Der Culture Club

Interview Die Akademie der Künste wird oft als Verein alter Männer gescholten, die vor sich hindampfen. Ihre neue Vizepräsidentin Kathrin Röggla sieht wichtigere Baustellen

Ende Mai wurde die österreichische Theater- und Prosaautorin Kathrin Röggla zur Vizepräsidentin der Berliner Akademie der Künste gewählt. Neue Präsidentin ist die Filmemacherin Jeanine Meerapfel. Damit stehen zum ersten Mal zwei Frauen an der Spitze der über 300 Jahre alten Institution, zu deren bekanntesten Mitgliedern Wim Wenders, Peter Sloterdijk und Martin Walser gehören.

der Freitag: Frau Röggla, welche Vorstellung haben Sie als neu gewählte Vizepräsidentin von der Akademie?

Kathrin Röggla: Die Akademie hat 404 Mitglieder aus unterschiedlichen Kunstsparten, die hier Sektionen heißen. Manche passen klassisch in ihre Sektion rein, ich stehe zwischen zweien: der Darstellenden Kunst und der Literatur. Einer der Grundgedanken der Akademie ist die Interdisziplinarität, das möchte ich verstärken. Als Vize wirkt man ja klassischerweise ohnehin mehr nach innen. So werde ich den Mitgliederclub, den es unter meiner Vorgängerin Nele Hertling lange gab, wieder installieren.

Wie muss man sich diesen Club vorstellen? Wolfgang Tillmans, Corinna Harfouch, Christian Petzold, René Pollesch, Matthias Sauerbruch und Sie sitzen zusammen und trinken Bier?

Im Club soll es um aktuelle Fragen gehen. Es wird Gespräche geben und kleine Auftritte, die sich aus den Interessen der aktiven Mitglieder ergeben, als eine Form zwischen ästhetischer und politischer Intervention. Das Ganze soll in kleineren Runden und nur halb- oder gar viertelöffentlich stattfinden. Und ja, natürlich sollen Leute wie die von Ihnen Genannten zusammenkommen ... in Berlin kennt man sich dann ja oft erstaunlicherweise doch nicht, anders als etwa in Wien.

Die Akademie als neue Plattform also?

Nun ja, neu – das kann man nicht sagen. Die Akademie gibt es seit über 300 Jahren. Sie ist eher ein Forum. Es geht um Gesprächsmöglichkeiten, um interdisziplinäre Allianzen, künstlerische Wissensbildung, kulturelles Gedächtnis. Um Öffentlichkeit, die sich herstellen lässt, um politische Einmischung. Für mich heißt das: zugucken und lernen. Ich werde zumindest partiell die Primärkünstlerpausetaste drücken und mal zuhören, was die anderen zu sagen haben.

Das klingt passiv.

Mit einem fixen Plan anzukommen, wäre nicht nur vermessen, sondern auch sinnlos. Das aktuelle Programm ist bereits bis zum Jahresende geplant. Zudem: Die Akademie ist ein riesiges Schiff, auf dem man allenfalls mitlenkt. Das ist nicht so ein Intendantending, wo man mit seinen Leuten und seinem Programm ankommt und seine Sache macht, sondern es geht erst mal um die Mitglieder. Es geht darum, Stimmen so zu vernetzen, damit so etwas wie eine eigene Handschrift dabei rauskommt. Das wird in der Öffentlichkeit oft nicht verstanden.

Zur Person

Kathrin Röggla, 44, wurde in Salzburg geboren. 1992 zog sie nach Berlin, wo erste Bücher und Kurzprosa entstanden. Seit 1998 verfasst und produziert sie Hörspiele, seit 2002 Theatertexte. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen really ground zero (2001), wir schlafen nicht (2004) und besser wäre: keine (2013). Kommendes Jahr erscheint ihr Band Die falsche Frage. Theater, Politik und die Kunst, das Fürchten nicht zu verlernen

Wie soll das gehen? Braucht ein Haus nicht immer eine starke Figur, die es repräsentiert, so wie Klaus Staeck ja bisher auch für die Akademie stand?

Chefkuratoren und Intendanten bergen alle Gefahren, die eine Selbstvermarktung, ein Branding in sich tragen. Oft genug wird von oben herab agiert, losgelöst von den Städten, in denen die Arbeit stattfindet. Jeanine Meerapfel wird sicher der Vielstimmigkeit eine bedeutende Positionierung hinzufügen, aber wir sind eine Mitgliederakademie und keine Präsidialakademie. Wir brauchen uns nicht im ewigen Starsystem und Mainstreaming aufhalten. Das ist eine unglaubliche Chance. Das hat viel mit demokratischen Idealen und jenem Pluralismus zu tun, der immer beschworen wird. Mir geht das auf den Keks, wie oftmals Universitäten mit Starprofessoren und Theaterhäuser mit Starintendanten agieren müssen. Das hier soll ein Gegenkonzept sein.

Jeanine Meerapfel ist die erste Frau an der Spitze der Akademie der Künste – das wird in jeder Meldung herausgehoben.

Ja, nur wenn es als einzige Headline stehenbleibt, ist das merkwürdig. Jeanine Meerapfel stammt aus Argentinien, sie hat einen deutsch-französisch-jüdische Hintergrund, lebt schon seit langem in Deutschland. Sie wird und will für eine stärkere Internationalisierung stehen. Übrigens, das wissen viele nicht: Wir haben auch etliche internationale Mitglieder, wie Ai Weiwei und Jonathan Franzen.

Die Akademie gilt als Männerverein. Nicht einmal ein Viertel der Mitglieder sind Frauen.

Es werden zur Zeit vermehrt Frauen in die Akademie gewählt. Den einzelnen Sektionen ist das Thema durchaus bewusst, aber da man auf Lebenszeit hineingewählt ist, lässt sich das nicht von heute auf morgen radikal ändern. Dass an der Spitze drei Frauen stehen – auch Birgit Jooss, unsere Archivdirektorin sollte man nicht vergessen –, kann man durchaus als Signal werten, aber ich ergehe mich nicht gerne längere Zeit in Biologismen.

Sie selbst sind Tochter eines Expats, ihr Vater war für internationale Unternehmen tätig. Sie sind viel gereist. Wird das Globale eine stärkere Bedeutung in der Kunst bekommen?

In meiner persönlichen Arbeit, beispielsweise bei meinem Film über Risikomanagement, den ich auch im Kosovo und Bulgarien gedreht habe, ist das Internationale längst eingeschrieben. Kunst ist aber per se notwendigerweise die Verbindung von dem Globalen und Lokalen, das geht gar nicht anders – am deutlichsten ist das vermutlich in der Architektur zu sehen.

Der deutschen Gegenwartsliteratur wird immer wieder vorgeworfen, sie schaue zu sehr aufs eigene Land, man verfalle hier in ein neues Biedermeier.

Das kann ich so nicht bestätigen. Vielleicht hat diese These damit zu tun, dass seit über 15 Jahren alle stark auf junge Autoren und ihre Debüts schauen, die sich noch mehr an eigenen Geschichten abarbeiten. Dazu kam die ewige Forderung nach deutschen Themen, nach dem großen Einheitsroman, nach dem Berlinroman, dann dieses Klischee des politischen Romans, der dann in etwa heißt: „Mein Opa war ein Nazi.“ Da ist vieles auch vom Feuilleton hausgemacht. Aber es gibt auch anderes. Ich beschränke mich allerdings auch nicht auf deutsche Literatur.

Das Gegenwartstheater erzählt von Piraten vor Somalia wie bei Wolfram Lotz oder entwirft die große Utopie, wie in den Stücken von Ferdinand Schmalz (siehe Seite 14). Wird auf der Bühne eingelöst, was die Literatur die ganze Zeit ersehnt?

Ich würde Ihnen gerne sofort recht geben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das nicht an gewissen Sichtbarkeitsverhältnissen liegt, also dass dieser Eindruck dadurch entsteht, dass in der Beobachtung des Theaters andere Themen angeschaut werden als bei der Beobachtung von Literatur. Außerdem ist mein Eindruck, dass avanciertes Gegenwartstheater losgelöster vom Text arbeitet, wie bei Rimini Protokoll, bei René Pollesch, teilweise auch bei Milo Rau. Es geht darin oftmals mehr um mündliche Erzählungen, Bilder, um die Konstellationen und um die medialen Verhältnisse. Ich würde da gerne neue Allianzen suchen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie und die Akademie in nächster Zeit?

Sie ist in allen kulturpolitischen Fragen, in Fragen der ästhetischen Wissensbildung, der Medienstrategien und in den meisten politischen Fragen gefordert. Ein ziemlich weitreichendes Spektrum also. Insofern: „Nichts ist erledigt.“ Dieses Statement von Klaus Staeck stimmt schon. Da man nicht überall gleichzeitig sein kann, wird sich die Antwort der Akademie an den Interessen und Kapazitäten der Mitglieder und Mitarbeiter entlangbewegen. Ob es TTIP, Edward Snowden, Kuba oder Griechenland ist.

06:00 29.06.2015
Geschrieben von

Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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Jan Drees

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