Am braunen Stammtisch

Kommentare auf Facebook Der Hass kommt aus unserer Gesellschaft, nicht aus den Tiefen des Internets. Wer dem entgegenwirken will, muss seine Bürger aufklären, statt Probleme zu privatisieren
Jan Jasper Kosok | Ausgabe 38/2015 12

„Ich bin ja nicht #Kaltland, aber man wird doch wohl noch #Heidenau sein dürfen“. Nach diesem Muster wird derzeit massenhaft in deutschen Online-Kommentarspalten argumentiert. Blanker Hass, rassistische Beleidigungen oder unverblümte Aufrufe zur Gewalt – unter anderem eine Bombendrohung gegen die SPD-Parteizentrale –, waren für Justizminister Heiko Maas Anlass genug, vom in Deutschland beliebtesten sozialen Netzwerk Facebook vehement ein härteres Vorgehen gegen rechte Hetze, Hasskommentare und Naziparolen einzufordern.

Facebook reagierte auf die Forderung nach mehr Moderation der Kommentare und Löschung fragwürdiger Inhalte zunächst zurückhaltend. Auch bei einem Treffen von Maas mit Spitzenmanagern des Netzwerks in dieser Woche konnte man sich nur darauf einigen, stärker mit der Freiwilligen Selbstkontrolle zu kooperieren und eine Art Taskforce zu gründen, die sich mittelfristig mit dem Phänomen „Hate Speech“ befassen soll. Facebook argumentierte, dass das wirksamste Mittel nicht das Löschen, sondern „Counter Speech“, also aktive Gegenrede, sei. Und schließlich stehe man mit dem Problem nicht alleine da. Auch bei YouTube, Twitter & Co tobe sich der braune Mob aus.

Das ist sicher richtig. Denn rechtes Gedankengut ist in Deutschland keine Ausnahmeerscheinung, wie uns manche Politiker gerne glauben machen wollen. Im Gegenteil: Ein Blick ins Netz genügt, um zu erkennen, dass in diesem Land immer mehr Menschen am braunen Stammtisch Platz nehmen.

Dort wüten diejenigen, die sich missverstanden oder von der Politik nicht wahrgenommen fühlen: besorgte Bürger, Pegida-Anhänger, selbsternannte Asylkritiker, Rechtsradikale. Sie sind laut, sie sind wütend und sie bilden den Nährboden für eine Stimmung, die dazu beiträgt, dass in Deutschland immer wieder Brandanschläge auf Flüchtlingsheime verübt werden.

Doch so sehr man diese Haltung auch verabscheuen mag: Solche Inhalte im Netz zu löschen, hilft nicht weiter. Man sollte vielmehr genau hinschauen und darf die Symptome nicht mit der Ursache verwechseln. Denn der Hass stammt aus der Gesellschaft, nicht aus dem Netz. Wer dem entgegenwirken will, muss seine Bürger aufklären, muss endlich anfangen, sich um sie zu kümmern. Das jedoch bedeutet mühsame, harte Arbeit, das bedeutet Gegenhalten, Engagement und eine sozialere Politik. Vor allem aber bedeutet es Haltung statt medienwirksamer Schnellschüsse. Schnellschüsse, wie das Treffen von Heiko Maas mit den Facebook-Managern eines war. Es folgte der Aufmerksamkeitsökonomie, nicht aber den gesellschaftlichen Notwendigkeiten.

Es ist wenig hilfreich, wenn ein Vertreter der Bundesregierung den Anschein erweckt, er würde die politische Verantwortung für den Zustand der Gesellschaft von sich weisen und einem privaten Unternehmen wie Facebook den schwarzen Peter zuschieben. Dass auch das Netzwerk mit seinem Vorgehen bis dato keine gute Figur macht: geschenkt. Denn natürlich passt es nicht zusammen, dass Facebook offenkundig kein Problem mit Hate Speech hat, aber ein übereifriger Sittenwächter ist, sobald es um nackte Haut geht.

Was strafrechtlich relevant ist, sollte vom Staat geahndet werden, nicht von einem Unternehmen. Es ist falsch, gesellschaftliche Probleme zu privatisieren. Statt also mit dem Netz zu fremdeln und das Feld den Hasspredigern zu überlassen, sollte sich die Bundesregierung endlich zu einer stringenten Netzpolitik durchringen. Dann klappt es auch mit dem zivilisierten Bürger.

06:00 14.10.2015
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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