Du siehst mich, du siehst mich nicht

Netzgeschichten Welches Foto von mir stelle ich auf meine Profilseite? Und welche Folgen kann das haben? Wichtige Fragen, denn Bilder können im Netz schnell ein Eigenleben entwickeln

Eine der schwierigsten Fragen des ­digitalen Lebens lautet: Welches Bild von mir stelle ich ins Netz? Kein soziales Netzwerk, kaum eine Online-Community, die nicht bei der Registrierung zum Foto-Hochladen auffordert. Es gibt aber Menschen, die befürchten, spätestens wenn das Gesichter-Scan-App fürs Google-Handy kommt, ­könnte es für jeden, der jemals ein Bild ins Netz gestellt hat, mit der Anony­mität vorbei sein.

Google soll laut ­Spiegel eine Software entwickelt haben, mit der man das Gesicht einer gerade fotografierten Person mit allen ­Bildern abgleichen kann, die sich im Netz so finden. Steht bei den Bildern ein Name, muss man sein Gegenüber nicht mehr danach fragen. Angeblich hält Google die Software aus Angst vor ­Datenschützern zurück.

Eine beliebte Alternative für jene, die sich der Gefahren des Bilderhochladens bewusst sind, aber nicht als Spielverderber mit grauem Schattenriss auf ­ihrer Profilseite auftreten wollen, war bisher simpsonizeme.com. Dort konnte man sein Foto hochladen und es in ein Comicbild im Simpson-Stil verwandeln. Die Webseite ist nun aber Opfer ihres großen Erfolgs geworden. Ruft man sie auf, findet sich nur der Hinweis, dass aufgrund der großen Nachfrage der Dienst nicht zur Verfügung stehe.

Welches Eigenleben ein eingestelltes Profilbild im Netz entwickeln kann, führt zurzeit eine schwedische Kampagne für gebührenfinanzierten Rundfunk vor. Auf der Webseite tackfilm.se kann man ein Porträtbildchen hoch­laden. Die darauf abgebildete Person avanciert in einem professionell ­gefilmten Kinotrailer zum Held. In dem Clip wird das hochgeladene Bild bei einer Pressekonferenz präsentiert, es ist als riesiges Billboard an einer Straßenecke zu sehen, und eine Film­figur hat es sogar in ihrem Portemonnaie dabei.

Die Botschaft der Viral-Kampagne ist simpel: Wer bei der schwedischen GEZ seine Gebühren ­entrichtet, ist ein Held. Die Technik ist dagegen verblüffend, sogar Schatten und Reflexionen auf dem eingefügten Bild wirken täuschend echt. Jeden Tag erstellen 500.000 Nutzer ein perso­nalisiertes Filmchen, die GEZ-Anmeldungen sind in Schweden spürbar ­gestiegen.

Der Erfolg lässt vermuten, dass in der Remixkultur des Netzes demnächst noch viel mehr persönliche ­Bilder in allen möglichen Filmen zu ­sehen sein werden. Die virale Verbreitung des ­eigenen Profilbildchens könnte dabei auch den Vorteil haben, dass sie das ­Gesichter-Scan-App von Google etwas ausbremst. Das Foto ­massenweise im Netz ohne Angabe des Namens zu ­verbreiten, dürfte der Suchmaschine das Zuordnen deutlich ­erschweren.

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