Glück gehabt

Porträt Der Schriftsteller Clemens Meyer wettet gern auf Pferde und kennt sich aus mit Zockern. Schreibt er deshalb so gut über den Wahnsinn der Welt?

Clemens Meyer wartet am Bahnsteig, an dem der ICE aus Berlin im Leipziger Bahnhof einfährt. Er trägt einen schwarzen Trenchcoat, darunter ein dunkles Jackett und ein schwarzes Hemd, lässiger Schick. Nichts zu sehen von dem Bild, welches die Medien in unzähligen Varianten von ihm gezeichnet haben: der Unterschichten-Autor, der Literaturproll, der am ganzen Körper tätowiert ist und ständig Alkoholisches trinkt. Es ist Mittagszeit, wir laufen an einer Bahnhofskneipe vorbei. „Da sitze ich schon öfter, ist aber noch zu früh für ein Bier“, sagt Meyer. Er schlägt einen Coffeeshop in der Innenstadt vor. Ledersofas und ein flacher Tisch, im Hintergrund läuft Bob Dylan.

Clemens Meyer: Das gleiche Tonbandgerät habe ich auch. Ein Sony mit großen Kassetten, für 15 Euro habe ich das gekriegt. Liegt bei mir auf dem Schreibtisch.

Der Freitag: Diktieren Sie Ihre Texte?

Das nicht. Aber wenn ich eine längere Passage fertig habe, lese ich sie manchmal laut und höre sie mir dann an. Wenn ich den Text höre, weiß ich, ob er etwas taugt oder nicht. Beim stillen Lesen habe ich eine größere Distanz.

Der Untertitel Ihres neuen Buches lautet ‚Ein Tagebuch‘. Schreiben Sie jetzt mehr über sich als über andere?

Nein, das ist kein Buch, das nur um mich kreist. Natürlich gibt es Dinge, die mich betreffen, etwa der Tod eines Freundes. Aber darin spiegelt sich auch etwas Allgemeines, das über mich als Person hinausweist. Und die meisten Geschichten erzählen von Ereignissen, die uns 2009 alle beschäftigt haben: der Mord an einem kleinen Mädchen, der Amoklauf von Winnenden. Das Buch erzählt vom Wahnsinn der Welt.

Warum haben Sie über Winnenden geschrieben?

Weil es 2009 das Ereignis war, an dem man nicht vorbeikam. Dann stellt sich natürlich die Frage: Was mache ich damit? Ich hatte schon länger die Idee, über ein Computerspiel zu schreiben, das

Wirklich verstehen kann man einen solchen Amoklauf aber nicht. Höchstens sich annähern ...

Sicher ist es schwer, das vollständig zu verstehen. Aber man kann sich schon in eine solche Figur hineinversetzen. Was sie fühlt, was sie antreibt. Derjenige, der im Buch

In einem anderen Kapitel Ihres Buchs nehmen zwei Freunde voneinander Abschied. Der eine geht in den Knast, der andere unterschreibt einen lukrativen Buchvertrag. Überlegen Sie manchmal, wie anders Ihr Leben hätte laufen können?

Ich reflektiere da den Tod eines Freundes. 2005 trennten sich unsere Wege ein wenig mehr. Unsere Leben waren vorher schon unterschiedlich, aber damals kam noch eine neue Distanz dazu. Wenn die Leute sehen, da ist einer, der hat’s geschafft, der ist erfolgreich, kann auch eine gewisse Distanz entstehen. Mein Weg wäre aber auch sonst nie wie seiner gewesen. Ich habe keine Drogen genommen, ich habe keine krummen Dinger gedreht. Ich wusste immer, dass ich schreiben will.

Das wollen viele. Nur die wenigsten schaffen es, davon zu leben. Haben Sie nie Zweifel gehabt?

Ich habe keine Zweifel zugelassen. Man muss sich ein großes Ego aufbauen. 2005 hatte ich bereits am Literaturinstitut in Leipzig studiert und mein Diplom in der Tasche. Und ich hatte das Manuskript meines Romans fertig, an dem ich sechs Jahre gefeilt hatte. Ich wusste, dass das Buch gut ist. Für mich war es nur eine Frage, wann und nicht, ob der Erfolg kommt. Wenn es noch fünf Jahre gedauert hätte, hätte ich halt Pech gehabt und so lange irgendwas arbeiten müssen. 

Verändert einen der Erfolg?

Ja, aber wie ich mich genau verändert habe, kann ich nicht sagen. Das können nur andere beurteilen. Wichtig ist ein starkes Selbstbewusstsein, sonst kann man kaputt gehen.

Über Ihre Herkunft aus dem Leipziger Arbeiterviertel Anger-Crottendorf ist viel geschrieben worden.

Ich begreife nicht, was darum immer für ein Aufheben gemacht wird. Ich komme aus einer Kleinbürgerfamilie. Mein Vater war Krankenpfleger, meine Mutter war Kindergärtnerin – was soll daran besonderes sein? Ich muss Bücher verkaufen, deswegen ist es mir recht, wenn Journalisten über mich als Schriftsteller schreiben. Alles andere interessiert mich nicht. 

Sie haben nach Ihrem ersten Buch selbst gesagt, dass Sie sich ‚aus der Vorstadt rausschreiben wollen’. Leben Sie eigentlich noch in der Wohnung in Anger-Crottendorf?

Ach, das hab ich irgendwann mal gesagt. Mag sein. Ich wohne seit zehn Jahren in dieser Zwei-Zimmer-Wohnung und habe drei Bücher dort geschrieben. Da bin ich in der Peripherie und habe meine Ruhe. Meine Freundin lebt in Berlin, deswegen bin ich öfter auch in Kreuzberg unterwegs. Aber Berlin ist anders, viel unruhiger. Viele Kneipen mit Menschen aus der Medienlandschaft. 

Hatten Sie nie das Bedürfnis, mal aus Leipzig wegzugehen?

Ich habe tatsächlich bis 2006 diese Stadt kaum verlassen. Ich bin 1997 mal ein, zwei Monate durch Spanien gereist. Das war bis dahin mein einziger Ausbruch. Mittlerweile bin ich viel unterwegs, ich mache bis zu 30 Lesungen im Jahr, bin oft im Ausland gewesen. Aber hier ganz wegzugehen, kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt da eine psychische Schranke, die ich nicht übertreten kann. 

Mit dem kommerziellen Erfolg entfernen Sie sich aber vom Leben der Figuren, über die Sie bisher geschrieben haben. Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Arbeitslose, Knackis, Drogensüchtige ...

Mir geht es nicht in erster Linie um die Figuren, sondern um gute Geschichten. Wenn ich über Menschen schreibe, denen es finanziell und gesellschaftlich nicht gut geht, dann deshalb, weil es da mehr Tragödienpotenzial gibt. Hätte ich in dem neuen Buch wieder über dieses Milieu geschrieben, dann würden die Kritiker allerdings sagen: ‚Schau an, immer dasselbe: Unterschicht, Unterschicht, Unterschicht’. In welche Richtung sich das Personal meiner Geschichten in Zukunft verändern wird, weiß ich aber nicht.

Wo sehen Sie noch Figuren mit Tragödienpotenzial?

Da gibt es viele. Jemand wie Erich Honecker hat ein großes Tragödienpotenzial, mit all dem Blut an den Händen. Und mit dieser bizarren Tragik, zehn Jahre bei den Nazis im Zuchthaus zu sitzen und dann selber solche Scheiße zu bauen, gefangen in der Ideologie und immer überzeugt, das Richtige zu tun, und dann am Ende wieder in Moabit in der Zelle. Oder nehmen wir einen Banker, dessen Finanzimperium zusammenkracht. Das hat auch dramatisches Potenzial. Ich habe bloß keine Ahnung von Bankern, aber vielleicht will ich irgendwann mal darüber schreiben und recherchiere das.

Mit Zockern kennen Sie sich zumindest aus. Sie erzählen auch von Pferdewetten und Spiel­salons. Was fasziniert Sie am Glücksspiel?

Schwierig zu beschreiben. Ich war jetzt die Tage wieder in Leipzig im Casino und habe Automaten-Roulette gespielt. Da gibt es keinen Croupier, die Maschine macht alles automatisch. Erst habe ich verloren, dann etwas zurückgewonnen und am Ende war ich leicht im Plus. Aber ich hatte das Gefühl, dass das nicht ganz koscher ist. Ich habe mal Computer-Roulette in England gespielt, da sieht man alles nur auf dem Bildschirm. Ich habe mich in einen Rausch gespielt und 300 Pfund gewonnen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Computer-Roulette zu gewinnen, erschien mir höher als hier beim Automaten-Roulette. 

Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch immer gleich hoch, oder besser: niedrig.

Theoretisch schon, aber mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Einmal kam bei dem Automaten-Roulett zehn Mal in Folge Rot – sehr unwahrscheinlich. Da müsste man dann irgendwann 500 Euro auf Schwarz setzen. Bloß wann? Wenn du das Geld verlierst, denkst du, du musst das nächste Mal 1.000 Euro setzen, um den Verlust wieder rauszuholen. So reitet man sich aber nur richtig in die Scheiße: Wenn man glaubt, man kann das System überlisten. Das Schwierigste ist auszusteigen. Am richtigen Punkt aufzuhören, kriegen nur wenige hin.

Klingt, als hätten Sie damit Erfahrung.

Ich bin kein Spieler, ich mache das nur selten. Wenn ich etwas gewinne, gebe ich das auch gleich aus. Dann kaufe ich mir etwas Schönes oder fahre mit dem Taxi nach Hause. Aber das Casino ist für mich ein Ort, wo ich Menschen beobachten kann. Menschen, wie sie hoffen, wie sie etwas riskieren, wie sie sich in etwas hineinsteigern, wie sie enttäuscht werden. Das zu kennen, gehört zum Job eines Schriftstellers.

Sie wetten auch gern auf Pferde.

Es entspannt mich. Als ich im vergangenen Jahr nachts an dem Buch geschrieben habe, habe ich manchmal früh morgens übers Internet auf Pferde in den USA gesetzt. Einfach um von der Anspannung runterzukommen. 

Sie galten lange als Außenseiter des Literaturbetriebs und haben mal gesagt: ‚Wenn die mich nicht reinlassen, trete ich halt die Tür ein.‘ Sind Sie heute etabliert? 

Das stimmt so nicht ganz: Ich habe gesagt, dass dieser Gedanke jahrelang mein Ansporn war, habe mich sozusagen selbst zitiert, als sich endlich der Erfolg einstellte! Dass ich 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen habe, hat mir sehr geholfen. Das ist einfach eine der renommiertesten Auszeichnungen. Aber Preise machen einen nicht besser oder schlechter. Manche können auch eher schaden. 

Schaden?

Man muss nur mal in die Biographien junger Schriftsteller schauen. Da steht dann ‚Preise und Auszeichnungen: …‘ und dann kommt irgendein Kram, den kein Mensch kennt. Jeder hat heute irgend­welche Preise. Ich habe meinem Verlag gebeten: ‚Bitte schreibt in den Klappentext des neuen Buches nicht alle diese Preise.‘ Es ist doch absurd, wenn man dauernd seine Preise nennen muss. Irgendwann müssen die Leute bei einem Schriftsteller sagen: Das ist der mit diesem und jenem Buch. Nicht: Das ist der mit diesem und jenem Preis. 

Das Geld ist aber schon wichtig?

Klar, das war für mich existenziell.

Bisher ging es immer aufwärts. Haben Sie eigentlich Angst, dass das irgendwann vorbei sein könnte?

Nee, ich selbst bin ja mit dem neuen Buch zufrieden. Wenn jetzt Leute kommen und sagen: ‚Was ist denn hier passiert? So geht’s nicht‘, kratzt mich das nicht. Gegenwind ist wichtig. Nur Zustimmung zu bekommen, ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Dann endest du wie Daniel Kehlmann und schreibst so etwas wie Ruhm.

Sie können also gut mit Kritik umgehen?

, ich hätte den Preis der Leipziger Buchmesse nur aufgrund meiner Exotik und meiner Milieukenntnisse bekommen, nicht aufgrund meiner literarischen Fähigkeiten. Den Namen habe ich mir auf einen Zettel geschrieben, den sollte ich mir mal einstecken. Stellen Sie sich mal vor, ich treffe irgendwo Leute, komme mit denen ins Gespräch und dann weiß ich nicht, dass die das über mich geschrieben hat. Ich will sie nicht damit konfrontieren, aber ich will um meine Feinde wissen.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Alle wollten Clemens Meyers Tattoos berühren, schrieb die Süddeutsche Zeitung im März 2008, nachdem der Autor den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Erzählungsband Die Nacht, die Lichter gewonnen hatte. Es sei die Faszination durch das ganz Andere des Kulturbetriebs, die ihn zu einem Liebling des Feuilletons mache. Meyer hatte mit hochgereckter Faust und kräftigem Schluck aus einer Bierflasche die Bekanntgabe seines Siegs bei der Preisverleihung in Leipzig gefeiert. Die Jury lobte, dass er in seinen Geschichten mit bewundernswerter Knappheit und sprachlicher Eleganz menschliche Hoffnungen auslotet. Geboren wurde Meyer 1977 in Halle an der Saale, er wuchs in Leipzig auf. Nach dem Abitur arbeitete er auf dem Bau, später als Möbelträger und Wachmann. Von 1998 bis 2003 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zeitweise lebte er von Sozialhilfe. Der Durchbruch gelang ihm 2006 mit dem Roman Als wir träumten. Darin erzählt er vom trostlosen Alltag einer Jugendclique im Leipziger Osten der Nachwendezeit. Die Kritik war begeistert.Am 11. März erscheint nun im S. Fischer-Verlag sein drittes Buch: . Eine Stiftung hatte Meyer 2009 ein Jahresstipendium mit der Auflage gegeben, ein Tagebuch zu schreiben. Herausgekommen sind aber nicht die Alltagsnotizen eines Schriftstellers, sondern ein literarisches Tagebuch. Zwar heißt der Ich-Erzähler Clemens, ist aber auch wenn es Parallelen gibt nicht mit dem Autor identisch. Die Themen der elf Kapitel sind sehr disparat: Reisen, Glücksspiele, Amokläufe, eine durchsoffene Nacht und der Versuch, Guantánamo in einem Drehbuch zu verarbeiten. Dabei schreibt Meyer immer entlang der Grenze von Realität und Wahn, Traum und Wirklichkeit. jap

10:10 10.03.2010
Geschrieben von

Jan Pfaff

Verantwortlicher Redakteur Titelthema
Jan Pfaff

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