Im vergangenen Juni traf ich in Amsterdam Bas van Abel. Der 35-jährige Niederländer hat das Start-up Fairphone gegründet und will ein möglichst fair hergestelltes Smartphone bauen. Er nahm sich damals viel Zeit zu erklären, wie komplex es ist, die globalisierte Produktionskette sozial verträglicher zu gestalten. Und er betonte, dass es work in progress sei. Was seine größte Angst sei, fragte ich ihn. „Dass das Fairphone zu sehr ein normales Produkt wird.“ Dass die Leute es kauften oder nicht, dass dabei aber die Idee dahinter in der öffentlichen Wahrnehmung verloren gehe.
Diese Antwort fiel mir wieder ein, als ich in diesen Tagen auf dem Blog Indiskretion Ehrensache von Thomas Knüwer über einen Eintrag zum Fairphone stolperte. Knüwer hat sich als Journalist damit einen Namen gemacht, anderen Journalisten vorzuhalten, sie würden die Chancen des digitalen Wandels verschlafen. Und so benutzt er auch die Berichterstattung über das Fairphone – die ersten Geräte wurden Anfang Januar ausgeliefert –, um von Neuem einen Graben zwischen Journalisten und Bloggern aufzureißen.
In den Redaktionen fiele das Fairphone in den Bereich der Technikressorts, schreibt er, und diese würden Gerätetests in den Vordergrund stellen. Die Kritik am Herstellungsprozess, das Aufdröseln, wie wenig fair die Fertigung in China sei, würde hingegen in Blogs wie MacMark, Faire Computer und Betterplace Lab stattfinden. Dabei lässt er zwar außer Acht, dass mehrere Redaktionen – wie der Freitag auch – bereits vor der Auslieferung der ersten Geräte über den Herstellungsprozess und dessen Probleme berichteten, aber sonst ist die Beobachtung richtig: Seit es die Geräte gibt, findet das Fairphone meist nur noch in Produkttests statt.
In den Blogs gibt es hingegen eine teils sehr fundierte Kritik, was an der Herstellung alles nicht fair war. Mit viel Aufwand analysieren die Blogger Audit-Berichte, in denen die Einhaltung vertraglicher Absprachen zwischen Fairphone und dem chinesischen Fertiger dokumentiert wird. Sie rechnen die Löhne der Arbeiter um und vergleichen sie mit Verbesserungen, die Apple bei seinem Fertiger Foxconn durchsetzte.
Daumen-hoch-Daumen-runter-Haltung
Was aber auffällt: Mit Ausnahme der differenzierten Einschätzung des IT-Blogs Faire Computer schrumpft auch die Blogger-Kritik am Ende auf eine Daumen-hoch-Daumen-runter-Haltung zusammen: Das Fairphone ist entweder fair (kaufen) oder nicht (weiter mit Apple oder Samsung).
Knüwers Antagonismus zwischen Journalisten und Bloggern führt dabei in die Irre. Besser wäre es zu fragen, warum sich kaum jemand für das Prozesshafte interessiert. Also für die Idee, die Herstellung Stück für Stück zu verbessern. Gern wird eine nachhaltigere Berichterstattung eingefordert, die nicht dauernd das nächste große Ding hochjazzt, sondern über längere Zeit an Geschichten dranbleibt. Die Neigung zu apodiktischen Urteilen findet sich aber in der Blogosphäre genauso wie in den klassischen Medien.
Dabei wären gerade Blogs mit ihrer offenen Struktur und der Entkopplung vom Neuigkeitszwang besonders geeignet, ein Thema länger zu begleiten. Warum nicht beim Fairphone damit anfangen?

Kommentare 4
Knüwers Antagonismus zwischen Journalisten und Bloggern führt dabei in die Irre. Besser wäre es zu fragen, warum sich kaum jemand für das Prozesshafte interessiert. Also für die Idee, die Herstellung Stück für Stück zu verbessern. Gern wird eine nachhaltigere Berichterstattung eingefordert, die nicht dauernd das nächste große Ding hochjazzt, sondern über längere Zeit an Geschichten dranbleibt. Die Neigung zu apodiktischen Urteilen findet sich aber in der Blogosphäre genauso wie in den klassischen Medien.
Viele Blogger schielen halt auch auf Klicks und müssen ihre Artikel in dem Sinne eben auch verkaufen und die entsprechenden "Tipps" (kurz, einfach, aktuell, eindeutig) berücksichtigen.
Der Artikel von Knüwer war mir auch vor die Augen gekommen. Wegen grundsätzlich geringem Interesse am Smartphone habe ich nicht groß drüber nachgedacht. Ein bisschen dachte ich „siehste, das ist wohl Augenwischerei“. Fairere Produktionsprozesse finde ich aber erstrebenswert, als Kunde habe ich Produktkauf als Abstimmungsoption. Und da ich (noch?) kein Smartie habe, habe ich die maximale Macht!
Es geht also um die Errichtung paralleler Strukturen, andersartiger (fairer) Produktionsprozesse. Das Interesse an solch Strukturen hat sich bei mir im Bereich Lebensmittel gebildet, nicht als Vorreiter, und auch keineswegs über Medien vermittelt. Von Mensch zu Mensch also. Warum diese Kommunikation bezüglich Smartphones wohl nicht so gut funktioniert? … Was ich wohl sagen will, die Überzeugung kam durch Menschen, die dahinter stehen, Menschen mit Ihrer Meinung. Wenn die gebloggte Meinung kein Urteil enthält - Daumen hoch?, Daumen runter? – kann sie mich überzeugen? Durch Fakten überzeugen? Fakten gehören schon dazu, aber die Faktenauswahl erfolgt doch auf Grundlage von Meinung.
Man darf sich noch mal vor Augen führen:
- Fairphone hat nie behauptet, ein total faires Telefon produzieren zu können. Es geht um Schritte Richtung Fairness, kleine Fortschritte bei Material und Arbeitsbedingungen - und dazu hat ein kleiner gemeinnütziger Verein quasi aus dem Nichts tatsächlich eine Nische in diesem Markt gefunden.
- Wo sind die Verifikationen, dass zB Samsung und Apple es besser machen? Vielleicht lassen sich Rückschlüsse ziehen aus Löhnen. Aber Aussagen zB der Fair Labour Organization (FLA) ist zu misstrauen, denn es handelt sich um eine Interesseninstitution, die von Firmen wie Apple finanziert wird.
Siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_Labor_Association#Criticism
Man könnte die Argumentation der erwähnten Fairphone-Kritiker auch teilweise umdrehen: Gerade die Tatsache, dass im Herstellungsprozess eben viele Dinge noch nicht fair laufen und (wichtig!) die Tatsache, dass die Projektinitiatoren dies offen thematisieren zeigt deutlich, dass an dieser Stelle ein Umdenken erforderlich ist und noch viel getan werden muss. Deswegen zieht für mich auch der Vorwurf, es handele sich lediglich um einen "Marketing-Gag" nicht - das Fairphone-Projekt hat in der Smartphone-Sparte einfach den Finger in die Wunde gelegt.