Vorn ist, wo der Ex-Pirat twittert

Bühne René Polleschs neues Stück „Rocco Darsow“ klärt auf: über die Liebe in Zeiten des Google-Geschäftsberichts
Jan Drees | Ausgabe 51/2014 3

Bei der Internetsuche nach dem Namen Rocco Darsow stößt man auf das Facebookprofil eines gut aussehenden Berliner Kraftsportlers, ein Bekannter des Theatermachers. „Der Name ist toll“, schwärmte René Pollesch vorab. „Das Hamburger Schauspielhaus hatte in einer Spielzeit zig Stücke, die alle einen Namen im Titel hatten. Das klang gut, das wollte ich auch. Aber der Abend hat nichts mit dem Leben von Darsow zu tun. Null.“

Statt einer Langhantel steht also ein drei Meter hoher, mit schwarzem Klavierlack überzogener Totenkopf auf der ansonsten pastelligen Bühne, die eine verspielte Schlaraffenlandtorte bedeckt. Auf dem Zuckerwerk und manchmal auch direkt im hohlen Schädel agieren, debattieren, küssen und flirten 70 Minuten lang Bettina Stucky, Christoph Luser, Martin Wuttke und Sachiko Hara über die Liebe in Zeiten des Google-Geschäftsberichts, Slavoj Žižeks Lacan-Thesen, das reale Theatermachen und seine virtuelle Verdopplung. Deshalb gibt es im Hintergrund auch zwei Leinwände. Rocco Darsow, diese von Wuttke grandios verkörperte Figur eines fiktiven Synchronstudiobesitzers, ist zweifach da. Zum Beinahe-Anfassen auf der Bühne und als live abgefilmte Leinwandfigur.

Welch monströse Gewalt

Säße nicht zufällig der Ex-Piratenpartei-Vorsitzende twitternd in erster Reihe, würde man bei dem Totenkopf vielleicht an den Diamantenschädel des Künstlers Damien Hirst denken. Doch weil bereits im Programmheft der Text Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei von Christopher Lauer und Sascha Lobo empfohlen wird, ist klar: Hier geht es ums Internet und andere Realitätsverdopplungen. Auf zwei Dinge verwies Pollesch zudem im Vorfeld: Dries Verhoevens Grindr-Performance, für die der Künstler Männer mit der Dating-App in einen Glaskasten auf dem Berliner Hermannplatz lockte, und Mischa Badasyan, dessen Konzept es ist, ein Jahr lang täglich über einschlägige Internetportale mit einem anderen Mann Sex zu haben. Ihn irritiere das, sagt Pollesch: „Performancekünstler verwickeln üblicherweise ihre Körper in etwas. Ihr Konzept scheint aber eine Kritik am Körperlichen zu sein, am Hedonismus, an zu viel Sex.“

Deshalb streiten die Figuren in Rocco Darsow im typischen Pollesch-Diskussionsstil über den Wert von Liebe und welche monströse Gewalt dem anderen angetan wird, wenn man ihm sagt: „Ich liebe dich.“ Wo das enden kann, fasst Martin Wuttke in einem kraftvollen Schlussmonolog so zusammen: „Weißt du, ich möchte dich so sehr verlassen, wie die Leute Google verlassen könnten. Aber sie tun es nicht und ich auch nicht. Ich würde es gern tun, und ich könnte es auch, und mit Google wäre es dasselbe.“

Dem applaudierenden Publikum hingegen scheint klar, warum es bei Pollesch bleibt: Bemerkenswert, wie dieser Mann, der seine Stücke in wenigen Wochen schreibt, probt, aufführt und dann für immer im Archiv verschwinden lässt, es seit 15 Jahren schafft, die Zustände der Gegenwart rasant und smart auf die Bühne zu bringen. Christopher Lauer twitterte dagegen: „Freie Platzwahl ist ja auch so die Basisdemokratie des kleinen Mannes.“ Und: „Alle denken dann während der Aufführung darüber nach, ob sie jetzt an dem Platz sitzen, der ihrer Stellung im Universum würdig ist.“ Zum Glück erinnert einen Kunst beizeiten, dass es Dinge gibt, die das beständig seinen Platz überdenkende Ego übersteigen.

Rocco Darsow Regie: René Pollesch Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

06:00 20.12.2014
Geschrieben von

Jan Drees

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