Frau Professor packt aus

Amazon Nüchtern, aber nicht unpoetisch beschreibt Heike Geißler in „Saisonarbeit“ ihren Job beim Internetriesen
Jan Drees | Ausgabe 43/2014 5
Frau Professor packt aus
Ein Schlüssel zum System: der Barcode
Foto: Stefan Klein / Imago / Imagebroker

Man wird hier übrigens mit Ihnen reden wie ich manchmal mit meinen Kindern, also ungefähr so: Aufstehen! Seid leise! Anziehen! Esst! Hinlegen! Augen zu! Schlaft! Jetzt hört aber mal auf!“ Obwohl es keine Abrechnung sein will, liefert dieses Buch peinliche Einblicke in die Arbeitsweise des US-amerikanischen Internetkonzerns. Heike Geißler hat dafür in der Leipziger Amazonstraße (diese Adresse gibt es tatsächlich, vergleichbar mit den Siemens- und Mercedesstraßen im Land) als Receiverin angeheuert.

„Ware, die aus den LkW kommt, wird ins System gebucht“, beschreibt die 37-Jährige im Gespräch das Berufsbild. „Alles aus großen oder kleineren Kisten von Paletten nehmen und den Barcode scannen, sodass die Ware erfasst wird und bestellt werden kann. Danach geht sie ins Lager, wird von Leuten, die im ,Stow‘ arbeiten, eingelagert und später von den ,Pickern‘ rausgesucht.“ Diese Picker arbeiten also am entgegengesetzten Ende der Lagerungskette. Bei Amazon hat Geisler angefangen, weil „die die Einzigen waren, die einen Vollzeitjob anboten, mit dem ich halbwegs schnell eine Kontolücke füllen konnte. Ich dachte aber nicht daran, ein Buch darüber zu schreiben, das kam erst später. Als sie mich zum Testarbeiten einluden, habe ich mich sehr gefreut. Ich hatte ein eher unkritisches Interesse, ich war nur neugierig.“

Doch was Heike Geißler dann erleben musste, ließ sie bald Notizen machen. Wie soll man sich an das frühe Aufstehen und an den Streit unter Kollegen gewöhnen? Daran, dass Vorarbeiter ihre Untergebenen wie Kinder behandeln, allerdings wie Kinder, die nicht nachfragen dürfen? „Sie sagen: Aber wie sollen wir denn die Ware auf Beschädigungen prüfen, wenn wir sie gar nicht aus der Umverpackung nehmen, wenn wir nur eine Ware unter vielen ansehen und den Rest nur durchzählen. Norman wartet und verdreht die Augen. Frau Professor, sagt er, dann nimm sie eben raus.“

Wie Lars von Trier

Duldsam schweigen. Menschen wie Heike Geißler kann das dazu treiben, während der Arbeit an Hannah Arendt, Elfriede Jelinek oder Helga M. Novak zu denken. Sie selbst ist 2002 mit ihrem Roman Rosa erstmals in Erscheinung getreten, das Debüt erhielt den Alfred-Döblin-Förderpreis. Es folgten eine Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, 2007 die zweite Veröffentlichung Nichts, was tragisch wäre. Schon zur Zeit von Saisonarbeit arbeitet die Mutter zweier Söhne als Übersetzerin und Schriftstellerin in Leipzig, wo sie gemeinsam mit dem bekannten Fotografen Adrian Sauer (Sohn von Professor Joachim Sauer, dem Ehemann von Angela Merkel) lebt. Saisonarbeit erzählt aus dem Leben einer Intellektuellen, mit einem nüchternen, aber nicht unpoetischen Blick. „Sie gehen aus dem Haus, eventuell sind Sie aufgeregt, denn Sie wollen den Job. Sie haben nun einmal kein Geld und lehnen es aus gewissen Gründen, die ich noch erklären werde, ab, Hartz IV, Wohngeld oder dergleichen zu beziehen. Sie bekommen Kindergeld für zwei Kinder, Sie bekommen auch Rechnungen bezahlt, aber leider werden Ihre Rechnungen meistens nicht pünktlich bezahlt. Es kommt erschwerend hinzu, dass Sie auch nicht gut darin sind, Rechnungen zu schreiben; Sie schieben das immer auf die lange Bank. Die Bank ist lang wie der längste Lebkuchen der Welt, also einen Kilometer. Auch schreiben Sie nie Mahnungen. Sie denken, dann gibt man Ihnen keinen Auftrag mehr.“

Das Buch besticht durch seine Form. „Ich hatte Europa von Lars von Trier gesehen, ein Film von 1991. Danach war mir klar, dass ich dieses ansprechbare, lenkbare Sie ebenso brauche. Ich habe versucht, auktorial und autoritär zu sein, aber immer höflich zu diesem Sie. Das Ich konnte ich jedenfalls nicht in dieser Ausführlichkeit verwenden. Das war zu dramatisch, zu sicher und beladen. Wie das Ich halt so ist.“ Also steht man als Leser selbst in dieser Halle, vertrödelt Zeit zwischen Warenbergen, räumt Paletten um und muss mit ansehen, wie Kollege Uwe schikaniert wird, weil er verbotenerweise ein Mobiltelefon mitgeführt hat (Filmen ist strengstens untersagt). Die Strafe folgt im Plenum. Die Belegschaft steht beisammen. „Uwe wurde ermahnt und wird künftig darauf achten, kein Handy oder vergleichbare Gegenstände mit in die Halle zu bringen. Unterschrift. Das Schreiben geht nun herum, und die eigentlich überflüssige Frage lautet: Wo ist man denn hier? In einem anderen Jahrhundert? Wird man wie ein Schulanfänger gesehen, der noch an neue Regeln gewöhnt werden muss?“

Wie Max von der Grün

Da lässt ein Konzern erwachsene Menschen Selbstbezichtigungen unterschreiben, so wie man einen Schulbuben einst an die Tafel stellte, seine Verfehlungen dutzendfach zu notieren (was derart albern ist, dass es nur als Running Gag bei den Simpsons taugt). Man tritt in eine Welt, die der deutschen Literatur allzu oft verschlossen ist, die Welt der Werktätigen. Saisonarbeit schließt ein wenig an das an, was einerseits in der DDR einmal als Bitterfelder Weg proklamiert wurde. Schriftsteller arbeiteten daraufhin in Betrieben und Arbeiter produzierten umgekehrt Laienkunst.

Andererseits gab es in der BRD auch einmal eine Arbeiterliteratur von Vertretern wie Max von der Grün oder dem Bergmannssohn Hans Dieter Baroth. Dazu kamen Interviewsammlungen wie Erika Runges Bottroper Protokolle, die auf Heike Geißler einen prägenden Eindruck hinterlassen haben: „Die Arbeiterreportagen aus den 70er Jahren schätze ich sehr. Ich mag Protokolle.“ Erschienen ist Heike Geißlers brillante Studie über einen Megakonzern bei einem der jüngsten Verlage Deutschlands, Spector Books aus Leipzig, der aufs Cover einen leeren Einkaufswagen gedruckt hat. Der Einkaufswagen wirkt wie eine verfremdete Referenz auf vergangene Zeiten. Inzwischen hat Amazon für 775 Millionen US-Dollar den Roboterhersteller Kiva Systems gekauft.

Saisonarbeit (Volte, Band 2) Heike Geißler Spector Books 2014, 270 S., 14 €

06:00 05.11.2014
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Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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