Zum Fenster raus, zur Türe rein

Karl Lagerfeld Wenn Menschen zu Marken werden, wird das biologische Ende zu einer frappierenden Irritation. Eine Erinnerung
Zum Fenster raus, zur Türe rein
Mit Marken verhält es sich anders als mit Menschen

Foto: Barbara Sax/AFP/Getty Images

Ein guter Freund, der mich nur in Momenten behelligt, die wichtig und dringend zugleich sind, schickt mir um 12:35 die Eilmeldung von Focus online: Karl Lagerfeld ist tot. Ein kurzes Googlen bestätigte es. Die Nachricht ist da gerade vier Minuten alt, der Wikipediaeintrag verzeichnet Lagerfeld noch als lebend.

Lagerfeld tot? Es klingt grotesk, zu bezweifeln, dass ein Mensch sterben kann. Lagerfeld selbst war es, der sich durch sein unverwechselbares Äußeres zu einer positiven Karikatur seiner selbst stilisierte und alles dafür tat, den Nimbus des Unanstastbaren aufrecht zu erhalten. Er abstrahierte sich von sich selbst, und schien immer mit einem lachenden Auge auf das zu schauen, was von Dritten konsequent bejubelt wurde.

Die Nachrufe auf ihn waren erwartbar. Sowohl im Ton als auch im Inhalt. Sie folgen genau der Dramaturgie, die er selbst gebetsmühlenartig herausgab. Denn: Lagerfeld redete viel, sagte aber, insbesondere über sich, wenig. Im ZDF gab er den Herren Kerner und Lanz lange Interviews.
Die Kunst dabei war, dass diese Gespräche einem immer wieder ähnelden Verlauf hatten, man aber dann doch wieder gebannt zuhörte, wenn Lagerfeld seine modernen Märchen, seine fundierten, aber dann doch flexiblen Meinungen zum besten gab. So jovial, so gewitzt, er wusste genau, was er sagen musste, um Spannungen und Irritationen zu erzeugen. Er wetterte gegen Handies, nur um dann später doch ein iPhone zu benutzen. Aber, darin war er eben ehrlich, er schloss genau diese Haltungsflexibilität nie aus. Der einzige, der ihm „auf die Pelle“ rückte, war Gero von Boehm. Der portraitierte ihn 2005 und ließ Lagerfeld in manchen Situationen sich ehrlich winden.

Butter oder Geld, nicht beides

Lagerfelds Weg zu einer weltweiten Marke, deren Bekannheit ihn sich keinen Schritt mehr unerkannt bewegen ließ, war sicher auch dadurch forciert, dass seine Mutter ihn, freundlich ausgedrückt, triezte. Man könnte auch sagen, hart abwertete. Auch für diese kindlichen Kränkungen fand Lagerfeld ein spätes Narrativ, was das Publikum zum Lachen verleitete, wobei es eher hätte weinen müssen. Der Kokon seiner selbst geschaffenen Geschichte schützte den wahren, den privaten Lagerfeld, den sicher keiner von jenen, die ihn gerade wortreich betrauern, wirklich kannte.

Mit dem weltweit anerkannten Verleger Gerhard Steidl, brachte er in knapp 30 Jahren Zusammenarbeit mehr als 40 Bücher heraus. Was wird wohl aus seiner berüchtigten Büchersammlung von angeblich 300.000 Stück?

Lagerfeld änderte sich, wenn überhaupt, immer nur radikal. Es war ihm ein Anliegen, klare Verhältnisse zu schaffen. Grau gab es nicht, nur schwarz/weiß. Wie seine Dior-Anzüge und die Hemden mit Vatermörderkragen. Als er 2000 den Fächer ablegte und auf 70 Kilo abspeckte. Und als er im Herbst letzten Jahres das erste mal seit Jahrzehnten am Ende einer Schau ohne verdunkelte Gläser die Szenerie abschritt. Es wirkte wie ein letzter, unverstellter Blick.

Geprägt haben mich seine Feststellungen zu Geld und Bekanntheit. Diese wirkten nicht nur wie eine nützliche Pointe, sondern wie gelebtes Wissen:
- Geld muss man aus dem Fenster werfen, damit es zur Tür wieder hereinkommt
- Man kann nicht die Butter und das Geld von der Butter haben

Mit dem Geld war es so eine Sache, denn selbst erlitt Lagerfeld als Unternehmer einst Schiffbruch. Er wollte kein Unternehmer sein, er war aber der beste Angestellte; bei Chanel hatte er einen lebenslangen Arbeitsvertrag. Dort gab es am Empfang eine Telefonliste, wer anzurufen war, sofern er das Haus betrat oder verließ.

Mit der Butter und dem Geld hingegen, nahm er es sehr ernst: Die Geister, die er rief, nahm er so an und akzeptierte mit großer Ruhe, nie mehr unerkannt sich bewegen zu können. Er regte sich nie wirklich über die Fans auf, die ihn mit zittrigen Händen zum Selfie baten, denn genau das war es, was er erreichen wollte.

Bei aller nun betrauerten Attitüde, die viel mehr Mantel als Sein war, war der Mensch dahinter sicher ein sehr feinfühliger. Denn wer solche Schutzwälle brauchte, kann dies nur gewesen sein.
11:13 22.02.2019

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