Jan Pfaff
07.11.2009 | 15:00 14

"Damit hilft Google der NPD"

Rechtsextremismus Google macht weiter für die NPD Werbung - und kaum jemand stört sich daran. Patrick Gensing vom Watchblog NPD-Blog.Info warnt davor, Toleranz mit Ignoranz zu verwechseln

freitag.de: Herr Gensing, Google Deutschland-Sprecherin Lena Wagner sagt, man wolle eine neutrale Werbeplattform sein. Deswegen sehe Google auch keinen Grund, Anzeigen der rechtsextremen NPD abzulehnen. Macht man es sich da nicht zu einfach?

Definitiv. Ein Unternehmen, das so viele Menschen erreicht wie Google, trägt eine besondere Verantwortung. Da kann man nicht so tun, als würde es einen nichts angehen, wenn rechtsextreme Propaganda über mehrere Google-Kanäle ausgespielt wird. Ich verstehe wirklich nicht, warum man aktiv NPD-Propaganda verbreitet, indem die Partei Anzeigen bei Google Ads schalten darf, die dann im ganzen Netz verstreut werden – und indem Google NPD-Mitteilungen in seinen Dienst Google News aufgenommen hat und sie dort auftauchen. Da stehen sie dann gleichberechtigt neben Nachrichten von seriösen Seiten wie

Google sagt, man wolle keine Entscheidung darüber treffen, was richtig und falsch ist. Diese Entscheidung überlasse man den Nutzern.


Wenn man die NPD-Texte bei Google News kritisiert, kommt gern der Vorwurf, man fordere eine Zensur. Das ist Blödsinn, denn wenn Google die NPD aus dem News-Service schmeißt, findet man diese Texte über die normale Google-Suche immer noch. Das ist ja auch sinnvoll, etwa für Recherchen über diese Partei. Dann würde die rassistische und anti-semitische Propaganda aber nicht mehr durch das Umfeld seriöser Medienmarken geadelt werden. Die NPD fährt ja seit einiger Zeit die Strategie, sich seriös und bürgerlich zu geben. Mit seinem Verhalten hilft Google dabei.

Das Zensur-Argument wird aber nicht nur von Google vorgetragen.


Der Vorwurf kommt in der Tat auch aus der Blogosphäre. Dort gibt es ein starkes anti-hegemoniales Denken – alle etablierten Medien sind schlecht, alles Kleine, was von unten kommt, ist gut. Dieses Denken spielt Rechtsradikalen in die Hände. Sie versuchen, sich als Opfer eines angeblichen Meinungskartells der etablierten Medien darzustellen und bekommen dabei von Leuten Unterstützung, die die Meinungsfreiheit im Netz verteidigen wollen, mit den rechtsextremen Positionen aber überhaupt nichts anfangen können. Es ist aber ein Irrglaube anzunehmen, eine Demokratie müsse alles akzeptieren. Es gibt aus gutem Grund den Begriff der wehrhaften Demokratie, aber einige Leute verwechseln bisweilen Toleranz mit Ignoranz.

Wenn eine große Tageszeitung Werbung für die NPD schalten würde, gäbe es einen Aufschrei und massive Proteste. Für die NPD-Anzeigen bei Google interessiert sich dagegen kaum jemand. Auf den Medienseiten der wichtigen Tageszeitungen findet sich dazu nichts.


Der Vergleich zwischen Google und einer großen überregionalen Zeitung ist interessant. Er zeigt: Für das Netz gelten offenbar immer noch andere Maßstäbe. Das liegt zum einen daran, dass viele Medienjournalisten noch stark in Print-Kategorien denken und deshalb ständig unterschätzen, was im Internet passiert. Zum anderen ist Google so groß und einflussreich, dass kein größerer Verlag online an einer Zusammenarbeit mit Google vorbeikommt. Über die NPD-Anzeigen bei Google Ads wird wahrscheinlich auch deshalb kaum berichtet, weil alle Beteiligten von dem bisherigen System profitieren. Und die Verlage wollen natürlich nicht auf ihre Google-Ads-Einnahmen verzichten.

Google argumentiert, dass Google Ads-Kunden, die keine NPD-Anzeigen wollen, diese auf die Ausschlussliste setzen können und sie dann automatisch herausgefiltert werden.


Das habe ich bei meinem Blog auch versucht, weil ich natürlich keine NPD-Werbung haben wollte. Meine Erfahrung ist aber, dass der Filter nicht richtig funktioniert. Jedenfalls tauchten die Anzeigen weiter auf. Ich habe Google Ads dann komplett von der Seite geschmissen.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Patrick Gensing ist Journalist in Hamburg und Mitarbeiter von . Seit 2005 betreibt er den Watchblog .

Kommentare (14)

mh 07.11.2009 | 17:04

"Das Zensur-Argument wird aber nicht nur von Google vorgetragen.

Der Vorwurf kommt in der Tat auch aus der Blogosphäre. Dort gibt es ein starkes anti-hegemoniales Denken – alle etablierten Medien sind schlecht, alles Kleine, was von unten kommt, ist gut. Dieses Denken spielt Rechtsradikalen in die Hände."

das hat nichts mit klein oder groß zu tun oder mit etabliert und nicht etabliert. es geht hier um das grundsätzliche. wenn ich es bei der npd erlaube, dann muss ich es auch bei den radikalen linken erlauben die noch durchgehen. es gibt grundsätze an denen darf man einfach nicht rütteln und dazu gehört eben nunmal das recht auf freie meinung, seine äußerung und verbreitung .. in dem uns gegebenen rahmen.

ich wehre mich vor allem gegen diese unsägliche unterstellung, dass das, was die npd verbreitet, unsere gesellschaft durch diese verbreitung allein durchsetzt. würde mir nicht ständig einer erklären was die npd nun wieder schlimmes getan hat, würde ich von dieser partei gar nichts mitbekommen. das ist doch der eigentliche knüller.

solange die npd nicht verboten ist, hätte ich da echt n problem mit verboten über google und an anderen schnittstellen. eben weil dieses generelle recht viel zu wertvoll ist um es wegen ein paar spinnern zu opfern.

es kann auch jeder für sich entscheiden und wer es ausblendet, super. wer nicht, trifft auch ein statement. und wenns bei google nicht funktioniert, dann muss man halt google rauswerfen. den schneid haben aber die wenigsten.

mfg
mh

merdeister 07.11.2009 | 17:33

Unter welchen Umständen, kann man diese "Werbung" denn sehen? Google macht ja angeblich zielgruppengerechte Werbung.

Vielleicht sollte Herr Gensing Google Ads wieder auf seiner Seite aufnehmen, denn NPD-Werbung auf einer Anti-NPD-Seite ist ja wie Geld verbrennen. Geld der NPD. Wenn man dann noch fein den Link anklickt wird es richtig teuer...?

rolfmueller 08.11.2009 | 00:39

Man könnte meinen, die Argumente der NPD seien so gut, dass sie verboten werden müssen.

Die meisten Sympathien bekommt die NPD durch diese Verbieterei. Junge Leute, die sich von den älteren Generationen abgrenzen müssen, um ihre eigene Identität zu finden, werden verführt, sich für die Verbotsopfer zu interessieren und einzusetzen. Da entstehen manchmal Prägungen, die ein Leben lang halten.

Ich bin grundsätzlich gegen jede Art von Verboten. Den der Subtext eines Verbots lautet: Meine Argumente sind zu schwach, um im offenen Wettbewerb bestehen zu kennen.

Nouveau Cologne 08.11.2009 | 15:51

MH hat das wichtigste Argument schon gebracht: Die Meinungsfreiheit ist zu wertvoll, um sie wegen ein paar Spinnern zu opfern.

Daneben trifft auch das Argument von Herrn Gensing nicht, dass die NPD durch das Umfeld "seriöser Medienmarken" geadelt würde. Google News bietet seriöse ebenso wie unseriöse (PR-Portale u.a.) Nachrichtenquellen zuhauf – die Quellen zu bewerten ist nicht die Aufgabe Googles, sondern in diesem Fall des Lesers.

oca 08.11.2009 | 20:45

@rolfmueller: "Denn der Subtext eines Verbots lautet: Meine Argumente sind zu schwach, um im offenen Wettbewerb bestehen zu können."

Völlig richtig. Welche Argumente sollen das auch sein, wenn die SPD beispielsweise einen Sarrazin in ihren Reihen hat, der mit seiner Forderung "perspektivisch keine Transferleistungen für Migranten" mit der NPD auf einer Linie liegt? Von CDU und FDP mit Ihren Öttingers, Kochs und Deuses ganz zu schweigen.

Solange die großen Parteien nicht dazu bereit sind, in ihren eigenen Reihen aufzuräumen bleibt jeder Angriff auf die NPD höchst fadenscheinig.

HerrRöpke 08.11.2009 | 21:06

"Solange die großen Parteien nicht dazu bereit sind, in ihren eigenen Reihen aufzuräumen bleibt jeder Angriff auf die NPD höchst fadenscheinig."
Aber gehört zu dieser Fadenscheinigkeit nicht die Zugehörigkeit zu einer dieser großen Parteien? Ich meine aus der Sicht einer Privatperson. Warum ist mein Angriff auf die NPD fadenscheinig, nur weil große Parteien in ihren Reihen noch nicht aufgeräumt haben? In diesem Fall verstehe ich die Argumentation nicht.
Und was ich auch nicht verstehe: Wollen Sie tatsächlich die NPD in Schutz nehmen, nur weil es in den großen Parteien auch mal ähnliche Wirrköpfe gab und/oder gibt?

Zur Meinungsfeiheit hatte ich mich weiter oben schon geäussert und wurde durch Ihre Argumentation auch nicht vom Gegenteil überzeugt. Ich würde mich da sehr über eine Bewertung freuen: "Der Subtext eines Verbots kann aber z.B. auch lauten: Sie haben die Ebene der freien Meinungsäusserung verlassen und befinden sich nun auf der Ebene der Diskriminierung, Beleidigung etc. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir dies unter keinen Umständen dulden können. MfG i.A. Ihr Grundgesetz"

oca 08.11.2009 | 21:52

@HerrRöpke: verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte Ihnen gar nicht widersprechen und mich auch (jetzt) nicht an der Verbotsdebatte beteiligen. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass sich die Mehrheit derjenigen, die für die Umsetzung des Grundgesetzes zuständig sind, kaum glaubwürdig mit der NPD auseinandersetzen kann, solange sie nichts gegen diejenigen in ihren eigenen Reihen unternimmt, die selbst NPD-Positionen vertreten.

oca 08.11.2009 | 22:01

@HerrRöpke: "Der Subtext eines Verbots kann aber z.B. auch lauten: Sie haben die Ebene der freien Meinungsäusserung verlassen und befinden sich nun auf der Ebene der Diskriminierung, Beleidigung etc. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir dies unter keinen Umständen dulden können. MfG i.A. Ihr Grundgesetz"

Wenn Sie damit meinen, dass Google auf diese Weise einige wichtige Paragraphen aus dem Grundgesetz umsetzen könnte/sollte, hätte ich keinen Einwand.

oca 08.11.2009 | 22:10

@HerrRöpke: "Wollen Sie tatsächlich die NPD in Schutz nehmen, nur weil es in den großen Parteien auch mal ähnliche Wirrköpfe gab und/oder gibt?"

Ich glaube nicht, dass das Problem aus ein paar Wirrköpfen besteht, sondern dass Rassismus, Ausgrenzung und Verwertungsdenken eher Regel als Ausnahme sind.

Damit möchte ich allerdings nicht die NPD relativieren. Die neue Koalition ist mir schon noch lieber als eine Regierung aus NPD und DVU!

Jan Pfaff 09.11.2009 | 16:25

@MH+rolfmueller: Hoppla, das ist ja ein völlig ungebrochener Aufklärungsglaube, der sich da Bahn bricht. Nur was ist mit der "Dialektik der Aufklärung"? Das mit den besseren Argumenten hat ja schon mal nicht wirklich funktioniert.

Aber damit kein Missverständnis entsteht, es geht hier gar nicht um gesetzlichen Regelungen, nicht um die Forderungen nach neuen Verboten. Nur Google muss sich als Unternehmen schon fragen lassen, wie es mit der Unternehmensethik aussieht und wann man eine Grenze sieht und sagt, mit denen möchten wir keine Geschäfte machen. Und: Die NPD-Mitteilungen in Google News reinnehmen, welchen Zweck soll das haben? Ich fürchte, dass bei weitem nicht jeder Nutzer so quellenkritisch ist wie das "Neu Köln" hier zu Recht einfordert.

mh 09.11.2009 | 16:43

ich hab das schon so verstanden und wollte das mit diesem absatz kontern:

"solange die npd nicht verboten ist, hätte ich da echt n problem mit verboten über google und an anderen schnittstellen. eben weil dieses generelle recht viel zu wertvoll ist um es wegen ein paar spinnern zu opfern."

google ist zum wichtigsten informationsvermittler des internets geworden. wenn google "ausblendet", dann ist das quasi wie eine zensur durch den staat. und dafür besteht keine grundlage, solange der staat selbst die npd nicht verboten hat / verbieten kann.

es ist übrigens sehr anmaßen, zu unterstellen unsere gesellschaft würde deswegen dann npd-hörig werden .. oder ist das mehr die angst vor der eigenen schwäche .. also glaubst du, dass du dann npd-anhänger wirst oder wie soll ich diese denkweise verstehen?

das ist doch gaga. und die frage nach dem sinn .. welchen sinn hat es, die raus zu lassen? va wenn man gleichzeitig will, dass es dann im web noch drin bleibt.

ich hab davor übrigens deswegen so gar keine angst, weil menschen eh nur die informationsquellen nutzen, die ihrer meinung am nächsten kommen. wenn also alle lieber die npd als quelle nehmen, sollten wir uns gedanken machen. wissen wir aber nur, wenn wir es nicht verbieten.

mfg
mh

mh 09.11.2009 | 19:47

newsaggregatoren sind immer nur das, was man selbst draus macht. das ist anstrengend.. deswegen geht der trend nun ja auch gen personalisierter newsverbreitung innerhalb persönlicher netzwerke. aber das issn anderes thema.

der punkt an googlenews ist auch, dass zu jeder nachricht 90 infogeber zu finden sind .. 50 davon dpa-weiterverbreiter.^^ da geht eine npd unter, die ist so gar nicht relevant. ich habe sie da noch nie gesehen, nutze google news zugegebenermaßen auch nur sehr selektiv und wenn, dann per google alerts.

mfg
mh