Orakeln im Trüben

Lauschangriff Alle Jahre wieder zitiert sich die Musik selbst und macht daraus einen Hype. Für Journalisten und Produzenten bleibt die Herausforderung, die Strömungen zu erkennen

Der Detroiter Musiker und DJ Moodymann spielte im Dezember 1995 ein knapp einstündiges Set bei dem schon damals wegweisenden Pariser Sender Radio Nova. Den Hörern präsentierte der mit bürgerlichem Namen Kenny Dixon Jr. heißende Künstler seine Vorstellung von Deep House: eine Melange aus breiten, brummenden Beats, Jazz, Funk und Soul garniert mit Samples aus alten Blaxploitation- und B-Movies. Der vielleicht gebräuchlichste Name für diese Spielart des Deep-House-Genres ist Beatdown: eine schwärzere Variante dessen, was Mitte der neunziger Jahre weltweit durch die Clubs waberte.

Das war vor 15 Jahren. Wenn man dieser Tage die Dancefloor-Charts und Bestsellerlisten der Vinyl-Shops durchstöbert, könnte man allerdings zu dem Schluss kommen, dass Beatdown, Chicago House und seliger Detroit Techno nie vorbei waren. Dass die Musik wieder in den Clubs Einzug gehalten hat, mag für fleißige Nachtschwärmer keine Überraschung sein, doch erst jetzt, da sich dieser Trend in Verkaufszahlen, Bookings und Downloads niederschlägt und im Windschatten der Altmeister neue Enigmen wie das Motor City Drum Ensemble oder das 6th Borough Project auf der Bildfläche erscheinen, kann die Presse ihn guten Gewissens als Hype bezeichnen, der relevant für den Mainstream der Szene und mehr als Orakeln im Trüben ist.

Doch gerade in letzterem besteht ein Reiz. Grund dafür ist die sich in Zyklen immer wieder selbst zitierende Musikbranche, die sich in der Vergangenheit bedient, Aktuelles beimengt und so neue Genres hervorbringt. Genau hier ist selbst der charismatische Kenny Dixon Jr. – der sich für die Rechte der Schwarzen stark macht, das Genre House zu weiß findet, exzentrische Bühnenauftritte pflegt und sich jeder Form des Zwiegesprächs mit Journalisten widersetzt – Rädchen einer Maschine, die Musikgeschichte schreibt.

Schaumkronen auf den Wellen

Diese Geschichte folgt so wenig einer linearen Formel wie die ihr immanenten Trends. Wer behauptet, man könne überschlägig 15 Jahre zurückrechnen, die entsprechenden Charts analysieren und daraus eine Prognose für den kommenden Trend abgeben, liegt falsch oder landet einen Glückstreffer. Die Regungen der Musik sind wie diese selbst ein unruhiges Meer, das sich seine Kraft von tief unten holt und bei dem nie sicher ist, was als Schaumkrone zu Tage gefördert wird, bevor die Wellen brechen und wieder verschwinden.

Diese Wellen entstehen im digitalen Zeitalter immer schneller, häufiger, parallel zueinander und lassen zu, dass Strömungen, die lange nichts miteinander zu tun hatten, sich berühren. So entsteht ein komplexes Geflecht, dessen Unfassbarkeit fälschlicherweise Glauben macht, das Phänomen Hype hätte es nicht ins neue Jahrtausend geschafft (so wie die Verkaufszahlen, die aktuell für eine goldene Schallplatte genügen, es vermuten lassen). Es hat. Nur ist es kein gesamtgesellschaftliches mehr. Die Mechanik aber bleibt die gleiche, auch wenn es ohne mediale Kaventsmänner mehr Feingefühl bedarf, Trends aufzuspüren.

Die Verdichtung eines Systems aus Zeit, Genrevielfalt und Reichweite ist die Herausforderung, der sich Musikjournalismus stellen muss. Gleiches gilt für die Branche selbst, deren Player ihr finanzielles Überleben durch eine gute Spürnase sichern. Will man das Feld nicht Blogs und Minilabels überlassen, die sich ohnehin schon dort befinden, wo der Trend entsteht, wird es frei nach dem Parteisprech eines beliebigen Politikers „Zeit für Arbeit an der Basis”. Sie dürfte irgendwo zwischen 110 und 130 Beats per Minute beheimatet sein. Genau wie Kenny Dixon Jr.

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13:45 16.08.2010

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