Amazon-Kater auf der Messe

Kommentar Die Amazon-Meldungen reißen nicht ab und waren auch auf der Buchmesse das dominierende Thema. Der Rest der Branche muss endlich anfangen zu agieren statt zu reagieren

Amazon eröffnet einen Offline-Shop in New York. Amazon sorgt für eine Gesetzesänderung in Österreich. Amazon bietet Flatratelesen an. Amazon und Spiegel stehen in einem unheilvollen Zusammenhang. Die Amazon-Meldungen reißen nicht ab. Auf der Buchmesse waren sie das dominierende Thema, Verleger warnten in drastischen Worten, Schriftsteller erklärten sich solidarisch. Julia Franck, Buchpreisträgerin des Jahres 2007, veröffentlichte in der vergangenen Woche einen Text auf NDR.de. Sie hatte herausgefunden, was im Internet auch sonst leider gang und gäbe ist: Ein Nachrichtenportal nutzt das sogenannte Amazon-Partnerprogramm. Wer teilnimmt, bekommt personalisierte Links, die mit dem eigenen Amazon-Konto verbunden sind. Kauft jemand über diese Links ein, überweist Amazon bis zu zehn Prozent des über diesen Link getätigten Umsatzes an den Partner, in diesem Falle Spiegel.de, der aber auch ein x-beliebiger Blogger sein könnte. Gesagt werden muss, dass keine Buchhandlung geschweige denn Buchhandelskette dieses System anbietet, mit Ausnahme des Berliner Ladens „ocelot, not just another bookstore“.

Inzwischen verlinkt der Spiegel sogar seine Bestsellerliste mit Amazon. „Welchen Einfluss nimmt eine solche Liste an so prominenter Stelle mit dieser einen Verlinkung auf die rasante Monopolisierung des Marktes?“, fragt Franck. Wie gesagt: Jeder kann dieses System nutzen. Jeder kann es kopieren. Wenn er denn will.

Man muss die Dinge also eben selbst in die Hand nehmen. Aber wie? Während die Schweiz 2007 die Buchpreisbindung abgeschafft hat und Deutschland seine seit 1888 fortführt, wagt Österreich einen neuen Schritt und plant laut Kulturminister Josef Ostermayer die Ausweitung der Buchpreisbindung auf E-Books, Onlinehandel und Flatratemodelle. Ob dann auch der Bibliotheksausweis teurer wird, bleibt offen. Was aber eben sicher kommt, ist das Flatratelesen. Der „Kindle Unlimited“-Dienst von Amazon ermöglicht unbegrenztes Lesen für 9,99 Euro im Monat. Vertreten sind zum gerade erfolgten Start 650.000 Kindle-Bücher, davon 40.000 in deutscher Sprache (das deutsche Projekt Gutenberg bietet 7.000 gemeinfreie Werke, ist dafür aber auch seit 1971 kostenlos).

Und als man gerade in sich ging, um zu fragen, ob in „Kindle Unlimited“ nicht auch eine „Schönheit der Chance“ lauern könnte, kam auch schon die Meldung, dass Amazon pünktlich zum Weihnachtsgeschäft einen Offline-Store eröffnen wird, in New York, gegenüber dem Empire State Building. Auf der Messe sorgte die Meldung erst einmal für Belustigung. Werden die Mitarbeiter algorithmisch geschult? Muss der Kunde seine Bestellung an der Kasse aufgeben und rennt dann ein Suchtrupp ins Lager, wo die Artikel selbstverständlich wie in den großen Onlinelagern des amerikanischen Konzerns nach einem Zufallsprinzip sortiert sind?

Ist das Amazon-Geschäft vergleichbar mit den Flagshipstores anderer Edelmarken? Oder geht Amazon möglicherweise nach dem sich abzeichnenden Trend, dass Waren im Netz bloß angesehen, später jedoch im Einzelhandel erstanden werden? Wird es also weitere Amazon-Shops geben? Eher nicht, meinen Experten, es rechnet sich nicht. Sagte Professor Georg Rainer Hofmann, Experte für E-Commerce an der Hochschule Aschaffenburg, dem SWR. „Der Amazon-Store in New York ist nur ein PR-Gag – aber ein guter.“ Beruhigen sollte das eher nicht.

14:30 15.10.2014
Geschrieben von

Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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