Jan Jasper Kosok
04.02.2015 | 10:29 21

Man hat Recht

Debatte Der Moderator Jan Böhmermann wird wegen eines Bildes abgemahnt. Was folgt, ist eine Mediengeschichte, die die Netzgemeinde spaltet. Ein Erklärungsversuch

“Vor ein paar Tagen postete Jan Böhmermann ein Bild auf Twitter. Was dann geschah, werden sie nicht glauben.” So oder ähnlich hätte ein beliebiges Clickbaiting-Portal vermutlich die Mediengeschichte der letzten Woche betitelt. Normalerweise folgt im Anschluss daran trotzdem etwas, was vor allem eins ist: vorhersehbar. Auch hier wird keine Ausnahme gemacht: Ein Moderator tut, was alle tun, obwohl es nicht rechtens ist. Ein Fotograf beruft sich auf sein gutes Recht, obwohl dies nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was draußen an den Geräten passiert. Dazu gebe man eine Abmahnkanzlei, einen BILD-Chefredakteur, einen gehörigen Schuss Halbwissen und ein paar Tausend Fans und Follower. Voilà: Double Shitstorm.

Doch von Anfang an: Als Antwort auf einen Tweet von Sybille Berg postet Jan Böhmermann ein Bild des Fotografen Martin Langer, welches er bei Google gefunden hat. Es zeigt einen inkontinenten Nazi in Milieu(Rostock-Lichtenhagen)-typischer Pose. Die Kanzlei des Fotografen mahnt den Moderator ca. 6 Monate später ab. Böhmermann informiert seine ca. 160.000 Follower auf Twitter über diesen Vorgang. Dabei nennt er Namen des Fotografen und Höhe der Abmahnsumme (1000 €). Der Graben ist geschlagen.

Der Fotograf Langer fühlt sich an den Pranger gestellt, auch weil sich Böhmermann in einer Radiosendung zusammen mit Kollege Olli Schulz medienwirksam über den Vorfall amüsiert. Von Pranger will der Moderator mit Abstrichen – die Namensnennung war nicht ok – nichts wissen. Böhmermann deutet stattdessen an, dass das mit der Abmahnpraxis ja eher keine so saubere Sache sei. Sie treffe nicht nur Leute wie ihn, sondern auch Otto Normalverbraucher in gleicher Härte. Davor hätte er warnen wollen. Langer wird im Netz bedroht.

Der Fotograf Sascha Rheker springt derweil seinem Kollegen auf freelens.com bei und weist mehrfach und nachdrücklich darauf hin, dass dieser schließlich im Recht sei. Außerdem ginge es nur um 906€ und sowieso nicht nur um Geld, sondern auch Kontrolle über das “wer darf was”. Das Verhalten von Böhmermann findet er schäbig. Er postet einen Screenshot des Tweets von Böhmermann, auf dem das urheberrechtlich geschützte Bild deutlich zu erkennen ist. Der Wohl-doch-Blogger Felix Schwenzel wiederum weist darauf hin, dass man sich im Internet praktisch nicht mehr bewegen kann, ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen. Kai Diekmann twittert. Die sogenannte Netzgemeinde ist gespalten und erregt.

Zwei Dinge sind – neben den offensichtlichen – an dieser Geschichte problematisch. Erstens wirft die eine Seite der anderen vor, zu sein, was sie ist. Ein urheberrechtlich geschütztes Bild zu posten und zu erwarten, dass der Fotograf daraus keinen Profit schlägt, ist zwar möglich, aber nach jetzigem Rechtsstand naiv. Einen Moderator der Generation Remix kurz vor dem Start seiner neuen Sendung abmahnen zu lassen und zu erwarten, dass dieser aus diesem Umstand keinen medialen Profit schlägt, ist zwar möglich, aber ebenfalls naiv. Der jeweils anderen Seite ihr Verhalten vorzuwerfen, ohne das eigene zu Genüge zu reflektieren, ist wohlfeil.

Zweitens könnte man die Energien, die bei einem solchen Scharmützel öffentlichkeitswirksam verbraucht werden, um möglichst viele Menschen hinter sich und seine Meinung zu scharen, besser nutzen. Denn beide Seiten können und dürfen sich nur so aufführen, weil alltägliche Praxis und Legislative ihnen den Spielraum lassen. Sinnvoll wäre, gemeinsam darauf zu drängen, die klaffende Lücke zwischen Lebenswirklichkeit im Netz und geschriebenem Gesetz zu schließen, zumindest aber zu verkleinern. Damit Nutzer sich nicht dauer-kriminell bewegen müssen, damit Werke ordentlich entlohnt werden und dem Internet nicht die gute Laune abhanden kommt. Da ist es maximal um die Ecke gedacht hilfreich, wenn zwei Medienschaffende, die schlussendlich im selben Boot sitzen, sich auf Kosten des anderen profilieren. Selbst wenn es schwer fällt, man hat ja schließlich Recht.

Kommentare (21)

Paul Bender 04.02.2015 | 11:38

Das Internet hebelt nicht nur bei diesem Vorgang das bürgerliche, das Eigentumsrecht aus. Der Fotograf stößt nicht sofort auf einen "Verlust". Er, der an der Veröffentlichung seiner Bilder interessiert ist, muss erst prüfen. Umso häufiger die Veröffentlichung im Internet geschieht, umso schwieriger wird die Prüfung. Paradox. Der Moderator müsste diese Seite der Medaille kennen. Auch er lebt von Veröffentlichung. Spätestens seit Böll´s "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" wissen wir, was Veröffentlichung auf Kosten anderer anrichten kann. Der Moderator "gesteht" -bisher vermutlich ohne jede persönliche Konsequenz- dass er den Namen des Fotografen nicht hätte öffentlich nennen dürfen. Da er das jetzt -das Unschuldslamm?- nicht mehr rückgängig machen kann, da er sehr wohl weiss bzw. wissen kann, dass es Urheberrecht gibt, sehe ich keine Rechtslücke, die ihn vor der Zahlungsforderung schützt. Wäre die Existenz des Fotografen von Vermarktung unabhängig -das Internet ist Markt und sprengt zugleich den Marktrahmen- dann ginge es nur noch um die Abgrenzung von Gebrauch und Missbrauch. Aber seine Existenz ist vom Verkauf z.B. von Fotos abhängig. Ist das Gier...? Oder ist es Gier, sich auf Kosten anderer zu bereichern? In der Summe wird es allerdings nicht gelingen,"Eigentumsrechtslücken" zu schliessen: Dafür ist das Internet zu groß und zu schnell. Es bleibt für mich nur noch die grössere Frage, wie die Existenz arbeitender -nicht abzockender- Menschen von der Vermarktung zu befreien wäre. Wäre das möglich? Ist genug herstellbar, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen? Wenn ja, dann sprengt das das Eigentumsvermehrungsrecht.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.02.2015 | 12:35

Vielleicht mal etwas anders:

Der Fotograf Martin Langer schreibt:

"Nun zur Gegenwart: Vor einigen Wochen entdeckte ich über die Suchmaschine wieder einmal einige nicht lizenzierte Internet-Veröffentlichungen von diesem Bild."

Und wo entdeckte er das Foto? In einem Tweet.

Tweet ist wie früher die private Unterhaltung mit dem Zeigen oder Tauschen schlechter (Privat)Kopien von Bildern oder (Text/Zeitungs)Ausschnitten, die auch gerne irgendwo angepinnt, meist aber gefaltet in der Jacke rumgetragen wurden.

Diese Art der Privatheit ist öffentlich geworden, Wäre früher jemand auf die Idee gekommen, auskunschaften zu lassen, ob eine Kopie seines "Werkes" an einem Kühlschrank in einer Privatwohnung hängt oder bei einer privaten Unterhaltung verwendet wurde?

Natürlich nicht. Heute kann aber jeder NSA spielen und in der "öffentlichen Privatsphäre" rumschnüffeln.

Und es sind die gleichen Personen, welche Suchmaschinen als Teufelswerk der Urheberrechtsverletzung brandmarken, diese dann fast schon zwanghaft regelmäßig zur Bespitzelung aller benutzen und wissen wollen, ob ihr "Werk" irgendwo privat kommuniziert wird.

Vielleicht geht es weniger um mangelnden Respekt vor dem "Werk" anderer, als vielmehr um Respekt vor der neuen Privatheit anderer ...

Das hat nichts damit zu tun, dass die kommerzielle Nutzung fremder "Werke" illegal ist.

Übrigens erlangte Mircrosoft seine merktbeherrschende Stellung nur, weil sich Dos und Windows anfangs rasend schnell raubkopiert verbreiteten. Ähnlich funktionierte das damals mit "raubkopierter" Musik auf Kassetten usw. Aus 1.000.000 Privatkopien/Raubkopien entspringen nun mal 50.000 Käufer, ansonsten wären es vielleicht 500.

Der heutige Schaffende will sein Werk einerseits schnell weit verbreiten und stets beachtet sehen, andererseits aber von jedem kassieren. Er träumt davon, dass sich 1.000.000 Privatkopierer in Käufer wandeln lassen. So funktioniert das allerdings nicht.

Wenn ab nun alle Fotos von Martin Langer von der "neuen Privatheit" ignoriert werden, dann sinkt sein Marktwert drastisch und er kann vielleicht mal ab und an von Herrn Diekmann ein paar Euro kassieren ...

Kurz:

Warum hat Martin Langer sich nicht über die abermalig riesige Verbreitung seines Werkes gefreut und mit Herrn Böhmermann vereinbart, dass dieser auf den Wert/Preis des Werkes hinweist?

Aber nein, lieber den leistungsschutzgerechten Prozesshansel spielen ...

Jan Jasper Kosok 04.02.2015 | 12:44

Ich bin da ganz bei dir. Selbst wenn man streiten mag, inwiefern Böhmermann überhaupt noch privat sein kann, lässt gerade der Umstand, dass der Tweet eine Antwort war, doch vermuten, dass er hier zumindest nicht zwingend komerziell unterwegs war. Aber mei. Auch da ist der Spielraum groß.

Was ich aber auch ein wenig komisch finde – und da spreche ich, Hallo Freitag, aus eigener Erfahrung –, ist, dass Langer Böhmermann nicht einfach angeschrieben hat. Das hätte sicherlich auch 200€ und wesentlich weniger schlechte Presse gegeben. Und ein paar Karmapoints.

Dennoch: jeder nach seiner Facon. Nur wundern sollte man sich dann eben nicht.

pinats 04.02.2015 | 12:55

wurde der besoffene sweatpantsträger an dem umsatz, den der fotograf im laufe der 25 jahre gemacht hat, eigentlich beteiligt? oder ist sein fehltritt nicht nur teil seiner daraus entstandenen scham sondern auch teil eines öffentliches interesses (an dem der fotograf gut verdient)?

hat der moderator, der ein urheberrechtlich geschütztes bild postet eigentlich auch nichts dagegen, wenn andere seine text benutzen (im falle, er bringt künstlerische irgendwas hervor, ich kenne den mann gar nicht...)?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 04.02.2015 | 13:02

Karmapoints sind gut.

Natürlich ist es etwas anderes, ob der Freitag seine monatlichen Millionen (Euro, nicht Rubel) mit der unentgeltlichen Verwendung fremder Werke erzielen würde, oder ob ein Bild, welches in den letzten 5 Jahren von 12 Personen gesichtet wurde, in einem Kommentar eingebunden und dann direkt mit einer Abmahnung beantwortet wird ...

Kurz:

Wer Multiplikatoren verklagt hat einen an der Waffel ...

Lethe 04.02.2015 | 13:20

Das Internet verändert das Konzept des Privaten und somit auch das Konzept des Privateigentums. Das Leistungsschutzrecht stellt sich diesem Wandel nicht, sondern versucht, den status quo aus einem sinnigen Anwendungsbereich in einen unsinnigen Anwendungsbereich zu übertragen, mit erwartbaren Folgen.

Aber wer will schon nachdenken, wenn er Geld verdienen kann.

Jan Jasper Kosok 04.02.2015 | 13:55

Eine Sache noch, die ich kürzlich bei Wolfgang Blau über Verleger las und die mit Abstrichen und abstrakt mit Sicherheit auch auf manch einen Fotografen zutrifft:

"Für viele Verleger gibt es in der digitalen Welt einfach nichts zu gewinnen, und wir sollten ihnen nicht so rasch Verschlafenheit vorwerfen. Ihre Strategie, das alte Printgeschäft so lange zu beschützen wie möglich und ihre digitalen Aktivitäten nur als markenpflegende Begleitmusik für Print zu betreiben, ist plausibel und legitim. Verlage sind keine Stiftungen, und die meisten Tageszeitungen haben nun einmal keine plausible digitale Zukunft, sondern nur eine mittelfristige Zukunft als Printmedien, und danach ist es leider vorbei."

http://derstandard.at/2000010998073/Wolfgang-Blau-Modernerer-Journalismus-ohne-Paywall

Das sollte man zumindest beherzigen.

Lethe 04.02.2015 | 14:39

Dem stimme ich sogar zu, von der grundsätzlichen Problematik des Privateigentums einmal abgesehen. Allerdings gilt dann verschärft der Satz Schuster, bleib bei deinen Leisten. Leistungsschutzrecht von Print, wo Print gegeben, alles klar, kein Problem. Aber die einfache Übertragung von Print-Recht auf Nicht-Print-Verhältnisse - großes Problem. Es geht nicht, wenn Verleger und andere Interessenten das Internet mit kommerziellen Ansprüchen kapern und dann sagen Ihr müsst genau so zahlen, wie ihr für meine Printartikel zahlen müsstet. Geht natürlich doch, weil Macht- und Lobbyfrage, und so macht man lieber das Internet kaputt als unternehmerisch in der Gegenwart anzukommen.

silvio spottiswoode 04.02.2015 | 16:53

Der Witz gerade bei besagtem Foto ist doch, dass Martin Langer – der Fotograf – das Foto ohne Klärung der Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Person machte. Also, nach heuteiger Rechtslage gar nicht zu einer Veröffentlichung berechtigt wäre. Dies zeigt doch exemplarisch wie absurd inzwischen die rechtlichen Rahmenbedingungen um das Urheberrecht geworden sind. Und, machen wir uns nichts vor: Die einzigen, die momentan wirklich ultrafett am Urheberrecht verdienen sind Abmahnkanzleien.

Hier Julia Redas Blog zur EU-Lobbys bezüglich einer Reform des Urheberrechts. Klar wird, dass Bürger eben keine Lobby haben, die Rechte der Nutzer also zu kurz kommen.

Lethe 04.02.2015 | 17:39

Und selbst dies eingestanden handelt es sich vor allem um Privilegien. Wenn unsereins die Ideen ausgehen, die Kraft, die Agilität, dann müssen wir unsere Ansprüche reduzieren und gemäß des noch Möglichen klarkommen. Als Industrieller - und ein Verleger ist in diesem Sinne nichts anderes - kann man dann zuerst einfach mal komplette neue Kulturformen mit Kriminalisierung bedrohen. Ich muss eingestehen, dass sich mein Mitgefühl in engen Grenzen hält.

lurch 05.02.2015 | 11:42

Jan Böhmermann ist mir zuvor nicht als besonders politisch engagiert bezüglich des Urheberrechts aufgefallen. Man belehre mich bitte, wenn ich mich irre. Und auch seine Reaktion auf die Abmahnung ist ein schlichtes Dampf-Ablassen auf Kosten des Fotografen Langer und keine politisch wirksame Aktion. Das ist das was mich an der Geschichte am meisten stört: Anscheind bilden hier tausende Leute einen Chor, die auch nicht mit dem Urheberrecht zufrieden sind und ereifern sich anstelle politischer Aktion über die moralische Verkommenheit eines Einzelnen (Langer), der im selben System gefangen ist wie sie. Das erfüllt mich mit Unbehagen.

Diese Art Personalisierung von als gesellschaftliche Missstände empfundenen Umständen meine ich, gerade in Form von Shitstorms im Internet, in jüngerer Vergangenheit häufiger zu beobachten. Auch das erfüllt mich mit Unbehagen, da es meiner Meinung nach illustriert, dass die konservativen Bemühungen zur Vernichtung der politisch-gesellschaftlichen Perspektive zugunsten einer personalisierten "Schuld"-Perspektive Wirkung zeigen.

ed2murrow 06.02.2015 | 12:23

Lenze ist den von Jan entworfenen Weg gegangen, eben nicht gleich den (Abmahn)Anwalt vorzuschicken. Sondern er stellt in den Mittelpunkt der Betrachtung eine Frage, die in Deutschland immer wieder empirisch mächtig (anhand von Rechtsbegriffen) abgehandelt, aber nur selten öffentlich in ihrer sozialen Dimension diskutiert wird. Ich meine damit den grundlegenden Aufsatz von Michael H. Goldhaber „„The Attention Economy and the Net“ von 1997. Der Kampfbegriff von der „Gratiskultur“, mit dem hierzulande Claims in der „unbekannten Welt des Netzes“ abgesteckt werden, meint nur die vermeintliche Erfrechung des Publikums, sich zu bedienen und klammert das genaue Gegenteil aus: Die Frechheit, mit der sich arrivierte Medien in Social Media, bei Blogs und bei der buckligen Konkurrenz bedienen, um Umsatz zu machen. Das hat sehr viel mit Eulenspiegelei zu tun, als der Wirt vom Till Geld verlangte, weil er alleine vom Bratenduft satt geworden sei.