Wikileaks-Netzschau: "Der Kindergeburtstag ist vorbei"

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn es Wikileaks schon nicht in die Trending Topics von Volkes Stimme, also Twitter, "schafft", dann doch zumindest in die meines Feedreaders. Dort nehmen Julian Assange und seine Unternehmung inzwischen gefühlte 50% der einlaufenden Artikel ein. Grund genug, den Filter anzusetzen.

Auf Neunetz.com fasst Marcel Weiß die Ereignisse der letzten Tage unter seinen “5 Aspekten der Wikileaks-Revolution” zusammen:

“Der Kindergeburtstag in Sachen Internet ist vorbei. Wikileaks greift die etablierten Strukturen mit bisher ungekannter Stärke an und zeigt, zu was das Internet in der Lage ist oder was es anrichten kann; je nachdem, wie man es sieht.” Neuneutz.com

Weniger feuilletonistisch beschäftigt sich das Blog Future of the Internet mit dem Phänomen und versucht sich an einer FAQ, die Licht in das akkumulierte Halbwissen der Cloud bringen soll:

“Wikileaks is a self-described “not-for-profit media organization,” launched in 2006 for the purposes of disseminating original documents from anonymous sources and leakers. Its website says: “Wikileaks will accept restricted or censored material of political, ethical, diplomatic or historical significance. We do not accept rumor, opinion, other kinds of first hand accounts or material that is publicly available elsewhere.”” Future of the Internet

Eine Armada von Blogs widmet sich unterdessen dem entflammten “Cyber-War” (oder milderen Formen zivilen Ungehorsams), der auf die Verhaftung Assanges folgte. Und irgendwie scheint es zu spät für "unsere Mächtigen":

“And so the infowar rages on today with these latest shots apparently fired by Anonymous, a vigilante group of hacktivists loosely affiliated with the message board 4chan. Anonymous has been fighting an ongoing crusade dubbed Operation Payback for the last several months. Using distributed denial of services attacks, this group has managed to knock off-line a number of pro-copyright websites [...]” ReadWriteWeb

“Twitter hat gerade den Account @Anon_Operation (Anonymous) gelöscht, nachdem Anonymous sowohl Mastercards wie auch Visas Server plattgemacht hatten.” Nerdcore

“Natürlich sind DDos-Attacken nicht die feine Art des Lobbyings – und dennoch vergisst Netzpolitik, dass es eine lange Tradition dieser Protestform gibt. DDos-Attacken sind ja nicht nur mit Bot-Netzen denkbar, sondern auch als aktive Demonstration von einzelnen Usern, die durch massenhaftes Aufrufen einer Seite diese dann blockieren. Das ganze wäre dann eine Online-Demonstration und damit auf jeden Fall eine Form des zivilen Ungehorsams. Diese Form des Online-Aktivismus ist seit 1995 nachgewiesen und wurde mit dem Electronic Disturbance Theater (EDT) bekannt.” Netzpolitik

“The US government has called on the organization Wikileaks to "return" all the classified documents it received and has begun to publish and "destroy" all the documents in its databases. For at least the fraction of the documents that have been released to the public, it's far too late for that. [...] At the moment I write this, there are 109 people leeching a Wikileaks Cablegate file from those torrents and 5801 total seeds for those files living on computers all around the world. For context, that's roughly the same number of seeds you'll find for the latest Katy Perry album.” ReadWriteWeb & SearchEngineLand

Auf der Webseite der Daily Mail ist nachzulesen, wie es vermeintlich zu den Vorwürfen gegen Julian Assange und die darauf folgende Treibjagd kommen konnte. Das Ganze ist geschmeidig mit “The Wikileaks Sex Files” tituliert:

“Jessica asked if they would meet again. ‘Of course,’ said the WikiLeaks supremo. They parted and she took a train back to Enkoping while he took a cab back to his temporary base at Sarah’s flat, where the crayfish party was to be held. You might think it strange that Sarah would want to throw a party in honour of the man about whom she would later make a complaint to police concerning their liaison the night before.” Daily Mail Online

Mit der durch den Fall Wikileaks womöglich tangierten Pressefreiheit beschäftigen sich derweil unsere Nachbarn aus Österreich und die Seite TV-Orange, die auf eine Petition von Avaaz.org verweist:

“Bei WikiLeaks geht es nicht um Bettgeschichten, sondern um Medienfreiheit und Transparenz. Sicher fällt auf, dass WikiLeaks derzeit vornehmlich US-Dokumente veröffentlicht. Tatsache ist jedoch, dass damit der globalen Öffentlichkeit schwarz auf weiß Informationen über den Hintergrund internationaler Politik zugänglich gemacht werden. Inzwischen wird auf allen Ebenen Druck auf WikiLeaks ausgeübt. Für „Reporter ohne Grenzen" jedenfalls gilt auch bei WikiLeaks die Unschuldsvermutung und das Recht auf Medienfreiheit, solange die Internetplattform nicht selbst Grenzen überschreitet.“ Reporter ohne Grenzen (AT)

“Wenn WikiLeaks gegen Gesetze verstoßen hat, dann müssen rechtliche Schritte hiergegen unternommen werden. Doch die massiven außergerichtlichen Einschüchterungen sind ein Angriff auf die Demokratie selbst. Es braucht dringend einen öffentlichen Aufschrei für die Meinungs- und Pressefreiheit. Unterzeichnen Sie die Petition, um den Crackdown zu stoppen [...]” TV-Orange

Randnotiz: Ganz in weiß kleidet Hyperallergic Julian Assange. Ein graueres Bild zeichnet Daniel Domscheit-Berg.

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14:17 09.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Journalist und Hausmeister in Kreuzberg
Jan Jasper Kosok

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