Kunst im Zeitalter der Personalisierbarkeit

Romanfiguren Für einen guten Zweck versteigern Schriftsteller die Namen ihrer Romanfiguren. Aber woher kommt die Sehnsucht, Produkten den individuellen Stempel aufzudrücken?
Jan Drees | Ausgabe 45/2014 1

Coca-Cola hat es 2013 vorgemacht, Martina Cole zieht jetzt nach. Wer ausreichend Geld hinlegt, dessen Name wird von der britischen Krimiautorin literarisch verewigt. Im Rahmen einer Auktion der Folteropfer-Stiftung Freedom from Torture kann sich jeder Leser in kommende Romane von 17 namhaften Schriftstellern einkaufen, darunter Will Self, Zadie Smith, Ken Follett, Robert Harris, Hanif Kureishi und eben Martina Cole. Die Versteigerung findet am 20. November in London statt, parallel läuft bis dahin bereits eine Onlineauktion. Los 15, Martina Cole, stand dort bei Redaktionsschluss bereits bei 3.500 Pfund. Ian McEwan, der sich auch beteiligt, versprach im Vorfeld gar das wahre Leben nach dem Tod, quasi Kunst als Religionsersatz. Als wäre Papier tatsächlich geduldig und ein E-Book-PDF noch in 2.000 Jahren lesbar. Hinzu kommt: In welcher Weise der hineingekaufte Name in den Büchern auftaucht, kann nicht beeinflusst werden. Das ist eine Schwachstelle gegenüber der ähnlich gelagerten Meine-Coke-Kampagne, bei der Markenfans wissen, wie ihre personalisierte Brause am Ende schmecken wird.

Aber woher kommt diese neumodische Sehnsucht, Produkten den individuellen Stempel aufzudrücken, als wäre die Welt ein Badetuch, das am Pool nicht verloren gehen darf? Ist es Eitelkeit? Im Mittelalter konnten sich lediglich Kaiser und Fürsten derartigen Luxus erlauben. Maler, Architekten und Schriftsteller bekamen ihre Apanage mit der Bedingung, den Namen des Gönners in ihre Kunst zu integrieren. „Dir, höchster Kaiser, widme ich dieses Werk“, schleimte sich der Burgunder Wipo einst bei seinem Gönner ein. Und das Rolandslied soll im 12. Jahrhundert auf Initiative Heinrichs des Löwen entstanden sein, der darin mit König David verglichen und mit Karl dem Großen in eine Reihe gestellt wurde. Mit Aufkommen des Bürgertums mehrere Hundert Jahre später verewigten sich reiche Städter, indem sie Parks finanzierten, weniger Betuchte spendierten eine Bank mit Messinggravur.

Walter Benjamin stellte 1935 fest: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“ Was mannigfaltig vorhanden ist, verliert seinen weihevollen Kunstcharakter. Der eigene Name hebt da noch den Bestseller in höchste Höhen, adelt ihn zum Produkt, das selbst dem Enkelkind stolz präsentiert werden kann. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zur Rettung der Printzeitschriften (Brigitte-Eigner, hört recht zu). Lokalzeitungen machen es von jeher vor: Der Kunde ist zugleich Objekt der Berichterstattung.

06:00 07.11.2014
Geschrieben von

Jan Drees

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