Der einzige Mann

Vereinbarkeit Die Politologin Anne-Marie Slaughter hat ein Buch über Familie und Karriere geschrieben. Interessant ist aber auch, was ihr Mann als "lead parent" zu berichten hat
Jan Pfaff | Ausgabe 11/2016 1
Der einzige Mann
Anne-Marie Slaughter (li., hier mit Hillary Clinton) gab der Familie zuliebe ihren Job auf

Foto: Karen Bleier/AFP/Getty Images

Anne-Marie Slaughter ist einer breiteren Öffentlichkeit nicht durch ihre Analysen als Politologin oder ihre Arbeit als Planungschefin unter der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton bekannt geworden. Sondern weil sie 2012 in einem vielgelesenen Essay im Magazin The Atlantic erklärte, warum sie diesen Job aufgab, um sich besser um ihre Teenager-Söhne kümmern zu können.

Dieser Tage ist ein Buch von ihr erschienen – Was noch zu tun ist (Kiepenheuer & Witsch) –, in dem sie noch einmal über ihre Entscheidung und die anschließende Debatte schreibt. Und ganz nebenbei gesagt, ist es das lesenswerteste Buch, das aus der Mutterbuchschwemme dieses Frühjahrs aufgrund eines unaufgeregten Tons und einer konstruktiven Herangehensweise herausragt. Auch weil Slaughter sich nicht zu fragen scheut, was mit einem System grundsätzlich nicht stimmt, in dem Kinder per se als berufliches Hindernis gelten.

Unbedingt dazu lesen sollte man einen Text, den Slaughters Ehemann Andrew Moravcsik ebenfalls im Atlantic veröffentlicht hat. Moravcsik hat für seine Söhne und die Karriere seiner Frau zurückgesteckt. Als Politikprofessor an der Elite-Uni Princeton auch nicht unerfolgreich, erzählt er, welche Erfahrungen er als lead parent, als erste Bezugsperson für seine Jungs machte.

Er spricht dabei aus einer privilegierten Position. Die Professorenstelle ermöglicht ihm viel freie Zeiteinteilung, und das Paar kann sich eine Haushälterin leisten. Trotzdem kann er seine Arbeit nicht mit derselben Intensität verfolgen wie zuvor. Moravcsik beschreibt offen, wie er von jener Erfahrung überrascht wird, die alle berufstätigen Frauen mit Kindern, mittlerweile aber auch viele Väter kennen: Egal, wie effizient man arbeitet und routiniert die Kinder versorgt – eine Seite kommt zu kurz, meist sind es sogar beide.

Immer der Außenseiter

Interessant sind seine Beobachtungen, wie das Umfeld reagiert. Während es bei kleineren Kindern noch eher akzeptiert sei, dass Väter nicht voll arbeiten, fehle das Verständnis dafür bei Teenagern völlig. Nicht nur von Männern, auch von manchen Frauen muss Moravcsik sich fragen lassen, ob er noch ein richtiger Mann sei. In den Netzwerken der Mütter, in denen Abholdienste organisiert und Informationen ausgetauscht werden, ist er als einziger Mann immer der Außenseiter, der bestenfalls toleriert und oft ignoriert wird.

Und ja, klar, das sind alles keine unüberwindbaren Hindernisse. Mann kann das aushalten. Moravcsik betont, dass er keineswegs auf die vielen Erfahrungen mit seinen Kindern verzichten wollte, die er aufgrund seiner Entscheidung machen konnte. Es zeigt aber doch auch, welch weiten Weg alle Seiten noch zurücklegen müssen.

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