Können Sie vom Schreiben leben?
Noch nicht. Aber ich wünsche mir, dass es irgendwann mal so sein wird. Man muss wahnsinnig viele Bücher verkaufen, bevor das möglich ist und das sollte dann natürlich so bleiben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Autor*innen noch einen Beruf nebenher ausüben.

Sie haben einen Studienabschluss in ‚Elementarer Pädagogik’. Wobei hilft Ihnen das?
Ich habe schon öfter mit Kulturpate e.V., unter der Leitung von Misha Bolourie, Literaturworkshops an Schulen durchgeführt. Da mischen sich Pädagogik und Literatur. Es berührt mich sehr, wenn ich sehe, wie Kinder ihre Gedanken in Form von Worten aufs Papier bringen und ihre Texte, stolz wie Bolle, auf der Bühne vorlesen. Vor zwei Jahren arbeitete ich mit Kindern einer Willkommensklasse zusammen, die ich als Pädagogin auch betreute. Das war eine wertvolle Erfahrung.

„Kafka steht mir nahe“

Auf deinem linken Handgelenk ist die Unterschrift Franz Kafkas. Wieso Kafka?
Kafka ist meine erste große Literaturliebe. Als ich noch jung war, zeigte mir mein Bruder ein Buch von ihm und ich las seine Parabeln. Ich hatte das Gefühl, dass mir dieser Mann aus der Seele schreibt. Danach verliebte ich mich in andere Schriftsteller, wie Hesse, Zweig, Kaleko oder Fried, aber Kafka prägte mich in einer sensiblen Phase am stärksten und begleitete mich beim Erwachsenwerden. Manche Menschen lassen sich die Namen ihrer verstorbenen Verwandten tätowieren, damit sie ihnen näher sind. Auch wenn ich Kafka nie persönlich kannte, erkenne ich mich in seinen Worten wieder und somit steht er mir nahe.

Was bedeutet die Nacht für Sie?
In der Nacht bin ich am produktivsten. Wenn alles ruhig wird, kreisen die Gedanken am stärksten und ich werde kreativ.

Wie schwierig ist es, ein neues Buch zu beginnen?
Der Anfang ist immer eine kleine Herausforderung. Man muss ein Buchprojekt gut vorbereiten und sollte nicht einfach drauf losschreiben. Es ist nicht schwer ein Buch zu beginnen, aber es ist nicht einfach die Zeit dafür zu finden es zu beenden. Neben der Arbeit kommen ja auch noch soziale Verpflichtungen hinzu.

Was war bisher Ihre Verwandlung?
Ich bin zum Glück noch nie als Ungeziefer aufgewacht. Es gibt innere Verwandlungen - und äußere. Innere sind bestimmt immer sichtbar. Früher war ich ein schwarz geschminkter Goth, probierte einmal alle Haarfarben durch und sah etwas wunderlich aus. Als ich innerlich aufgeräumter war, legte sich das. Trotzdem denke ich, dass wir uns alle ständig verwandeln. Ich möchte nicht stillstehen und fertig sein. Verwandlung bedeutet für mich auch gleichzeitig Entwicklung.

Britta Avalon Kagels, 1987 in Berlin geboren, machte einen Bachelor in Elementarer Pädagogik. Schreiben begleitet die Berlinerin seit frühster Kindheit. Im Frühjahr 2016 ist ihr Debüt erschienen: »Einmal Sex und ein bisschen Liebe – 33 Bettgeschichten per Mausklick«. Im Herbst 2017 folgte ihr zweites Buch: »33 Männertypen, auf die Frauen verzichten können«, ebenfalls im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. Kagels lebt in Berlin und postet auf ihrem Instagram-Account regelmäßig Gedichte:
https://www.instagram.com/britta_avalon_kagels_autorin/

Einmal Sex und ein bisschen Liebe, Britta Avalon Kagels, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2016, 9,99€

Finger weg von diesen Typen!
, Britta Avalon Kagels, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2017, 9,99€

22:30 15.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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