Haben Oktopoden wirklich Hoden?

Poesie Judith Holofernes legt einen Band mit Tiergedichten vor, der sich an Robert Gernhardt orientiert
Jan Drees | Ausgabe 49/2015 1
Haben Oktopoden wirklich Hoden?
Bisher war Judith Holofernes eher als Musikerin bekannt
Foto: Hannes Magerstaedt/Getty Images

Tiere und deutsche Musiker gehören nicht erst seit den fantastischen Electro-Alben Flora und Fauna oder Heimische Gefilde von Biologiestudent Dominik Eulberg zusammen. Die Popband Wir sind Helden hat bereits 2004 in Rüssel an Schwanz gesungen: „In unserem Wimpernkranz bekriegen sich die Fliegen, wen stören die Käfer, die uns in den Ohren liegen (...). Und du gehst Rüssel an Schwanz hinterher. Trampelpfade, Hintermann, was brauchst du mehr.“

Später ging es unter anderem um aufgescheuchte Vögel, Möwen, Hunde und Krill. Daher wundert es nicht, dass Bandleaderin Judith Holofernes nun, vier Jahre nach dem Ende der Band, bebilderte Tiergedichte veröffentlicht.

Du bellst vor dem falschen Baum heißt der Reigen und kommt mit Collagen der Berlinerin Vanessa Karré, die bereits 2005 das Wir-sind-Helden-Album Von hier an blind gestaltet hat. „Denk ich an Deutschland in der Nacht / hab ich kaum je ein Schaf gebraucht / Eh jenes sich zum Sprung aufmacht / bin ich schon in den Schlaf geschlaucht.“ Diese Reminiszenz an Heinrich Heine mag vielleicht nicht das beste Beispiel für die lyrische Qualität dieser Gedichte sein, aber gerade bei ihrer Verneigung vor Robert Gernhardt kommt ihr Talent zum Vorschein: „Kröten sitzen gern vor Mauern, wo sie auf die Falter lauern. Falter sitzen gern an Wänden, wo sie dann in Kröten enden.“ Ergänzt wird das mit Hommagen an Heinz Erhardt oder an Christian Morgenstern („Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule trafen sich im Schatten einer Säule“).

Bei Holofernes klingt das so: „Ein Faultier / fault hier / vor sich hin / Ein langer Finger / kratzt das Kinn.“ Diese Sammlung von Gedichten und Tier-Songtexten ist eine Mischung aus Quatsch- und Kinderbuch, mit dadaistischen Momenten („Du sagst: BLAF /BLAFBLAF / ARRFF! KOFF! BLAF!“), absurden Fragen („Haben Oktopoden Hoden?“) und einem possierlichen Opossum.

Judith Holofernes’ Mutter, die für den Verlag als Übersetzerin arbeitet, in dem dieser Gedichtband erscheint, hat ihr begabtes Kind nicht nur früh versorgt mit Robert-Gernhardt-Gedichten – damit die zehnjährige Judith aufhört, Otto Waalkes zu zitieren, für den Gernhardt bekanntlich Gags geschrieben hat –, sondern auch mit Tieren. „Wir hatten als Kinder immer sehr viele Haustiere, zwischen fünf und sieben fluktuierend“, verrät die Tochter im Gespräch mit mir. „Wir hatten drei sprechende Vögel, einen sehr hysterischen, albernen Hund, wir hatten einen zugeflogenen Kanarienvogel, wir hatten einen Winter lang eine geschiente Krähe und wir hatten einen Winter lang einen Igel, meine Mutter hat immer Tiere gerettet.“

Geblieben sind von den Tieren nur die Gedichte, denn mit dem Auszug von daheim kam heraus: Judith Holofernes ist allergisch. So bleibt ihr, Ehemann (Pola) Roy und ihren beiden Kindern allein die Fauna auf dem Papier. Ein Bilderbuchspaß mit freundlichen Reimen. Wäre dieser Band ein Gesellschaftsspiel, stünde darauf: „Für Kinder und junggebliebene Erwachsene von 6 bis 66“.

Info

Du bellst vor dem falschen Baum Judith Holofernes Vanessa Karré (Bilder), Tropen 2015, 104 S., 17,95 €

06:00 16.12.2015
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Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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