Warum #MeToo nicht genug ist

Feminismus Der Autor erfährt immer erst, wenn er sich in die so genannte Gesellschaft begibt, dass wir noch ganz am Anfang sind
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Warum #MeToo nicht genug ist
Zigarren sind oft in Händen, die Idioten gehören

Foto: Spencer Platt/Getty Images

Als sich die Türen des 5*-Hotels vor den Toren Frankfurts hinter mir schließen, bin ich mir ganz sicher: ich lebe in einer linksliberalen, feministischen Lebenswelt. Die Fratze des Außerhalb erschreckt das wohlige Innen umso mehr, wenn man wieder merkt, dass es ein Außen überhaupt gibt.

Zigarren sind oft in Händen, die Idioten gehören. Das ewige Streben, das Gegenteil zu beweisen, macht Erlebnisse des Gegenteils vom Gegenteil nicht besser. Der Herr in den Fünfzigern, der sich in dem braunen Sessel der Cigarlounge räkelt, tritt den Beweis an, ein vollkommener Idiot zu sein. Ein Ignorant, ein Hetzer, ein Chauvinist. Ein Wi(e)derling.

Filterblasen? Sie sind eine Beschreibung, von der wir 2010 noch keine Deutungsahnung, geschweige denn Hoheit gehabt hätten. Aber man blickte auch noch voller Besitzstolz auf das körnige Display eines iPhones 3. Dagegen ist Letterman zurück! Aber nicht auf der Mattscheibe im linearen Fernsehen (wo?), nein, er wählt den Weg der Duplex-Kultigkeit: Bei einem Streamingdienst und dann noch in einem Theater. Mehr kann man nicht erreichen, aktuell. Der gefeuerter Late-Night-Host, ewiger Konkurrent seines ebenfalls emeritierten Erzfeindes Jay Leno, hat den Weg zu Netflix gefunden. Titel der Sendung: My Next Guest Needs No Introduction. Am 12. Januar war Debüt und kein geringerer als Barack Obama (wer?) Lettermans Gegenpart. Von überarrivierter, aber nicht abgeschmackter Lockerheit parlierten die beiden durchaus persönlich zugewandt - auch Obama will Letterman interviewen.

Obama erwähnt dabei eine Beobachtung, die nicht wissenschaftlich fundiert sei, aber doch eben eine Feststellung: Wenn unterschiedlich meinende Menschen denselben Begriff in eine Suchmaschine eingäben, kämen für ihre Grundhaltung nur passende Ergebnisse. Das ist natürlich für viele Menschen der Untergang der Möglichkeit, sich überhaupt einer Meinung abstrakter zu vergewissern. Sie sind verloren in der Blase, und so mehr sie sich in sozialen Medien verorten, umso tiefer wird ihre Blase, die wohlig warm im Kollektiv ist.

Zurück in den Untiefen überteuerter Loungesessel in Frankfurter Cigarlounges: Der besagte Mann hier ist das diametrale Gegenteil von Obama und dessen Charisma. Er hat schlicht keines und wenn doch: ein mieses. Als der Autor in die Runde beschwingt verkündet, eben ein eindrucksvolles Interview mit einer jungen Multiple-Sklerose-Patientin geführt zu haben, kommt von dem Herrn die Replik: Ob die (auch, nur „die“) MS oder SM habe. Kehliges Lachen, der graue Vollbart bebt. Die Runde erstarrt, nur für Millisekunden, aber niemand sagt etwas. Alle sind bewusster oder unbewusster irritiert. Wenn Frauen sagen, sie konnten in übergriffigen Momenten nicht schlagfertig sein, verstehe ich das spätestens jetzt. Ich bin baff. Seltener Zustand.

Ich wünsche mir dann mehr von weniger. Warum lassen so viele Menschen so oft ihre Manieren vermissen, ihren Anstand, ihr Gefühl für Aussagen? Denken die sich nichts dabei? Sind sie schlichtweg dumm? Ignorant? Und finden diese sexistischen Sprüche wirklich richtig?

Er fügt dann wieder ungefragt an, er hätte sich schon mal einen Vorwurf einer sexuellen Belästigung eingefangen. Die Wortwahl erinnert an eine schuldlos zugefügte sexuelle Erkrankung. Und so sieht er sich auch: als Opfer. Er habe die Dame in einem Tagungshotel getroffen und als sie ungeplant im Schwimmbereich aufeinandertrafen, habe die Dame gefragt, ob er auch in den Pool ginge. Er wiederum antwortete (und findet das heute noch keck), ob sie nicht gleich mit aufs Zimmer möge. Dann gab es Ärger. Komisch, oder?

Doch nicht nur dieser Mann ist ein situativer und vielleicht auch genereller Unhold.

Kennen Sie diese komischen Typen, denen man ungewollt betonierte Leichen im Keller andichtet? In einem Imbiss, den ich frequentiere, weil er so angenehm mittelmäßig ist, aber von netten Menschen geführt wird. Bis auf einen, der mir schon ohne Dialog übermäßig unsympathisch ist. Und so schnauzt er eines Tages eine andere Mitarbeiterin an, weil er meint, sie stünde im Weg. Er hasst sie, er hätte ihr gerne die Bratpfanne über den Kopf gezogen. Ich spüre es mit jeder Faser. Hass. Der Wunsch zu erniedrigen. Seine Intonation, seine Attitüde hat etwas davon, wenn zu erwachsene Kinder ihre zu alten Eltern hasserfüllt-keifend durch ein zu volles Einkaufszentrum scheuchen.

Man denkt bei ihm an eine schwer atmende übergewichtige Frau mit schweißigem Nacken und Kurzhaarschnitt als Mutter. Vor meinem inneren Auge hievt sie sich die drei Stufen bis zum Eingang des Imbisses am Geländer hoch und trägt ein weites Leopardenshirt.

Und Sie glauben es nicht, wer sich mehrere Minuten später wirklich im Leopardenshirt (!) das Treppengeländer hochzerrt: MUTTI! Und sie sieht genauso aus, wie ich sie mir imaginierte, was mich kurzzeitig mehr erschreckt und mich in den Reis zucken lässt. Und, auch das glauben Sie mir nicht: Aus dem hochstirnigen Frauenhasser wird ein unterwürfiges Müttersöhnchen, ein Ja-Sager, ein Bückling. Er manövriert Mutti, wie er sie selber nennt, auf einen Platz und beschafft ihr eine Cola. Hass und erzieherisch erdrillte Liebe, sie könnten nicht enger präsentiert werden. Die Frage ist nur: Wen wird er einbetonieren?

Wir sind nun wieder in der Zigarrenlounge und man nimmt Anlauf für den Abschluss und will die Kür der Unverfrorenheit einzirkeln: Die Frauen seien ja selber schuld! Erst mitmachen, dann die Gage absahnen (unterdrückter Lacher der Herren) und sich dann Jahrzehnte später auch noch beschweren, wo käme man denn da hin? Die Zeit-Magazin-Story, die die aktuelle Diskussion ins Rollen und Dieter Wedel ins Wanken brachte, kennen die Herren natürlich nicht. Dass es auch Opfer „ohne Gage“ gab auch nicht und – ob nun mit oder ohne Gage – es so oder so ein verfluchtes Unrecht bleibt, verstehen sie nicht. Aber wir sind in Zeiten, in denen ein Chefredakteur eine erwachsene Frau auf Twitter als Mädchen degradiert und das auch noch ganz richtig findet. Möge Arno Schmidt mit seinem Satz nicht recht behalten: Am Ende sind doch die Schlimmsten Meister.

Zumindest der nächste Gast von Letterman steht fest: George Clooney.

16:25 20.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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