„Wie ein Selbstporträt“

Im Gespräch Der Anthropologe Daniel Miller hat untersucht, wie Menschen sich ihre Wohnungen ­einrichten – und was das über sie aussagt

Der Freitag: Herr Miller, ist es ­eigentlich schwierig bei fremden Menschen in die Wohnung zu ­gelangen?

: Es ist nicht so einfach. Wenn man klingelt, ist der Moment entscheidend, in dem die Tür aufgeht. Einige machen gleich wieder zu, andere geben einem 30 Sekunden. Dann muss man sie schnell überzeugen, dass es sinnvoll ist, wenn sie sich über ihre Wohnungseinrichtung und ihre Biografie ausfragen lassen.

Für Ihr Buch The Comfort of Things haben sie als Anthropologe eine durchschnittliche Straße in Südlondon untersucht. Dafür sind sie zusammen mit einer Doktorandin in die Wohnungen von über 100 Menschen gegangen, um deren Einrichtungen zu analysieren. Was war Ihr Ziel?

In unserer Gesellschaft wird die Beschäftigung mit materiellen Dingen oft als oberflächlich abgetan. Dabei erzählen uns Gegenstände ganz viel über Menschen. Die Art und Weise, wie man sich mit Möbeln, Bildern und Krimskrams umgibt, hat nichts Zufälliges. Die Menschen ordnen die Dinge in bestimmten Mustern an, die etwas über ihre Biografie erzählen. Wenn man seine Wohnung einrichtet, ist es daher, als würde man ein Selbstporträt zeichnen.

Zu Beginn Ihres Buches stellen sie zwei sehr unterschiedliche Fälle gegenüber. Ein Mann, der praktisch keine persönlichen Besitztümer in seinem Apartment hat und ein altes Ehepaar, das zu Weihnachten mit Kindern und Enkeln zusammen das Haus exzessiv schmückt.

Ich habe bewusst mit diesen beiden begonnen. Damit wollte ich eine Klischeevorstellung korrigieren. Es ist eine weit verbreitete ­Annahme, dass bei jemandem, der Wert auf materielle Dinge legt, die menschlichen Beziehungen leiden. Meist ist das Gegenteil der Fall. Der Mann mit der leeren Wohnung war sehr einsam. Er hatte eine lieblose Kindheit, lebte dann in einem Wohnheim, mit wenig Kontakt zu anderen Menschen. Als er das Wohnheim verlassen musste, zog er in die Wohnung, in der wir ihn interviewten. Außer einem Bett und einer Postkarte gab es da praktisch nichts.

Ganz anders bei den Nachbarn.

Dort gab es ein sehr enges, liebevolles Familienleben. Der Weihnachtsschmuck, den das Ehepaar in Unmengen im Haus verteilte, war ein wichtiger Bestandteil ­davon. Er hatte sich über die Jahre angesammelt. Bestimmte Schmuckstücke standen für ­bestimmte Episoden der Familiengeschichte, weshalb das Dekorieren eine alljährliche Selbstver­gewisserung bedeutet.

Sie beschreiben auch einen ­jungen Mann, der zwischen England und Australien pendelt. ­Alles Persönliche – Fotos, Aufzeichnungen und Kontaktdaten der Freunde – hat er nur auf ­seinem Laptop gespeichert.

Das wirkt auf den ersten Blick wie eine sehr zeitgemäße Form des Umgangs mit materiellen Dingen. Wir sollen heute immer flexibler sein, uns besser an nichts fest ­binden. Der junge Mann erschien wie ein Prototyp dieses flexiblen Menschen, der in möblierten Wohnungen lebt und sein Leben vom Laptop aus steuert. Als er uns seine Lebensgeschichte erzählte, merkten wir aber, dass es für ihn noch einen anderen Grund gab, so wenige Dinge zu besitzen. Seine Mutter war australische Aborigine. Zu der nomadischen Kultur der Aborigines gehört es, nur wenige Besitz­tümer zu haben. In der Reduktion auf den Laptop verband er daher das Erbe seiner Vorfahren mit den Anforderungen der modernen Wirtschaftswelt.

Sie zeigen auch, wie Massenprodukte wie ein Ikea-Regal oder ein gewöhnlicher Teller für ­Menschen sehr wichtig werden können.

Wenn man ein Ikea-Regal kauft, ist es im Laden natürlich zunächst ein beliebiges Massenprodukt. Aber so ähnlich wie zu Personen kann man auch zu Dingen eine Beziehung aufbauen. So etwas passiert nicht von heute auf morgen. ­Nehmen wir als Beispiel einen einfachen Esstisch, den ein älteres Ehepaar seit vielen Jahren benutzt. Beide sitzen immer an derselben Stelle am Tisch – und über die Jahre haben sie kleine Kratzer auf der Tischplatte hinterlassen, individuelle Spuren. Außerdem verbinden sie Erinnerungen mit diesem Tisch: Sie haben sich daran gestritten, sie haben zusammen gelacht. Es ist dann kein Tisch mehr wie ­jeder andere – es ist ihr Tisch. Die Bedeutung, die dieses Möbelstück für sie hat, bemisst sich nicht ­danach, ob es seriell hergestellt wurde oder aus 400 Jahre altem Holz handgefertigt wurde.

Den Titel Ihres Buches

Ursprünglich wollte ich untersuchen, wie Menschen damit umgehen, jemanden zu verlieren. Ich hatte den Verdacht, dass Sachen dabei eine wichtige Rolle spielen.

Oft ist es ein unvorhergesehenes Ereignis, einen geliebten Menschen zu verlieren. Wir erleben dabei den Verlust von Kontrolle, wir können nichts tun. Dann hilft es vielen Menschen, wenn sie noch Dinge haben, die sie an die Verstorbenen erinnern. Von diesen Dingen kann man nach und nach Abschied nehmen und so ein bisschen die Kontrolle zurückgewinnen. In der beschriebenen Straße lebt eine Frau, die 15 Jahre brauchte, um den plötzlichen Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Nur nach und nach konnte sie sich von den Kleidern der Verstorbenen trennen.

In England hat das eigene Heim traditionell eine besonders große Bedeutung. Wie britisch ist Ihre Untersuchung?

Es ist halt eine Straße in London. Ich bin kein Anhänger der These, dass die Welt kulturell immer ­homogener wird. Eine Studentin von mir hat die Wohnungen in einer Straße in Madrid untersucht. Es zeigte sich: Während sich die Wohnungen in London individuell sehr stark unterschieden, waren sie in Madrid alle recht ähnlich eingerichtet. Es gibt also weiter große Unterschiede in der Alltagskultur. Man muss nur genau hinschauen.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Daniel Miller ist Professor für Anthropologie am University College London. The Comfort of Things ist bei Polity erschienen. Im nächsten Frühjahr veröffentlicht Suhrkamp eine deutsche Übersetzung

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:40 19.06.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 8