Privatsphäre im Arsch

Europa Eine Hiobsbotschaft nach der anderen für die Intimsphäre eines gesunden Menschen: Warum sich kein Widerstand formiert
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Vor fast genau einem halben Jahr begann ganz offen Camerons Feldzug gegen die Privatheit der Bürgerinnen und Bürger Großbritanniens. Ohne jeglichen Aufschrei in Europa verkündete er der Presse, dass es bald keine Chats oder Nachrichten geben soll, die der Staat nicht einsehen kann - Also faktisch private virtuelle Unterhaltungen verbieten will - Damit wird ein weiterer Schritt zur "Big-Brother-is-watching-you"-Gesellschaft geebnet. Doch dieser geht in einem Europa der Schuldenkrise und der Konflikte unter. Zumindest in einem Europa, in dem alles andere unwichtig scheint, außer Griechenland.


Selbst der erwartete Aufschrei ist bei vielen Menschen innerhalb Großbritanniens ausgeblieben. "Ist doch egal. Schließlich habe ich nichts zu verbergen" ist eine der häufigsten Antworten, wenn auf der Straße zu diesem Thema gefragt wird. Ähnlich entgegneten viele Deutsche, vor allem junge Erwachsene oder Teenager, den Reportern, während der NSA-Affäre 2013 und es macht nicht den Anschein, als ob sich diese Mentalität auch nur ansatzweise geändert hat.


Oberflächlich gesehen ist dieser Satz nicht weiter dramatisch. Er verkörpert sogar eine Art Gelassenheit, die in so turbulenten modernen Zeiten durchaus eine gewisse Coolness ausdrückt. Eine vermeintlich gesunde Einstellung, weil man schließlich nicht wegen jedem Kleinkram durchdrehen kann, besonders im Jahrhundert des Burn-Out oder der Depressionen. Doch hinter dieser Oberflächlichkeit verbirgt sich das Zeugnis einer willigen öffentlichen Selbstprostitution. Ich lege alles für den Staat offen und das auch noch freiwillig, ohne eine irgendein Schamgefühl zu besitzen. Ich gebe aus freien Stücken meine Privatheit auf. Jedoch wurde nicht immer so geantwortet und da möchte ich ansetzen. Leider erwische ich mich immer wieder selber dabei, dass ich in ähnlichen Mustern denke. Schnell versuche ich diese loszuwerden und beginne mir immer wieder die Frage zu stellen. Warum sind wir im 21. Jahrhundert dazu bereit unser Privatleben freiwillig dem Staat und seinen Geheimdiensten auszuliefern?


Ich persönlich würde den Ansatz im ausgehenden 19. Jahrhundert und im beginnenden 20. Jahrhundert suchen, dessen kulturelle Kinder der Expressionismus und der Futurismus sind. Allgemein zeigt sich in den kulturellen sowie künstlerischen Strömungen einer Epoche, was die Menschen in dieser Zeit am meisten bewegte und welche Elemente sie essentiell beeinflussten. Besonders zeigt sich im Expressionismus eine Auflösung der alten Strukturen. In der klassischen Literatur wird die Figur des starken ehrenvollen und moralischen Helden aufgelöst. Es erscheint der Anti-Held, die böse schwache oder kranke Person, wie man in Franz Kafkas Verwandlung erkennen kann. Auch wird mit dem alten Erzählverhalten gebrochen. Es tauchen nun Romane mit einem Ich-Erzähler auf, statt dem allwissenden Er/Sie-Erzähler, der vom sicheren Standpunkt aus auf die Welt der Geschichte herabblickt. In der Malerei wird die Unharmonie in den Vordergrund gerückt. Edward Munchs Schrei fasziniert nicht aufgrund seiner Schönheit, sondern genau dieser beklemmende Schrei, den die Farben vertonen, zieht den Betrachter in seinen Bann. Die Ursachen für diese Entwicklungen kann man auf den schnellen Fortschritt und das explodieren der Großstädte zurückführen. Das Leben wird hektisch stressig und das Individuum geht in der Masse unter. Es verschwindet scheinbar wertlos in der Anonymität. Außerdem gallopiert der Fortschritt. Während eines Menschenlebens werden viele neue Erfindungen vorgestellt. Früher erlebte der Mensch vielleicht eine große Revolution der Technik, wenn überhaupt. Ein Mensch vor einhundert Jahren erlebte zum Beispiel die Entwicklung von der ersten Dampflok zur Elektrobahn. Selbst meine Großeltern erfuhren die Entwicklung vom Radio bis zu Spotify. Viele verunsicherte Menschen konnten in diesen chaotischen Zeiten auch keinen Halt mehr in der Religion finden, die bisher in der Menschheitsgeschichte eine tragende Stabilitätssäule war. Charles Darwin entzauberte im 19. Jahrhundert die Evolutionstheorie und Friedrich Nietzsche kam in seinen Philosophien zu dem Schluss "Gott ist Tod". Auch der berühmte Religionskritiker Ludwig Feuerbach beschrieb Gott lediglich als eine Projektion unserer Wünsche und als Projektion dessen, was der Mensch nie sein kann, z.B. vollkommen. Die Religion schien ihre Legitimität für viele Menschen verloren zu haben.


In diesen Umbruchjahren überforderte die schnelle Entwicklung und Forschung den Menschen. Er wurde mit wahrscheinlich zu vielen Erkenntnissen konfrontiert, die sein altes Weltbild zerstörten. Die Menschheit, zumindest in den heutigen Industrienationen, wurde entwurzelt. Dies spiegelte sich auch in der Psyche der Menschen wieder. Neurastenie, ein Art Vorläufererkrankung des Burn-Out verbreitete sich, die Psychotherapie begann sich zu entwickeln, selbst die Familie als persönlichste Sicherheit begann sich aufzulösen.

Was ist denn heute noch beständig wie ein Felsen. Eine Beziehung? Der Job? Unser Weltbild? Unser Leben? Alles was einem Menschen Sicherheit gibt, ist nicht mehr so unerschütterlich wie früher. Ob dies gut oder schlecht ist, mag streitig sein, aber es ist eine Tatsache, dass vieles unbeständiger geworden ist. Doch ich habe den Menschen bisher als Wesen wahrgenommen, dem Beständigkeit und vor allem Sicherheit viel bedeutet. Vielleicht sucht der Mensch jetzt beim Staat verstärkt um Sicherheit. Ich glaube, dass er sich aufgrund seines Verlangens nach Sicherheit, was nicht mehr gestillt wird, nach einer Sicherheit durch den Staat sehnt und das dieser Hunger ihn soweit treibt, dass er notfalls eine Überwachung seiner Nachrichten in Kauf nimmt. "Ist doch egal. Schließlich habe ich nichts zu verbergen" ist dann die leichteste Antwort auf ein viel tieferes Problem. Vielleicht denke ich da auch zu weit. Vielleicht ist die Tiefe, die ich in der Antwort sehe falsch. Vielleicht denke ich auch etwas zu negativ über die Datenwelt. Vielleicht bin ich auf diesem Gebiet altmodisch. Aber glauben sie, dass eine Bürgerin oder ein Bürger vor 200 Jahren die selbe Antwort gegeben hätte. Ich glaube nicht.



15:59 17.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Mücher

Freies Denken - Prinzipientreue - Tierschutz - Menschen. Das sind die vier Dinge, die ich auf meine persönliche Agenda geschrieben habe. 18 J alt
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