Die Angst vor dem Shit-Storm

Fair-Trade-Kampagne Mit einer George-Clooney-Kampagne setzte die NGO "Solidar Suisse" Nespresso unter Druck, auf fair gehandelten Kaffee umzustellen. Der Konzern zeigt sich gesprächsbereit

Die Schweizer Nichtregierungsorganisation Solidar Suisse hat mit ihrer George-Clooney-Kampagne für fair gehandelten Kaffee in Nespresso-Kapseln für großes Aufsehen gesorgt. Hundertausende schauten sich den Spot im Internet an, über 35.000 Leute folgten dem Aufruf und schrieben George Clooney eine E-Mail mit der Aufforderung, dass er Nespresso vor die Wahl stellen sollte: entweder fair gehandelten Kaffee oder keine Clooney-Werbung mehr. Nespresso reagierte und traf sich mit Solidar Suisse zum Gespräch. Über das Ergebnis und die große Resonanz der Kampagne sprach der Freitag mit Christian Engeli, Verantwortlicher für Kampagnen bei Solidar Suisse.

Christian Engeli: Z

unächst einmal ist bemerkenswert, dass der Konzern so schnell reagiert und sich gesprächsoffen gezeigt hat. Das ist nicht selbstverständlich. Allerdings hat Nespresso unsere Kritik zurückgewiesen. Man beziehe 60 Prozent des Kaffees für die Kapseln aus Beständen mit Zertifikat der

Rainforest Alliance

. Das ist für uns aber nicht ausreichend

.

Die Rainforest Alliance gewährleistet einige Umweltstandards, aber nur minimale soziale Standards, Kinderarbeit ist etwa verboten. So ein Label ist zwar besser als nichts, aber es ist bei weitem nicht mit einem echten Fair-Trade-Label zu vergleichen. Nespresso hat nun aber zugestanden, von einer unabhängigen Institution überprüfen zu lassen, ob unsere Darstellung stimmt und ein Fair-Trade-Label tatsächlich besser wäre. Da sind wir zurzeit in einem E-Mail-Dialog, welche Institution das machen könnte.

Es gibt zwei Interpretationen: Die eine geht davon aus, dass Nespresso nur Zeit schinden will und nichts wirklich passiert. Die andere Interpretation: Nespresso beschäftigt sich jetzt das erste Mal wirklich mit diesen Fragen und braucht dafür Zeit. Es ist uns völlig klar, dass eine Fair-Trade-Umstellung nicht von heute auf morgen geht. Die Zeit wollen wir Nespresso auch zugestehen, aber wir wollen auch sehen, dass wirklich etwas passiert.

Wir sind nur eine sehr kleine Organisation und unsere Mittel sind begrenzt. Aber wir würden dann die 35.000 E-Mail-Schreiber und die Hundertausenden, die sich auf Youtube den Spot angeschaut haben, dazu auffordern, keine Nespresso-Kapseln mehr zu kaufen. Wenn man unbedingt Kaffee-Kapseln will, gibt es auch andere Hersteller, die Fair-Trade-Kaffee anbieten.


Boykott-Aufrufe brauchen oft sehr lang, bis sie – wenn überhaupt – Wirkung zeigen. Wenn wir Nespresso dazu kriegen, wirklich umzustellen, ist das ein viel größerer Erfolg und bringt den betroffenen Menschen mehr, als wenn einige Kaffeetrinker auf Nespresso-Kapseln verzichten.

Zum einen glauben wir tatsächlich, dass George Clooney ein Mensch ist, der sich viele Gedanken über die Welt macht. Einige seiner sozialen Projekte sind wirklich gut. Und vielleicht stellte er nun selbst einige Fragen an Nespresso und kann so etwas bewegen. Zum anderen ist es natürlich eine Marketing-Überlegung. Man schreibt lieber George Clooney eine E-Mail als dem Nespresso-Management. Sie bekommen auf diese Weise mehr Menschen dazu, sich zu engagieren.

Dieses Engagement ist aber oft nur kurzfristig und ebbt dann schnell wieder ab.

Man kann dieses kurzfristige, schnell mobilisierbare Engagement auch positiv sehen. Andere Konzerne wie Kraft und Neumann müssen sich jetzt immer im Klaren sein, dass es beim nächsten Mal sie treffen kann. Genauso wie Nespresso nun weiß, dass es ihnen jederzeit wieder passieren kann, wenn sie nicht etwas ändern. Die Konzerne müssen Angst vor einem Shit-Storm haben. Das könnte wirklich etwas verändern.

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14:35 20.09.2011

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