Die Erde hat ihn wieder

WLAN im All Warum Twitter für die Mission von Astronaut Alexander Gerst so wichtig war
Jan Pfaff | Ausgabe 46/2014
Die Erde hat ihn wieder
Wieder auf dem „Heimatplanet“ gelandet: Astronaut Alexander Gerst

Foto: Stephane Corvaja/ESA/Getty Image

Was macht ein Astronaut des 21. Jahrhunderts nach seiner Rückkehr zur Erde als Erstes? Genau, er twittert. Und so ließ Alexander Gerst unmittelbar nach seiner Landung in der kasachischen Steppe Montag früh die Welt via Kurzmitteilung an seinen Eindrücken teilhaben: „Gelandet. Die Erde riecht großartig. Und mir ist zum ersten Mal das Wort ‚Heimatplanet‘ wirklich klar geworden.“

Ein halbes Jahr hat Gerst zusammen mit einem Amerikaner und einem Russen auf der Internationalen Raumstation ISS verbracht. Sechs Monate ISS, das sind rund 100 Millionen Flugkilometer, 2.500 Umrundungen der Erde. Aus den Fenstern der Station sieht man alle 45 Minuten die Sonne auf- oder untergehen. Und Gerst gab sich viel Mühe, via Twitter und Facebook die auf der Erde Zurückgebliebenen an der Faszination des Alls teilhaben zu lassen. Während sich Astronauten bis vor einigen Jahren noch mit rauschenden, kurzen TV-Schalten aus dem Orbit begnügen mussten, ermöglicht die Internetverbindung zur ISS es heute, das schwerelose Leben an Bord ungleich direkter zu vermitteln.

Und so erobern die sozialen Netzwerke und ihre Kultur des Teilens auch jene Bereiche, die vorher der Inbegriff des Hermetischen waren, zugänglich nur für ein paar Auserwählte. Genauso stolz, wie die Fußballer nach dem Weltmeisterfinale in Rio aus ihrer Kabine Bilder der Siegesfeier twitterten, schickte Gerst von seinem Weltraumspaziergang ein Selfie. Er bemerkte, dass das All für ihn nach einer „Mischung aus Walnuss und den Bremsbelägen meines Motorrads“ rieche. Und er kommentierte den Gaza-Konflikt im Juli mit einem Bild, das Israel und Gaza bei Nacht zeigte und auf dem die Explosionen und die Leuchtspuren von Raketen zu sehen waren. „Mein traurigstes Foto“, schrieb er dazu.

Die digitale Erdverbundenheit heutiger Weltraumarbeiter dient aber auch einem ganz konkreten Zweck: Es geht um Werbung für die bemannte Raumfahrt. Diese muss sich mit ihren immensen Kosten ja immer wieder neu legitimieren. Geboren aus dem ideologischen Wettkampf des Kalten Kriegs, wurde sie nach dessen Ende zum völkerverbindenden Friedensprojekt umdefiniert. Die über 100 Milliarden US-Dollar Kosten der ISS teilten sich Amerikaner, Russen, Kanadier, Japaner und Europäer. Und der NASA-Chef beeilte sich im Mai auch zu versichern, dass die Zusammenarbeit mit den Russen in Sachen ISS trotz Ukraine-Krise weiter gut funktioniere.

Zehn Euro zahlt jeder Europäer im Schnitt pro Jahr dafür, dass die europäische Raumfahrtorganisation ESA Menschen wie Gerst ins All schicken kann. Die Akzeptanz dafür, das weiß man an der Behördenspitze genau, bekommt man nicht, indem man Studien über Bohnenwachstum in der Schwerelosigkeit veröffentlicht. Und auch nicht, indem man unbemannte Sonden auf Felsblöcken landen lässt. Das funktioniert nur über das Staunen – und Emotionen.

Alexander Gerst hat seine Sache in dieser Hinsicht gut gemacht. An den Medien-Scoop des Kanadiers Chris Hadfield reicht er aber nicht heran. An Bord der ISS nahm dieser vergangenes Jahr David Bowies Astronauten-Hymne Major Tom neu auf. Das Video, wie Hadfield mit Gitarre und weißen Socken durch die Station schwebend sang: I’m floating in a most peculiar way, schauten sich Millionen Menschen begeistert auf Youtube an. Was er damit zeigen wollte, wurde Hadfield nach der Rückkehr gefragt: „Ich wollte daran erinnern, dass da keine Maschinen ins All fliegen, sondern Menschen.“ Und die nehmen eben alles, was sie ausmacht, mit in den Weltraum.

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