Aufforderung zum Mord

Abrechnung Jan Drees zeigt sich beeindruckt, wie hart „Die schamlose Generation“ mit den 60- bis 70-Jährigen ins Gericht geht
Jan Drees | Ausgabe 41/2014 5

Wer macht den Dreck jetzt weg? „Selten hat ein Jahrzehnt so wohlhabend und reich mit unerhörten Möglichkeiten ausgestattet begonnen wie die 60er Jahre. Wer jetzt heranwuchs, brauchte nur zuzugreifen.“ ARD-Journalist Sven Kuntze, Jahrgang 1942, Fernsehpreisträger und Bestsellerautor rechnet gerade mit seiner Alterskohorte ab. Die schamlose Generation – Wie wir die Zukunft unserer Kinder und Enkel ruinieren (C. Bertelsmann, 256 S., 19,99 €) heißt sein furioser Schuldschein, der Versagen auf Versagen jener im Westdeutschland der 40er bis Mitte der 50er Geborenen türmt. Atommüll, über zwei Billionen Euro Staatsschulden, ein marodes Bildungssystem, Rentenlöcher und Bad Banks gehören zum Erbe, das den Kindern und Kindeskindern der reich beschenkten Nachkriegsgeneration hinterlassen wird. Milde Worte sind rar in diesem Buch, das sich wie die Aufforderung zum Vatermord liest. Nur: Warum gehen die Kinder nicht auf die Straße oder räumen die längst abbezahlten Hütten ihrer Eltern aus?

Es fängt alles mit dem vorenthaltenen ödipalen Konflikt an, der für Generation Golf und Generation Y ausfallen musste. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans allerdings nimmermehr. Väter und Mütter schienen schlichtweg nicht satisfaktionsfähig. „Welche Tochter und welcher Sohn hat schon Lust auf hennarote Haare, Batiktücher und sackähnliche Kleider in den mürben Farben von Naturwolle wie die der Engel bei weihnachtlichen Krippenspielen?“

Am Ende dieses Buchs denkt man als Nachgeborener über mögliche Konsequenzen nach, von denen der Sturm auf die Pavillons von Lanzarote oder Teneriffa, wohin besagte Generation im Winter jettet, noch zu den weniger abstrusen Visionen gehört. Man möchte hoffen, dass ein Appell an die eigenen Eltern reicht, maßhaltend den Lebensabend zu bestreiten. Denn Kuntze stellt klar: „Die vitalen 40er werden für die Siechen einkaufen und kochen müssen, Rollstühle durch die nahe Grünanlage schieben, den Vereinsamten Gesellschaft leisten, beschädigte Körper reinigen und pflegen und Sterbenden die Hand halten.“ Ihre gehetzten Kinder haben ohnehin keine Zeit, weil sie mehrere Jobs gleichzeitig bewältigen müssen. Eventuell fällt der Generationenkampf also aus. Wirklich sicher ist sich Kuntze allerdings nicht. Klug handelt daher, wer kurz vor Schluss die Seite wechselt.

Dann wird Die schamlose Generation zum veritablen Persilschein, der auch noch gedruckt ist auf „FSC®-zertifiziertem MIX-Papier aus verantwortungsvollen Quellen“.

06:00 22.10.2014
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Jan Drees

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