Apple-Abo-Netzschau: Böse und gemein!

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Bis vor kurzem war das Geschrei der Verlage ob der 30%-Hürde groß, die Apple als Gewinnbeteiligung für In-App-Abos veranschlagen wollte. Nun ist Realität, was nicht Realität werden durfte

Nüchtern kommentieren Heise und Guardian die Einführung des iTunesimmanenten Abosystems, das sie als Apples Kompromissvorschlag gegenüber den Forderungen der Verlage ansehen:

“"Wenn Apple einen neuen Abonnenten für eine App stellt, dann erhält Apple einen Anteil von 30 Prozent. Wenn der Verleger einen existierenden oder neuen Abonnenten mitbringt, dann behält der Verleger 100 Prozent und Apple verdient nichts", betont Apple-Chef Steve Jobs in einer Mitteilung. Inhalteanbieter können innerhalb der neuen Vorgaben Bestands-Abonnenten weiterhin einen kostenlosen Zugriff auf ihr Angebot über eine App gewähren.” Heise

“Apple will process all subscriber payments and take a 30% cut. But publishers can also sell digital subscriptions to their apps through their website. Customers will choose how much personal information – in addition to their name, email address, postcode and billing details – to hand over to the publisher. [...] The move is something of a compromise by Apple, which has remained reluctant to relax its App Store guidelines.” Guardian

Bei Basic Thinking weiß man – anderswo auch –, dass dieser Kompromiss den Verlagen trotz Schlupfloch kaum gefallen dürfte, die neben den Kundendaten weit mehr als nur 70% der Margen forderten:

“Der Kunde soll also praktisch selbst entscheiden, welches Modell für ihn attraktiver ist.Und das wird natürlich der einfachere Kauf über den App Store sein. Ein Kompromiss also, mit dem die Verlage kaum zufrieden sein dürften. Zur Zeit gibt es noch keine offizielle Stellungnahme von den Verlagen.“ Basic Thinking Blog

Aus den aktualisierten Richtlinien dzur App-Store-Zulassung geht derweil hervor, dass nicht nur journalistische Abo-Inhalte mit 30% besteuert werden sollen, sondern auch Audio-, Video-, Musikinhalte sowie Bücher betroffen sind. Matthias Schwenk äußert sich auf carta zu Apples Versuch, an allerlei Inhalten – statt nur am Framework – gewinnträchtig zu partizipieren, skeptisch:

“Ob die Rechnung so aufgeht? Gut vorstellbar ist, dass Apple nicht nur von erbosten Zeitungsverlegern Gegenwind bekommt, weil diese meinen, von 70 % Umsatzanteil nicht leben zu können, sondern auch von den Wettbewerbshütern in Europa und Amerika. Auch die Applikations-Entwickler könnten Protest anmelden und damit drohen, zu Android oder gar Windows Phone 7 überzulaufen. Am Ende könnte sich die neue Richtlinie so als eine Art Abofalle entpuppen, ein Falle die sich Apple selbst gestellt hat.” carta

Diese Gefahr sieht auch Martin Weigert auf Netzwertig:

“Bei Apple ist man offenbar überzeugt davon, ein hinreichend dominierender Player zu sein, um die eigene Plattform stärker auf Profitabilität trimmen und gegenüber dem bestehenden Ökosystem weitreichendere Forderungen stellen zu können. Diese Einschätzung mag nicht so falsch sein. Dennoch riecht der jüngste Schritt nach einer eher kurzsichtigen Aktion. Denn Apple treibt Entwickler und Onlinedienste geradezu in die Hände der Konkurrenz (alias Android). Und das ist langfristig betrachtet äußerst unklug.” Netzwertig

Ich selbst halte es derweil mit obigem “nicht so falsch”. Zwar mag Apple einen mutigen, vielleicht auch zu forschen Schritt gegangen sein, jedoch sind Zahlen und Systeme nicht in Stein gemeißelt, Angebot und Nachfrage (plus Regulatoren) bestimmen auch hier den Markt – längerfristig.

Dass Android (schon eher) und Windows (eher nicht) von dem vermeintlichen Fehltritt profitieren werden, bleibt zumindest fragwürdig. Denn auch die benannten Entwickler sind kurzfristig dort gebunden, wo ihre Kunden sich tummeln. Diese dürften Apple die Treue halten, da sich aus Verbrauchersicht nichts Gravierendes (Preise vielleicht hoch, Bequemlichkeit auf jeden Fall) verschlimmern sollte bzw. die Entscheidung Pro/Contra Apple von mehr abhängt als bloß von mobilen Abos (Stichworte: Statussymbol, Lifestyle, OS, Markentreue, etc pp). Konsumenten bleiben träge, treue Wesen. Den Verlagen selbst bleibt ein Schlupfloch oder der eher unsinnge – kein Ausschlusskriterium – Rückzug.

Am langen Ende sollte jedoch für alle Beteiligten (Apple, Verlage, Verbraucher) genug Zeit bleiben, um auf etwaige Entwicklungen zu reagieren und eine gütliche Lösung zu finden – falls nötig. Anlass, wiederholt vorfreudig die “Endlich hat Apple etwas falsch gemacht”-Glocke zu leuten, gibt es jedenfalls (noch) nicht.

Randnotiz 1: Nokia im Rausch der Geschwindigkeit. Nicht.

Randnotiz 2: Ein Katz, der hat 4 Beiner ...

Randnotiz 3: Haters keep you grounded.

Randnotiz 4: Erinnert sich noch jemand an die letzte Meile?

Die letzte Netzschau findet sich hier.

12:23 16.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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