Eine glückliche Beziehung

Zeitschrift "Das Buch als Magazin" verbindet Klassiker der Literatur mit der Gegenwart. Die dritte Ausgabe widmet sich Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"
Jan Pfaff | Ausgabe 19/2014 2

Mit literarischen Klassikern verhält es sich so ähnlich wie mit Denkmälern, über die Robert Musil bemerkte, dass man sie ab dem Moment nicht mehr wahrnimmt, ab dem man sie auf einen Sockel gestellt hat. Genauso hat man den kanonisierten Text wohl einmal gelesen, anschließend strategisch günstig ins Regal einsortiert, um mögliche Besucher zu beeindrucken – und dann gründlich vergessen.

Auf die Idee, sich ein zweites Mal in ihn zu vertiefen und ihn gar neu auf seinen Bezug zur Gegenwart zu befragen, kommt man ohne äußeren Anstoß nicht. Hier setzt die Idee von Das Buch als Magazin an. Der Name ist Programm. In einer modernen Magazinoptik mit aufwendigen Fotoproduktionen und edel-schwerem Papier wird ein literarischer Klassiker präsentiert. Gefolgt von journalistischen Texten „aus der Gegenwart, die dazu passen“, wie der Titel ankündigt.

Die Art-Direktorin Joanna Mühlbauer und der Journalist Peter Wagner haben in München extra einen eigenen Verlag für ihr Magazin gegründet. Nach Franz Kafkas Verwandlung und Georg Büchners Woyzeck ist jetzt das dritte Heft erschienen, das sich mit Arthur Schnitzlers Traumnovelle beschäftigt. Zu finden ist es in gut sortierten Bahnhofszeitschriftenläden.

Und es ist erstaunlich, wie gut das Konzept funktioniert. Gegenwartsbezüge herzustellen birgt ja durchaus Gefahren, vor allem kann es schnell verkrampft wirken. Wer erinnert sich nicht an angestrengte Stunden im Deutschunterricht, in denen endlos lang diskutiert werden musste, was der alte Text mit der eigenen Welt zu tun habe?

Mit Pop-Appeal

Von dieser Anstrengung findet sich nichts im Heft. Die Traumnovelle erschien 1925 kapitelweise zunächst in der Berliner Modezeitschrift Die Dame, 1926 dann als Buch. Als Magazinstrecke ins Jahr 2014 katapultiert, liest sich Schnitzlers Erzählung über Sehnsucht, Versuchung, sexuelle Wünsche und bürgerliches Eheleben frisch, anders, ja neu. Begleitet wird sie von einer Fotostrecke, die in ihrem Willen um erotische Aufladung vielleicht etwas zu sehr verschwitzte junge Menschen inszeniert – trotzdem gibt sie dem Text aber einen Pop-Appeal, den er sonst so nicht hätte.

Das ist umso bemerkenswerter, als gerade die Traumnovelle heute ja sofort andere Bilder aufruft. Durch Stanley Kubricks Eyes Wide Shut hat sie 1999 eine Aktualisierung erfahren, von der sich der Originaltext nicht so ohne Weiteres wieder lösen kann. Oder anders gesagt: Es ist gar nicht so einfach, beim Wiederlesen nicht Tom Cruise und Nicole Kidman vor dem inneren Auge zu sehen, wenn man Fridolin und Albertine durch eine Nacht im Wien der 20er-Jahre begleitet. Da helfen die neuen Magazinfotos – und angenehmerweise wird der Film auch nur kurz erwähnt.

Sporadisch über die Seiten verstreute Marginalien liefern Biografisches zu Schnitzler, ein wenig Literaturgeschichte und Erzähltheorie, aber auch Leserverrisse von der Amazon-Webseite und Hinweise auf Online-Seitensprungportale. Die Anmerkungen sind so knapp gehalten, dass klar wird: Dies ist kein Projekt für Hardcore-Philologen, sondern es zielt auf ein allgemeines Publikum, auch auf Leser ohne abgeschlossenes Literaturstudium.

Im zweiten Teil des Hefts folgen die klassischen Magazintexte, die über Begriffe wie "Sehnsucht" oder "Sexfantasien" entweder enger oder auch einmal ganz assoziativ weit mit der Traumnovelle verbunden sind. Da erklärt ein Schlagertexter, dass die Produktion von Sehnsüchten und Tagträumen vor allem eines ist: nämlich Handwerk. Eine Frau berichtet in einer Ich-Geschichte von ihrem Versuch, eine Beziehung zu dritt zu führen – und wie schmerzhaft das Experiment scheiterte.

Ein anderer Text beschreibt, wie sich die psychotherapeutische Sicht auf Träume seit Schnitzlers Zeiten verändert hat – von der Deutung des Traums durch einen Psychoanalytiker weg und hin zum Gespräch über psychische Prozesse, bei dem der Traum nur als Einstieg dient. Und ein Polizist erzählt, was die Nacht und die Dunkelheit mit Menschen machen können.

Ähnlichkeiten mit "Dummy"

In der Mischung der verschiedenen Zugänge und der optischen Umsetzung erinnert Das Buch als Magazin dabei an Dummy, das von Oliver Gehrs in Berlin herausgegebene Magazin, das bereits seit elf Jahren mit beachtlichem Erfolg erscheint. Während bei Dummy die Texte jeweils unter einem Oberthema gebündelt werden, ansonsten unverbunden nebeneinander stehen, hat Das Buch als Magazin mit dem literarischen Text aber ein klares Zentrum, um das herum sich die Beiträge anordnen.

Die Suche nach Querverbindungen zwischen altem und neuem Text eröffnet beim Lesen dabei eine zweite, reizvolle Ebene. So endet das Heft mit einer Reportage über ein Ehepaar, bei dem die Frau erblindet und der Mann ihr fortan die Welt um sie herum beschreiben muss. Zunächst denkt man: Ja, eine Ehegeschichte, das ist die Verbindung zur Traumnovelle. Aber dann erzählt diese Reportage viel über die unterschiedliche Wahrnehmung der beiden. Und darüber, welche Probleme das konkret bei der Beschreibung von Räumen und Gegenständen mit sich bringt. Und diese unterschiedliche Wahrnehmung zweier Menschen, die als Paar zusammenleben, spiegelt sich in Schnitzlers Text wider.

Wenn man den literarischen Klassiker auf diese Weise dann neu entdeckt hat, kann man Das Buch als Magazin auch irgendwann ins Bücherregal einsortieren. An strategisch günstiger Stelle, versteht sich.

06:00 21.05.2014

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