Welt Kompakt Scroll-Edition durchgescrollt

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir haben gestern ein paar Menschen gebeten, sich die Blogger-Ausgabe der Welt Kompakt, die Scroll-Edition, durchzulesen.

Jan Pfaff, Redaktion (Alltag)

Der erste Eindruck? Ja nun, denkt man, mal wieder ein Beitrag zur Blogger-Journalisten-Debatte. Gähn! Und dann fragt man sich, ob es im Netz wirklich keine Absätze in Texten gibt. Liegt es wirklich in der Natur des Bloggers, seine Gedanken ohne Luft zu holen, ohne abzusetzen von oben bis unten durchzuhämmern? Oder ist das einfach die Vorstellung, die sich die Layouter im Springer-Hochhaus vom Internet machen? In der "Scroll-Edition" der Welt Kompakt findet sich jedenfalls keine Absätze in Texten. Soll wohl irgendwie modern- avantgardistisch aussehen. Ecriture automatique vielleicht? Außerdem imitiert das Papier den Wide-Screen eines Computers und deswegen läuft der Text nicht vertikal, sondern diagonal. So weit, so anders. Der Rest ist leider ziemlich erwartbar. Abgedruckte und kommentierte Tweets, ein Bericht über Politiker, die die digitale Welt entdecken und das obligatorische Jeff-Jarvis-Interview.

Nachdem man die Scroll-Edition dann durchgeblättert (!) hat, drängt sich aber doch noch ein gewagter Gedanke auf. Vielleicht sind die zwei Welten gar nicht "Lichtjahre voneinander entfernt", wie es im Editorial auf Seite 1 heißt. Vielleicht liegen sie enger beieinander, als das viele traditionelle Medienhäuser wahrhaben wollen. Vielleicht ist ein guter Text einfach nur ein guter Text - ob im Netz oder auf Papier.

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MH, Community-Mitglied, bloggt auf Goowell

Ich habe das gehört. Vor ein paar Tagen gab es diesen langweiligen Aufschrei: „Blogger prostituieren sich für Springer.“ Statt Titten gab es aber nur die Welt kompakt. Gestrickt von jenen, die bekanntlich alles besser können.

Konnten Sie nicht. Und während der Worte über das Layout des geprinteten Objektes genug gesagt sind, bleibt die schockierende Erfahrung des PDFs.

Das fängt harmlos an, mit 40 Cent. Und während die Seite 1 eigenartigerweise zwar im Hochformat bedruckt ist, aber nur hälftig, scrollt es sich schnell weiter zum.. Ja was eigentlich?

Einer theoretisch hochkantigen Zeitungsseite, gepresst ins Querformat und nicht einmal auf einem 24-Zoll-Bildschirm lesbar. Eine Anlehnung an die verhunzte Printvariante, nur noch grausamer.

Lasst uns wieder über Wulff reden.

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Maike Hank, Redaktion (Community), bloggt auf Ruhepuls

So ganz normal, in üblicher Zeitungs-Position, lässt sich die aktuelle Welt Kompakt nicht lesen. Erstens geht der Scroll-Effekt verloren, zweitens nervt das Umblättern nach oben. Anders, wenn man am Schreibtisch sitzt und die Zeitung auf seinen Laptop legt. Da blättert man sich versehentlich bis ans Ende und vergisst darüber das Lesen, denn das klappt immer noch nicht – trotz bereits gebeugtem Rücken.

Ich habe keine Ahnung, wie die Welt Kompakt normalerweise aussieht, hoffe aber, dass es wenigstens da dem Auge dienliche Absätze gibt – eine Serifenschrift, condensed, ist wahrlich schon anstrengend genug – und gefälligere Zeilenabstände und Abstände überhaupt. Diese Ausgabe jedenfalls ist Blatt gewordenes Web, und zwar das, das mich auch am Monitor nervt. Leider ist es mir nun aber nicht einmal möglich, die Spaltenbreite zu verringern, indem ich die Zeitung rechts kleiner falte, und ich bin tatsächlich gezwungen, beim Lesen den Kopf hin und her zu bewegen.

Was mir am Papierzeitunglesen wichtig ist – nämlich die damit verbundene Ruhe, die Möglichkeit, mich vertiefen zu können – erfüllt die Scroll-Edition der Welt Kompakt überhaupt nicht. Wenn aber die Zeitung zur größtmöglichen Webanalogie wird, führt sie sich selbst ad absurdum und macht sich überflüssig.

Und dies lässt sich dann eben auch über den Inhalt sagen: Da gibt man Autoren aus dem Netz die Möglichkeit zu zeigen, was sie drauf haben, und dann dreht sich das meiste doch nur um all die selbstreferenziellen, belanglosen Dinge, die sie bereits online beackern. Weit weg vom Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Ich höre die „echten“ Journalisten schon kichern.

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Jan Jasper Kosok, Redaktion (Community), bloggt auf Knicken

Der erste Eindruck ist skepsisbeladen. Vermutlich, weil man sich selbst seit ein paar Jahren beruflich wie privat im Umfeld von Blogs/Social Media verortet. Ein gewisses Interesse weckt also schon die Natur der Sache.

Die Handhabung der Zeitung (von “oben” nach “unten”) scheint zunächst gewöhnungsbedürftig, macht dann aber durchaus Sinn. Es lässt sich erstaunlich gut blättern, was aber in diesem Fall (zumindest für das Produkt) nicht uneingeschränkt von Vorteil ist. Trotzdem: eigentlich hätte schon früher jemand auf dieses Format/diesen Schmäh kommen müssen.

Des Weiteren springen ins Auge: aus der Form geratenes Layout, keine Absätze, Volkswagen. Ansonsten wimmelt es vor Webthemen ohne großen Überraschungswert: Zensur, Twitter, Facebook, Farmville, Twitter und warum Politik, Medien und Kunst Social Media respektive Twitter setzen sollten. Außerdem: “Bist Du ein Mac?“ Soso. Dazu wird ein bisschen Mode, Schnipsel aus Youtube-Videos, iPad-Abgesänge und Labskaus gereicht. Als Gratin Jeff Jarvis.

Für das in der Welt Kompakt gezeichnete, selbstreferenzielle Bild der “Blogosphäre” dürfte es dementsprechend da “draußen” allenfalls zu zweifelhaften Ruhm gereichen. Was außerdem hier gefühlt noch fehlt: der Style des Tages.

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Andre080582, Community-Mitglied, bloggt auf Spielfeldrand

Als Abonnent habe ich die Ausgabe gestern natürlich gelesen... und war heute froh wieder die normale Ausgabe in den Händen zu halten. Ein spannendes Projekt, aber kein Ersatz für eine informative Tageszeitung.

Die Zukunft der Scroll-Edition liegt maximal in einer Sonntagsausgabe oder einem Monatsheft, als nette Unterhaltung.

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hadie, Community-Mitglied

"Blogger machen Zeitung" erinnert mich irgendwie an die Seite "Kinder machen Zeitung" in der Süddeutschen. Bemüht, unverbraucht, belanglos, affirmativ und an der kurzen Leine. Ach, sind die niedlich!

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Vielen Dank für Geduld, Muße und Meinungen!

JJK

13:09 02.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok