Der Feind auf meinem Sofa

Fernsehen Auch die TV-Branche wird nicht von der disruptiven Kraft des Internets verschont bleiben. Leidtragend könnten in Deutschland vor allem Privatsender sein

Die Musikindustrie gibt sich männlich verschnupft, die Verlage wollen ihren ganz eigenen Kohlepfennig und sich gegen dieses Internet verteidigen, Hollywood schießt nicht erst seit gestern mit Kanonen auf Spatzen: Es besteht kein Zweifel daran, dass das Internet auch für die gesamte TV-Branche eine Disruption darstellen dürfte, die den Markt nachhaltig verändern wird. Und das nicht schmerzfrei.

Zwar bezeichnet z.B. Apple sein Produkt AppleTV immer noch stiefmütterlich als Hobby, doch ist klar, dass das Unternehmen aus Palo Alto seiner Spürnase treu bleibt und nach unter anderem dem iPod (der Wunsch Musikindustrie, Digitalität zwecks Monetarisierung an ein Medium, die CD, zu knüpfen), dem iPhone (der Unwille der Handy-Hersteller sich mit den technischen Möglichkeiten des neuen Jahrtausends zu befassen), iMessage (die Preishoheit der Telefon-Provider über das Versenden von Nachrichten) den nächsten Marktfehler (die Monopolstellung der Sender, deren antiquiert anmutende Begrenzung auf 24 Stunden Sendezeit und deren Unwillen, Streaming-Inhalte auf den Big Screen, den Fernseher, zu bringen) im Auge hat, den es zu seinen Gunsten ausschlachten will. So hat auch Google (-TV) bereits verstanden, wohin der Hase läuft – genau wie einige TV-Produktionsfirmen und Sender, die ihr Angebot zaghaft selbst oder über Plattformen wie Hulu vertreiben.

Es geht darum, das Fernsehen von seiner Linearität zu befreien und das Medium, das nicht mehr nur an ein Gerät gebunden sein wird – Fernseher werden in Zukunft bloß noch große Bildschirme sein – mit den Möglichkeiten des Netzes anzureichern. Und natürlich gleichzeitig einen proprietären, kapitalisierbaren Markt (ähnlich dem der verschiedenen App Stores) zu schaffen, auf dem eben gerade nicht die alten Player das Sagen haben und der Content relativ barrierefrei zum Kunden gelangen kann.

Teile davon sind bereits jetzt verwirklicht. Es gibt GoogleTV, es gibt AppleTV, es gibt Endgeräte, die an die sich verändernden Bedürfnisse der Endverbraucher angepasst sind, es gibt Mediatheken – und es gibt jede Menge Pläne, die darüber hinaus gehen. Aber es gibt ebenfalls noch das gute alte Fernsehen. Diese zwei Welten werden eine Weile nebeneinander existieren können, bis die alte langsam in der neuen aufgeht. Die Frage, die sich neben der nach dem Zeitrahmen vor allem aufdrängt, ist, wer bei diesem Spiel am meisten zu verlieren hat, respektive verlieren wird.

Es dürften in Deutschland vor allem die privaten Sender sein, die aufgrund der im Vergleich zum englischsprachigen Raum geringeren Marktgröße häufiger als Mittelsmänner (Lizenznehmer) zwischen Produzent (z.B. einer Serie) und Endverbraucher denn als selbständige Produzenten qualitativ hochwertiger Formate auftreten. Das Wesen der “Internet-Revolution” ist aber gerade eben, dass die Strecke zwischen Produzent und Endverbraucher immer kürzer wird, die Grenzen teilweise verschwimmen (Blogger, Video-Podcaster, etc pp). Wenn der Vertrieb sich einen neuen Weg sucht, bleiben die alten Ladenzeilen nicht selten auf der Strecke – im wahrsten Sinne des Wortes.

Hier liegt die Herausforderung für deutsche Privatsender. Welche Rolle werden sie spielen, wenn der Konsument langsam vollständig von der absoluten Gleichzeitigkeit und dem Diktat der 24 Stunden entwöhnt ist, Quoten schwinden, Werbepreise fallen und der Konkurrenzkampf mit Billig- und (legalen und illegalen) Umsonstanbieter in die heiße Phase geht, wenn Qualität im Direktvertrieb und an anderer Stelle zu bekommen ist, wenn die Öffentlich-rechtlichen sich weiterhin an Subventionen laben und man selbst nur schwerlich aus den bewährten Denk- und Handlungsmustern ausbrechen kann, während der alte Markt langsam aber sicher schrumpft, der eigene Apparat aber noch aufgebläht ist?

Der Kampf um die Vorherrschaft auf deutschen Sofas dürfte aber auch für alle anderen Beteiligten spannend werden. Gewinner könnten am langen Ende vor allem wir Endverbraucher sein.

Disruption/Technologischer Schock: Man stelle sich ein Aquarium vor. Es wird eine neue, leistungsstärkere Wasserpumpe installiert. Aufgrund der veränderten Wasserqualität können sich bestimmte Fische stärker vermehren, andere wiederum schlechter. Das Ökosystem verändert sich langsam und findet ein neues Gleichgewicht, welches u.U. das Ausgangsgleichgewicht auf den Kopf stellt.

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Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Chef

Jan Jasper Kosok studierte Wirtschaftswissenschaften in Berlin, verdingte sich im Nachtleben und gründete 2007 mit Teresa Bücker das Blog Knicken // Plakative Platzierungen, welches sich mit Musik und Popkultur beschäftigte. 2009 kam er zum Freitag, um beim Aufbau des Webauftrittes zu helfen. Seit 2011 ist er verantwortlicher Redakteur für Online und Community und hat seitdem mehrere Relaunches begleitet. Er beschäftigt sich mit den sozialen Auswirkungen von zu hohem Internetkonsum und fürchtet sich davor, nicht verhindern zu können, ein alter weißer Mann zu werden.

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