Google-One-Pass-Netzschau: Von Äpfeln und Birnen

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Google veröffentlicht nur einen Tag nach Apple sein eigenes Prodigium in Sachen Online-Abo. Aber hat das eine wirklich etwas mit dem anderen zu tun?

Der Guardian titelt “Google One Pass goes up against Apple's online payment service“ und schielt auf den prozentualen Unterschied der Gewinnbeteiligung:

“Google One Pass opens the door for publishers to charge for content on websites, as well as on smartphones and tablet computers. Publishers will keep 90% of revenue from One Pass sales – compared to the 70% share offered by Apple's subscription service.” Guardian

In ein ähnliches Horn stößt Basic Thinking, wo man des weiteren auf Googles blad launchendes Vertriebssystem für Musik eingeht, das einen weiteren Angriff auf Apple darstelle:

“”Zwei direkte Angriffe auf Apple, beide wenig konkret – aber dafür exzellent getimet. Google One Pass wird zufällig genau einen Tag vorgestellt, nachdem Apple bekannt gibt, dass Verlage auch für In-App-Käufe 30 Prozent Provision an Apple zahlen müssen. Google Music wird kurz vor dem Verkaufsstart des ersten Honeycomb-Tablets angeteasert. Nachdem ein ansprechender Musikshop für Android bislang fehlt, dürfte das zumindest einige unentschlossene Kunden überzeugen, die lieber auf das iPad 2 warten wollten. Jenes könnte Apple im April vorstellen.” BasicThinking

Auf SpOn frohlockt Andreas Wiele von der “Bild”-Gruppe nicht gänzlich ohne Hintergedanken:

"Wir wünschen uns, dass sich One Pass baldmöglichst als einheitliche Plattform für ein einfaches Payment sowohl im Web- als auch im mobilen und App-Bereich etablieren kann, um zu einer vollwertigen Alternative zu bestehenden Systemen zu werden." SpOn

Bei Netzwertig versucht man derweil, neben dem Zuckerbrot auch die Peitsche ausfindig zu machen:

“[.]Eine ganze Reihe von Verlagen wird One Pass dafür nutzen, Teile ihrer online abrufbaren Texte hinter eine Bezahlschranke zu verfrachten.”

und

“Googles Vorstoß in den Markt der Bezahllösungen für Inhalte wirft damit nicht nur erneut die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Paid Content auf, sondern auch die nach Interessenkonflikten und Suchneutralität. Vorwürfe, dass Google eigene Services bei den Suchresultaten bevorzugt, wären kein Novum.” Netzwertig

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der in der prominenten Berichterstattung zu kurz zu kommen scheint. Mit One Pass wildert Google tatsächlich viel mehr in den Gewässern von PayPal & Co – welche es mit dem hauseigenen SingleSignOn-System zu übertrumpfen versuchen könnte –, als dass es einen frontalen Angriff auf Apple fährt. Als Helferlein steht hierzu das bis dato allerdings wenig erfolgreiche Bezahlsystem Google Checkout Gewehr bei Fuß. Die publikumswirksame Berichterstattung dieses erneuten Infights wird man jedoch in Mountain View gern in Kauf nehmen bzw. forcieren – dies aus zweierlei Gründen.

Während Apple mit seinem In-App-Abomodell gewissermaßen die letzte Meile eines bestehenden Netzwerks veräußert, bietet Google “lediglich” eine weitere Möglichkeit an, online sein Geld loszuwerden – ohne fixen Kundenstamm, der bereitwillig seine Pinke lässt, wie es bei iTunes der Fall ist. One Pass ist vielmehr ein Tool, das sich in einem entstehenden Markt erst noch durchsetzen muss und schnippischerweise unter dem Good-Guy-Deckmantel journalistische PayWalls vermeintlich ein rentables Kinderspiel werden lässt. Blockadestrategien aber stoßen in der Netzwelt nicht erst seit gestern auf massiven Gegenwind. Das dies alles zunächst etwas unter den Tisch zu fallen scheint, dürfte Googles Propaganda (s.o.) durchaus in die Hände spielen.

Fernab der Kritik stellt eine webbasierte Lösung, die One Pass augenscheinlich sein will, einen Schritt in die (irgendwie) richtige Richtung dar, da es ein OS-übergreifendes, app-ungebundenes Bezahlen und nachgelagertes Erleben von Content ermöglicht. Welcher Content das schlussendlich sein wird, liegt weiterhin in den Händen der Verkäufer – damit auch der schwarze Peter. Ob allerdings ausgerechnet Google den feuchten Traum von fetten Margen in der Verlagsbranche mehr als kurzfristig neu aufleben lassen wird, bleibt dahingestellt.

Fest steht jedoch, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden, stellt man Googles neues Wunderkind heute als vollwertiges Substitut zu Apples Online-Basar (mit dem ihm immanentem In-App-Abosystem) dar. Hier wird ein Pferd aufgezäumt, dessen Zähmung längst nicht vollzogen ist. Der Rest bleibt süße Zukunftsmusik.

Randnotiz: Ronald McDonald ist tot.

Die letzte Netzschau findet sich hier.

19:00 17.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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