Echter Horror

Porträt Colson Whitehead gehört zu den wichtigsten Stimmen der jungen amerikanischen Literatur. Jetzt hat er einen Zombie-Roman geschrieben. Was fasziniert ihn an Untoten?
Jan Pfaff | Ausgabe 18/2014

Zigarettenpause, Colson Whitehead steht vor seinem Hotel in Berlin-Mitte und raucht. Die offenen Dreadlocks wippen, sobald er den Kopf bewegt. Gerade hat er noch Texte von Studenten korrigiert, erzählt er. Wie viele amerikanische Schriftsteller bestreitet er einen Teil seiner Einkünfte damit, kreatives Schreiben zu lehren. Er unterrichtet an der Elite-Universität Princeton. Whitehead zählt zu den wichtigsten jüngeren amerikanischen Autoren, originell im Spiel mit literarischen Genres und kunstvoll im Umgang mit der Sprache. Er drückt seine Zigarette in den Aschenbecher und führt uns zum Fahrstuhl des Hotels. Im siebten Stock gibt es ein großes Café mit ausladenden Sofaecken und Plüschsesseln. Eine ziemlich gediegene Umgebung, um sich anhand des Themas seines neuen Romans "Zone One" über Zombies zu unterhalten.

Der Freitag: Herr Whitehead, was fasziniert Sie an Untoten?

Colson Whitehead: Ich bin als Kind mit Horrorfilmen aufgewachsen, das hat mich geprägt. Zombies, wie sie in den siebziger Jahren erstmals im Kino auftauchten, sind Figuren, die uns nahe sind. Es sind unsere Eltern, unsere Familie, unsere Freunde, die eines Tages aufwachen und nicht mehr menschlich sind. Sie zeigen plötzlich ihr wahres Gesicht und wollen uns fressen. Das ist natürlich eine paranoide Vorstellung – aber dahinter steckt die Ahnung, dass Zivilisation nur etwas sehr Dünnes und Zerbrechliches ist. Ein Monster ist einfach eine Person, die aufgehört hat, anderen etwas vorzumachen.

Sie haben Hunderte von Zombiefilmen gesehen, haben Sie einmal geschrieben.

Meine Eltern hielten nichts von Verboten. Deswegen haben wir sogar als Familie am Wochenende alle zusammen Filme angeschaut, bei denen Menschen Körperteile abgetrennt wurden. Ich war zehn Jahre alt, als ich meinen ersten Zombiefilm sah. Als es dann Videos gab, liehen mein Bruder und ich uns jede Woche fünf Kassetten in der Videothek aus. Ich könnte jetzt sagen, dass meine Eltern ganz vom liberalen Geist der Siebziger erfüllt waren und uns deswegen alles schauen ließen. Aber sie haben einfach viel gearbeitet, mein Bruder und ich waren Schlüsselkinder und uns meistens selbst überlassen. Das war in meinem Freundeskreis aber normal.

Haben Sie von den Filmen keine Alpträume bekommen?

Doch, Zombie-Träume hatte ich immer mal wieder in meinem Leben. Damit verarbeitet man andere Ängste und Erlebnisse, die Zombies dienen da nur als Ventil. Aus einem Traum ist auch die Idee für Zone One hervorgegangen.

In dem Roman kämpft sich der Protagonist mit einer Spezialeinheit durch Manhattan, um die Insel nach und nach, Gebäude für Gebäude, Raum für Raum von Zombies zu befreien.

Ich hatte den Traum 2009, als es mir echt nicht besonders ging. Mein Vater war gestorben, ich lebte in Scheidung und war zu Hause ausgezogen. Ich wohnte in einem kleinen, alten Ferienhaus meiner Familie auf Long Island und Freunde besuchten mich dort. Eigentlich wollte ich allein sein, aber das konnte ich ihnen irgendwie nicht sagen. Also verkroch ich mich in meinem Bett und mied die anderen Zimmer. Damals träumte ich, dass ich nicht ins Wohnzimmer könnte, weil ich nicht wüsste, ob der Raum schon von Zombies gereinigt sei. Als ich aufwachte, dachte ich, dass das ein echtes Problem in einer postapokalyptischen Welt wäre. Wie kann man eine Gesellschaft wieder aufbauen, wenn man nicht sicher ist, ob sich noch infektiöse Untote irgendwo verstecken?

Zombiegeschichten und anspruchsvolle Literatur schließen sich doch eigentlich eher aus …

Das habe ich oft gehört, als ich an dem Buch gearbeitet habe. Ich finde den Einwand seltsam. Die Schriftsteller meiner Generation sind doch mit Comics, B-Movies und Stephen King aufgewachsen – und es ist naheliegend, mit dem zu arbeiten, was man kennt. Ich glaube, dass die immer noch vorhandene Unterscheidung zwischen hoher Kultur und Pop- oder Trashkultur verschwinden wird. In zehn Jahren spielt das keine Rolle mehr.

Zone One nimmt das Zombie-Genre jedenfalls ernst, es ist keine Satire auf Horrorliteratur.

Nein, es soll eine Satire auf unsere Gegenwart sein. Wobei die Kritik an Kapitalismus und Konsum natürlich ein fester Bestandteil der Zombietradition ist. Spätestens seit den frühen Achtzigern und Dawn of the Dead – einem der wichtigsten Filme des Genres, in dem die Überlebenden Zuflucht in einer Shopping Mall suchen.

Das Eingeschlossensein in der Shopping Mall ist in Zombiefilmen ein häufig wiederkehrendes Motiv. Warum sitzen die Protagonisten oft dort fest?

In Dawn of Dead fragt einer der Charaktere: „Warum kommen die Untoten immer wieder hierher?“ Ein anderer antwortet: „Die Shopping Mall war ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie kennen einfach nichts anderes.“

In Zone One gibt es neben den gefräßigen Zombies noch sogenannte Irrläufer. Sie sind nicht aggressiv, sondern in einer alltäglichen Tätigkeit eingefroren – ein Mann im Büro am Kopierer, eine Frau in einer Umkleidekabine.

Das ist mein Versuch, die Tradition der Kritik am Konsumerismus für das 21. Jahrhundert zu aktualisieren. Es gibt so viele Dinge, die wir jeden Tag ohne großes Nachdenken machen. Wenn wir bewusst darüber nachdenken würden, was wir wirklich wollen, würden wir sie wohl einfach sein lassen.

Das Manhattan des Romans ist von einer grauen Staubschicht bedeckt, was an die Aschewolken des 11. September 2001 erinnert. Und man erfährt viel über den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems nach der Zombie-Pandemie, was an Lehman Brothers und die Finanzkrise denken lässt.

Ja, für einen New Yorker ist es nicht schwierig, sich die Stadt nach einem Desaster auszumalen. In New York in den Siebzigern aufzuwachsen, bedeutete bereits in einer postapokalyptischen Welt groß zu werden. Die Stadt war schmutzig und heruntergekommen, die Kriminalitätsrate extrem hoch. Dann gab es die Rezession in den frühen Achtzigern, 9/11 und den Finanzcrash 2009. In der Stadt gibt es immer wieder ein Davor und ein Danach. Und irgendwann herrscht nach jedem Desaster wieder Alltag.

In Ihrem vorherigen Roman Der letzte Sommer auf Long Island haben Sie – wie es im Buch heißt – „ein Paradox“ beschrieben: schwarze Jungs, die den Sommer in ihren Strandhäusern auf Long Island verbringen.

Es gibt auf Long Island einen Ort, in dem lange überwiegend Schwarze Urlaub machten: Sag Harbor. Mein Großvater hatte in dem Ort in den Vierzigern ein kleines Haus gebaut. Dort verbrachte ich meine Sommer und spielte ausschließlich mit schwarzen Jungs. Auf meiner Highschool in Manhattan kamen dagegen auf hundert Schüler vielleicht drei, vier Afroamerikaner. Schule und Sommerferien, das waren zwei völlig verschiedene Welten.

Inwiefern?

Es gab in diesen Gruppen komplett unterschiedliche Codes. Wie man sich bewegte, wie man sprach, was man gut zu finden hatte und was nicht. Im Roman habe ich versucht, den Slang dieser Zeit wieder aufleben zu lassen.

Die New York Times feierte das Buch dafür, dass hier ein afroamerikanischer Autor einmal nicht von der schweren Jugend im Ghetto erzählt, die er überwinden musste – sondern von einer ganz normalen, sozial sogar eher privilegierten.

Das ist der Vorteil der Generation, die nach dem Civil-Rights-Movement aufwuchs. Als afroamerikanischer Autor muss ich heute nicht mehr ein Sprachrohr für alle Schwarzen sein. Vor fünfzig Jahren gab es einen, vielleicht zwei schwarze Schriftsteller in der von Weißen dominierten Literatur. Richard Wright, Ralph Ellison, später Toni Morrison. Was sie schrieben, stand für die Afroamerikaner. Heute gibt es mehr Stimmen. Und das ist gut, weil wir nicht eine Community sind. Wir sind arm oder reich, aus dem Süden oder dem Norden. Genausowenig wie es die eine weiße Erfahrung gibt, gibt es die eine schwarze.

Für die schwarze Mittelklasse der Achtziger war die Bill Cosby Show als Identifikationsangebot sehr wichtig, schreiben Sie in Der letzte Sommer.

Ja, bevor diese Sitcom in den Achtzigern ins Fernsehen kam, gab es keine Repräsentanten einer schwarzen Mittelklasse in den Mainstream-Medien. Und Repräsentanz ist wichtig. Sie verändert auf Dauer etwas, weil sie zu mehr Normalität führt. Das ist genauso, wenn es die erste Sitcom über eine alleinerziehende Mutter oder über homosexuelle Paare gibt. Darüber hinaus enthielt die Cosby Show aber keine Botschaft. Wie jede Fernsehserie zeigte sie eine Traumwelt. Das Familienleben in der Wirklichkeit war jedenfalls nicht so harmonisch.

Nach der Wahl von Barack Obama 2008 gab es in den USA viele, die hofften, nun komme die „post-racial society“, eine Gesellschaft, in der Hautfarbe keine Rolle mehr spiele. Sie kommentierten das damals lakonisch mit dem Satz: „Endlich haben wir einen dünnen Präsidenten.“

Nach der Wahl hörte man oft: „Endlich haben wir einen schwarzen Präsidenten“. Als ob das nun auf einmal alles verändern würde. Es gab viele gute Gründe, Obama zu wählen. Er kämpfte für eine progressive Sozialpolitik, er wollte eine andere Außenpolitik. Und er macht immer noch, was er kann, obwohl die Republikaner alles blockieren. Aber Obama heilt nicht den Rassismus. Und kein Schwarzer würde das je behaupten. Ich wollte nur daran erinnern, dass wir uns nichts vormachen sollten.

In Deutschland ist die Enttäuschung über Obamas konkrete Politik groß. Es gibt den NSA-Skandal, den Drohnenkrieg ...

Er ist nicht der Erlöser. Er ist nur ein Mann, der innerhalb eines ziemlich kaputten Systems arbeitet. Und die Bilanz seiner Regierung ist so durchwachsen wie diejenigen der meisten Regierungen in anderen Ländern auch. Aber trotzdem: Nach den acht deprimierenden Jahren unter George W. Bush herrscht wieder eine ganz andere Atmosphäre im Land.

Bevor Sie Romane schrieben, waren Sie Journalist bei der linksliberalen New Yorker Wochenzeitung Village Voice.

Ja, das war für mich sehr hilfreich. Ich war dort unter anderem dafür zuständig, die zugeschickten Bücherpakete zu öffnen und zu sortieren. Da kriegt man schnell ein Gefühl dafür, was ein literarisches Klischee ist: all diese autobiographischen Selbstbespiegelungen von Debütautoren und die Sex-Drugs-und-Rock’n’Roll-Romane selbsterklärter junger Wilder. Man weiß dann ziemlich genau, was man nicht schreiben will.

Sie beschäftigen sich stark mit Genres: Ihr erster Roman spielte mit der Detektivgeschichte, Der letzte Sommer ist eine Coming-of-Age-Erzählung, nun Zombies.

Ich versuche einfach, jedes Mal etwas auszuprobieren, was ich noch nicht gemacht habe. Das bewahrt mich beim Schreiben davor, mich zu langweilen. Und den Leser beim Lesen hoffentlich auch.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Ein Zombie-Roman mit Gesellschaftsanalyse

Manche Probleme in New York sind nach einer Zombie-Epidemie dieselben wie vorher: Zum Beispiel bekommt man immer noch keine Taxis. Und die restlichen Menschen kämpfen mit PABS, der postapokalyptischen Belastungsstörung. In seinem unlängst auf Deutsch erschienen Zombie-Roman Zone One (Hanser Verlag; 304 Seiten; 19,90 €) beschreibt Colson Whitehead ein von Untoten bevölkertes Manhattan, durch das sich der Überlebende Mark Spitz mit zwei anderen Mitgliedern einer Zombiereinigungseinheit kämpft.

Die klassische Splatter-Handlung mit spritzender Gehirnmasse und viel Blut wird dabei immer wieder durch Reflexionen über die Welt von einst, also über unsere Gegenwart, unterbrochen. Der Protagonist durchsucht all die Wohnungen und Büros, deren ausdifferenzierte Einrichtungsstile jede Funktion in einer Welt verloren haben, in der es nur darum geht, schnell zu schießen, um nicht gefressen zu werden. Whitehead hat so mit Zone One auch ein Porträt seiner Heimat New York geschrieben, in der selbst nach der Apokalypse die nächste Gentrifizierungswelle nicht lange auf sich warten lässt.

Geboren wurde Whitehead 1969 in New York. Er wuchs abwechselnd auf der Upper East und Upper West Side als Sohn einer schwarzen Familie der oberen Mittelklasse auf. Nach der Highschool studierte er in Harvard Literatur und arbeitete für die Wochenzeitung Village Voice. Nach dem Erscheinen seines ersten Roman lobte John Updike 2001, Whitehead sei der afroamerikanische Autor seiner Generation, den man sich merken müsse. Auf Englisch erscheint Whiteheads neuestes Buch bereits im Mai. Es ist eine Reportage übers Pokern, für die er viel Zeit in den Casinos von Atlantic City verbrachte. jap

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06:00 14.05.2014

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