Der gefährlichste Mann Europas?

Aufbruch Vielleicht hat Griechenland ja nur auf einen wie Alexis Tsipras gewartet – einen selbstbewussten jungen Mann, der keine Angst davor hat, die Welt zu verändern

Die gute Laune von Peter Altmaier kann an diesem Mittag eigentlich nichts trüben. Vor zwei Stunden ist er zum Bundesumweltminister ernannt worden, gerade hat er im obersten Stock des Reichstages ein paar Sätze dazu in Fernsehkameras gesprochen, nun gratulieren ihm die Parlamentskorrespondenten. Jeder einzeln und mit Handschlag. Er steht mit seinen Mitarbeitern in einem schmalen Gang, der zu Arbeitszimmern der Parlamentarier führt. Plötzlich kommt ein Grüppchen auf ihn zu. Man suche „für zehn Minuten einen Raum für den Griechen“, wird ihm zugerufen und Altmaiers Lächeln verschwindet. „Wie? Ich soll jetzt mit dem Griechen reden? Davon weiß ich gar nichts.“ Nein, nein, die Gruppe gehöre zur Konkurrenz. Mitarbeiter der Linkspartei suchen einen Ort, an dem Alexis Tsipras kurz seinen Laptop aufklappen kann. Der neue Bundesumweltminister entspannt sich sichtlich.

Das Erschrecken Altmaiers verrät einiges über die Berührungsängste der CDU – und noch viel mehr über den Ruf, der Alexis Tsipras vorauseilt, seit er bei den griechischen Parlamentswahlen Anfang Mai sein Linksbündnis Syriza zur zweitstärksten Partei machte. Zuvor dümpelte es im Parlament mit 4,6 Prozent eher vor sich hin, Tsipras’ Name war bis zur Wahl außerhalb Athens kaum jemandem ein Begriff. Ein Stimmenzuwachs auf 17 Prozent und eine gescheiterte Regierungsbildung später hat sich das gedreht. Bei den Neuwahlen am 17. Juni könnte Tsipras’ Bündnis stärkste Kraft werden, der 37-Jährige womöglich nächster Ministerpräsident. Und diese Aussicht versetzt Europa in Unruhe. Vorsichtig ausgedrückt.

Ein tapferer Junge ...

Wenn er an die Macht komme, werde er als erstes die Schuldenzahlungen stoppen und die mühsam verhandelten Sparpakete für illegitim erklären, lautet Tsipras’ Versprechen an die griechischen Wähler. Außerdem kündigte er an, einen Großteil der griechischen Schulden ganz abzuschreiben und die Banken zu verstaatlichen. Linken Populismus werfen ihm seine Kritiker vor, diese Politik wäre unweigerlich das Ende Griechenlands im Euro, mit unabsehbaren Folgen für das Land und die europäische Gemeinschaft. Für Austeritätsanhänger ist Alexis Tsipras daher schlicht der „gefährlichste Mann Europas“.

In Griechenland, wo ein großer Teil der Bevölkerung durch die Krise an die Grenzen seiner Leidensfähigkeit geführt wurde, wird Tsipras hingegen als Held gefeiert – einer, der es wagt, sich gegen die als Diktat wahrgenommenen Beschlüsse aufzulehnen. Tsipras sieht gut aus und die Wähler lieben seinen jugendlichen Charme, das Unverbrauchte und die klaren, eindeutigen Ansagen. Er ist, was die Griechen einen „Pallikari“ nennen, ein tapferer Junge, der sich keiner Autorität beugt. Seine Sprache changiert dabei zwischen Klassenkampf-Rhetorik und diplomatischen Formulierungen. Er spricht vom „Krieg zwischen den Märkten und den Völkern“ – aber verweist auch kühl auf die Ineffizienz der bisherigen Sparmaßnahmen, die nur einen endlosen Schuldenkreislauf generiert haben. Bis weit in die Mitte haben die Griechen dem Linksbündnis Syriza daher ihre Stimme gegeben. Teils allerdings auch mit dem Hinweis, Tsipras bluffe mit seinen Aussagen doch nur, um bei eventuell neuen Verhandlungen das bestmögliche Ergebnis herauszuschlagen. Denn die Zukunft Griechenlands im Euro stellte Tsipras, anders als manche Linksradikalen in seinem Wahlbündnis, zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich in Frage.

Dafür weist er gern darauf hin, dass auch Angela Merkel wiederholt betont hat, man könne Griechenland nicht fallenlassen, weil die Märkte dann gegen die nächsten Sorgenkinder der Eurozone wetten würden. Es ginge ihm nicht um Erpressung, er sorge sich vielmehr um die europäische Idee, fügt er diesem Satz hintersinnig hinzu.

Dass er an diesem Dienstag im Anschluss an einen Besuch in Paris nach Berlin gekommen ist, kann man als Demonstration seines Selbstbewusstseins betrachten. Auf Einladung der Linkspartei will er in jenem Land für seine Ideen werben, das sich wie kein anderes der Austeritätspolitik verschrieben hat. Die CDU signalisierte im Vorfeld hastig, dass man keinen Bedarf an einem Gespräch mit dem neuen Star der Linken habe, die SPD war unschlüssig.

Tsipras bekommt auch so genug Aufmerksamkeit – und er liebt das Spiel mit den Medien. Sobald an diesem Mittag im Reichstag Kameras in der Nähe sind, setzt er ein breites Lächeln auf, eines, das fürs normale Leben ein wenig zu groß erscheint, aber sehr einnehmend auf Bildern wirkt.

Vor dem Fraktionssaal der Linken wartet eine Traube Fernsehjournalisten. Gregor Gysi stürmt auf den griechischen Gast zu. Er versucht einen Witz zur Begrüßung: „Wir haben heute ja nicht nur den besten Politiker Griechenlands zu Gast, sondern auch den schönsten. Wegen mir kommen nicht so viele Kameras.“ Tsipras steht daneben und lächelt, er versteht ohne seine Dolmetscherin sowieso kein Wort.

Als er den Saal betritt, gibt es lang anhaltenden Applaus – einen Linken, der bei Wahlen erfolgreich ist, hat man hier länger nicht gesehen. In das Klatschen hinein murmelt nur ein älterer Mann mit grauem Backenbart etwas Kritisches: „Wir sollten nicht immer einzelne Personen abfeiern, das tut uns nicht gut.“ Tsipras bedankt sich höflich für den Empfang. Er spricht von der Solidarität unter den Völkern, sie dürften sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. „Wir kämpfen diesen Kampf auch für die deutschen Arbeitnehmer“, ruft er und bestätigt damit seinen Ruf als brillanter Redner, der seine Rhetorik genau dem jeweiligen Anlass entsprechend verändern kann.

... und junger Funktionär

Wie aber ist dieser Alexis Tsipras überhaupt zur Politik gekommen? Geboren wird er 1974 in Athen, vier Tage nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur. Seine Familie, heißt es, sei nicht besonders politisch gewesen. Er selbst fällt bereits als 17-Jähriger mit der Organisation von Schülerprotesten auf. „Er schaffte es, sich vor ein paar hundert Kinder zu stellen, die eigentlich nicht wirklich wussten, wofür sie demonstrieren sollten“, erinnerte sich ein damaliger Mitstreiter in einem aktuellen BBC-Beitrag. Tsipras macht damals nicht nur eine professionelle Medienarbeit und gibt Fernsehinterviews, sondern verhandelt auch hartnäckig mit dem Bildungsminister. Dass es den Schülern gelingt, der Regierung schließlich Zugeständnisse abzutrotzen, hat bei ihm wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Er schreibt sich für ein Bauingenieursstudium ein und macht weiter Politik: in Studentenvereinigungen an der Universität und als Jugendfunktionär von Synapismos, einem Bündnis der Kommunistischen Partei und der Griechischen Linken. Auf einem Foto aus jener Zeit sitzt Tsipras auf einem Hügel, die schulterlangen Haare wehen ihm von hinten ins Gesicht – und er lacht mit dem unerschütterlichen Optimismus eines jungen Menschen in die Kamera, der fest davon überzeugt ist, dass die Welt nur darauf wartet, von ihm gerettet zu werden. In den Neunzigern protestiert er gegen die Globalisierung und neoliberale Wirtschaftsreformen. Mit dem Beistand seines politischen Ziehvaters Alekos Alavanos, dem ehemaligen Vorsitzenden von Synaspismos, verläuft die weitere Polit-Karriere schnell. 2006 wird er in den Stadtrat Athens gewählt, wo er sich als bürgernaher Politiker einen Namen macht, der auf keinem Nachbarschaftsfest fehlt. 2008 folgt die Wahl zum Parteichef von Syriza, 2009 zieht er ins Parlament ein.

Der Mann der Stunde

Und dennoch: Er wäre wohl weiterhin ein weitgehend unbekannter griechischer Politiker, wenn seine Überzeugungen nicht gerade in diesen Monaten auf eine besondere Situation stoßen würden. Im vergangenen Jahr, als die Griechen noch nicht in diesem Ausmaß vom Sparen zermürbt waren, schreckten Tsipras’ radikale Forderungen viele Wähler noch ab. Aber nicht nur das hat sich geändert. Hinzu kommt ein Wandel des politischen Klimas in Europa insgesamt – sichtbar geworden vor allem im Sieg François Hollandes in Frankreich. Tsipras’ Aufstieg erklärt sich zu einem nicht geringen Teil daraus, dass er einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.

Vor seinem Abflug nach Berlin betonte Tsipras in einem Interview, dass Merkel mit ihrer Sparpolitik in Europa gerade „extrem isoliert“ sei. In der New York Times empfahl er ihr, sich doch eher an Obama und seinen Konjunkturprogrammen zu orientieren. So bereitet er mögliche Neuverhandlungen mit einer breiten internationalen Medien-Offensive vor. Selbst die konservative Tageszeitung Die Welt musste ihm angesichts dieser Chuzpe zugestehen, dass er etwas Wichtiges verstanden habe – nämlich „dass es im schönen neuen Europa keine Innenpolitik mehr gibt, dass man europaweit denken muss, wenn man seine Politik im eigenen Land durchsetzen will“.

Nach dem kurzen Auftritt in der Linksfraktion geht es eiligen Schritts weiter. Parteichef Klaus Ernst und Fraktionschef Gysi wollen ihren Gast der Hauptstadtpresse präsentieren – der Wunsch, dass ein wenig von seinem Glamour auf die strauchelnde deutsche Linke abfallen möge, ist groß. Vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz nehmen Ernst und Gysi Tsipras in die Mitte. Es wirkt, als ob die Verantwortlichen eines Fußballklubs die Verpflichtung eines neuen Superstars verkünden. „Ich bin kein Protagonist“, beginnt Tsipras demütig. „Meine Partei ist es auch nicht, sondern das griechische Volk ist es.“

Die Auswirkungen der Sparpakte seien desaströs, es gelte eine Katastrophe in Europa abzuwenden. „Wir bitten um die Solidarität der Völker in Frankreich und Deutschland“, sagt er – und bietet den Deutschen ein Argument an, das in ihrem eigenen Interesse ist: „Wie lange wollt ihr Deutschen das Geld noch in ein Fass ohne Boden werfen?“ Was wie ein Satz von Thilo Sarrazin klingt, hat bei Tsipras aber die umgekehrte Stoßrichtung. Von der jetzigen Politik profitierten nur Banken, an den Menschen ginge die Hilfe vorbei. Er würde nicht um mehr Geld bitten, sondern für eine andere Verteilung plädieren.

Wie denn die Reformen in Griechenland aussehen würden, wenn er an die Macht käme? „Ich glaube, dass die Bekämpfung der Steuerhinterziehung keine Sache der Gene ist. Genauso ist die Schattenwirtschaft nichts Gottgegebenes.“ Er wolle das Steuersystem gerechter machen und höhere Einnahmen erzielen. „Die Medien beschreiben uns oft als Partei, die Europa zerstören will, aber wir sind europafreundlich. Es sind die jetzt führenden Kräfte, die eine europafeindliche Politik machen.“

Tsipras bezeichnet die Deutschen als „große Brüder“ und bittet darum, dass sie weiter im Sommer Urlaub in Griechenland machen – aber er bleibt hart in der Sache. Keine Tilgung der Schulden zu diesen Bedingungen. Nach knapp einer Stunde ist die Fragestunde vorbei. Tsipras läuft zusammen mit Gysi zur Limousine vor der Tür. Die Zeit drängt: Sigmar Gabriel hat sich doch noch zu einem Treffen bereit erklärt.

Am Abend lässt Gabriel verlauten, er habe Tsipras im Gespräch versichert, dass es die freie Entscheidung des griechischen Volks sei, ob es in der Euro-Zone bleiben wolle oder nicht. Nur getroffene Vereinbarungen müssten eingehalten werden. Tsipras hat ihm da gewiss widersprochen.

07:00 24.05.2012

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