Grüne Hoffnung

Porträt Gesine Agena will als Sprecherin der Grünen Jugend nicht nur von einer besseren Welt träumen, sondern auch was tun. Wie sieht der Politiker-Alltag einer 23-Jährigen aus?

Berlin-Kreuzberg, ein Café am Görlitzer Park, grünes Stammland. Aus den Boxen schrammelt Hardrock, am Nachbartisch drehen sich Studenten Zigaretten. Gesine Agena kommt ein paar Minuten zu spät. Am Vormittag war sie noch in Weimar auf der Klausur der Grünen-Bundestagsfraktion. Man habe über Kommunikationsstrategien gesprochen – darüber, was man dem Vorwurf der Union entgegensetze, die Grünen seien eine Dagegen-Partei. Politiker-Alltag einer 23-Jährigen.

Der Freitag: Frau Agena, wohnen Sie als Politikstudentin ganz klassisch in einer WG?

 

Gesine Agena:

Ja, in einer Zweier-WG in Friedrichshain.

 

Mit endlosen Polit-Diskussionen am Küchentisch?

 

Mein Mitbewohner studiert Informatik und ist ebenfalls bei den Grünen aktiv – klar, dass wir oft über Politik reden.

 

Da sind wir schon beim ersten Grünen-Klischee. Dieses homogene Milieu, alles Akademiker, die es sich leisten können, ein bisschen über Klimaschutz nachzudenken.

 

So homogen ist das gar nicht, wir haben in der Grünen Jugend Leute mit ganz unterschiedlichem sozialen Background. Aber natürlich entstehen aus gemeinsamen politischen Überzeugungen oft Freundschaften, die über die Partei-Arbeit hinaus gehen. Wenn ich mich mit Grünen-Politikern nicht privat auch gut verstünde, würde mir das nicht so viel Spaß machen.

 

Könnten Sie sich vorstellen, mit jemandem aus der Jungen Union in eine WG zu ziehen?

 

Oh Gott, nein. Was mich da am meisten abschrecken würde, wäre wohl das Frauenbild. Wenn man sich Fotos von deren Ver­­an­staltungen anschaut, sieht man fast nur Männer – die Frauen dürfen höchstens mal einen Blumenstrauß überreichen. Das geht gar nicht.

 

Ganz so ist es doch nicht mehr. Die Union stellt die Kanzlerin. Und selbst die CSU hat mittlerweile eine Frauenquote.

Das macht die CSU aber nicht aus echter Überzeugung. Dahinter steht kein Frauenbild, das emanzipatorisch ist. Sie macht es, weil sie merkt, dass es bei den Wählern besser ankommt. Das konservative Wertesystem verändert sich nicht so schnell – und das würde in einer WG ziemlich viel Streit geben.

Die Generation der 20- bis 30- Jährigen gilt als wenig politisch. Wann haben Sie gemerkt, dass das bei Ihnen anders ist?

Es gab nicht das eine Ereignis, es waren mehrere kleinere Erlebnisse. Auf meinem Gymnasium war ich Stufensprecherin: Es hat mich damals wahnsinnig geärgert, dass Schüler überhaupt kein Mitspracherecht bei Entscheidungen der Schulleitung hatten. Ich bin ständig an Grenzen gestoßen. Oder ein anderes Beispiel: Als ich nach dem Abitur ein Jahr nach Barcelona ging, merkte ich, dass sich Neo- Nazis dort extrem offen zeigen. Ich saß in der Schule neben einem, der hatte ein Hakenkreuz auf der Schulter. Da habe ich gemerkt: Man muss was dagegen tun.

Viele kleinere Erlebnisse, aber ein die Generation verbindendes Ereignis fehlt ...

Sicher gibt es nicht ein alle politisierendes Ereignis, wie es der Vietnamkrieg und der Tod von Benno Ohnesorg für die 68er waren. Was unsere Generation aber stark geprägt hat, ist die Globalisierung und die damit verknüpfte Ungerechtigkeit. Ich war beim Protest gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm dabei – das war ein inspirierendes Erlebnis. Weil ich da richtig gemerkt habe: Ich bin nicht allein. Da ist eine große Bewegung, bei der sich viele junge Leute engagieren. Es stimmt nicht, dass die Jungen heute nicht politisch sind. Sie haben vielleicht nur keine Lust auf Parteien – sagt zumindest die Shell-Studie –, das ist ein Unterschied. Auch bei den Castor-Transporten protestieren ja nicht nur die Urgesteine aus den 80er Jahren, sondern ganz viele Junge.

In den vergangenen Monaten hatten Sie für eine Sprecherin der Grünen Jugend sehr prominente Medienauftritte. Einladungen in Talksendungen, ein Gespräch über Castor-Proteste im

Ja, das macht Spaß.

Weil es der eigenen Eitelkeit schmeichelt?

Ein wenig Eitelkeit mag dabei sein, aber das ist nicht die Hauptsache. Natürlich könnte ich mich mit Philipp Mißfelder, dem Vorsitzenden der Jungen Union, auch privat auf einen Kaffee treffen, um ihm zu erklären, dass er Blödsinn erzählt. Aber wenn ich das in einer Talkshow bei Phoenix mache, kann ich mit meiner Botschaft viel mehr Menschen erreichen.

Wie viel Zeit in der Woche geht bei Ihnen für Politik drauf?

Muss ich mal nachrechnen: Bis Anfang Mai sind alle meine Wochenenden schon verplant mit ­Politik-Terminen. Dann habe ich montags immer von morgens bis abends Termine für die Grünen: Dienstag bis Donnerstag stehen Studium und Jobben auf dem Plan – und am Freitag muss ich die Wochenenden vorbereiten.

Hat man da noch ein Privatleben?

Schon, das muss man nur genau eintakten. Ich studiere allerdings auch nicht so zielstrebig. Alle meine Mitstudenten machen ihren Bachelor in knapp drei Jahren, ich brauche dafür mindestens vier bis fünf Jahre.

Es gibt im Netz einen Video-Clip, in dem Sie bei einer Grünen- Veranstaltung darüber sprechen, dass vor dem Klimagipfel in Kopenhagen Aktivisten verhaftet wurden. Dabei wirken Sie sehr empört, Ihre Stimme bricht. Braucht man Empörung, um Politik zu machen?

Sicher braucht man als Ausgangspunkt eine gewisse Unzufriedenheit, auch Empörung. Die entspringt ja der Empathie mit den Betroffenen. Wenn ich Bilder von hungernden Menschen im Süden sehe, macht mich das erstmal wütend – und das ist etwas, was mich antreibt. Nur darf ich nicht bei der Empörung stehen bleiben, sondern muss auch sagen, wofür ich bin. Aber das machen die Grünen auch: In Gorleben war es zum Beispiel so, dass die Leute zunächst wütend waren, weil das Endlager dort eingerichtet werden sollte. Diese Empörung hat sich dann mit der Zeit in den Kampf für erneuerbare Energien verwandelt.

Haben Sie sich mal für eine Entscheidung der Grünen geschämt?

Nein, allerdings bin ich ja auch noch jünger. Ich war vier Jahre lang nur in der Grünen Jugend. Erst 2009 bin ich dann in die Partei eingetreten, da waren die Entscheidungen zu Hartz IV und Afghanistan schon lange durch.

Die Gnade der späten Geburt?

Die Grünen haben das ja teilweise aufgearbeitet und revidiert. Im Rückblick muss ich sagen: Ich finde Hartz IV falsch. Wahrscheinlich hätte ich mich damals dafür geschämt.

Spricht eigentlich noch jemand in der Partei über Joschka Fischer? Der ist heute unter anderem Lobbyist für eine Öl-Pipeline.

Nein, der ist kein Thema mehr.

Ist er den Grünen peinlich?

Ich sage es mal so: Seine Geschäfte tragen nicht dazu bei, das Ansehen von Politikern bei der Bevölkerung zu heben.

Haben Sie Vorbilder?

Niemand speziellen, dem ich versuche nachzueifern. Ich will meinen eigenen Weg gehen.

Sie sind auf einem Bio-Bauernhof an der Nordseeküste aufgewachsen. Von dort zu den Grünen, das klingt wirklich wie das Ober-Klischee.

Das sieht geradliniger aus, als es ist. Ich komme schon aus einem sehr grünen Elternhaus, aber ich hätte auch etwas ganz anderes machen können. Meine Eltern haben mich nicht dazu gedrängt. Als ich als Teenagerin anfing, mir zu überlegen, wie die Welt aussehen soll, in der ich leben will, war es halt so, dass ich bei den Grünen die meisten Übereinstimmungen gefunden habe. In dem kleinen Ort in Ostfriesland war es damals übrigens nicht immer einfach, das Kind vom einzigen Öko-Hof zu sein.

Weil Bio noch alles andere als hip war?

Ja, das ist schon irre, wie sich das in den letzten Jahren verändert hat. Meine Vater hat 1989 mit dem Bio-Anbau von Getreide und Gemüse angefangen, damals konnten die wenigsten etwas damit an­fangen. In der Schule haben andere Kinder oft komisch geguckt, weil ich immer nur Vollkornbrote dabei hatte, nie Weißbrot. Heute ist das völlig normal.

Traktorfahren gilt bei den Castor-Protesten als beliebte Tätigkeit von Spitzenpolitikern. Da dürften Sie ziemlich fit sein.

Könnte man denken, aber ich kann überhaupt nicht Traktor fahren. Das hat mich nie so richtig interessiert. Ich habe lieber Sport gemacht oder Theater in der Schul-AG gespielt. Der Hof ist auch groß genug und es gibt genug Angestellte, so dass wir nicht immer in den Schulferien mithelfen mussten, wie man sich sonst so eine Kindheit auf dem Lande vorstellt.

Ja, ich bin seit vielen Jahren Vegetarierin. Ich fahre kein Auto, ich versuche, Flüge zu vermeiden – also lieber Urlaub an der Ostsee als im Süden.

Das ist ein großes Problem. Ich habe natürlich auch ein Handy, und da sind wahrscheinlich Mineralien drin, die unter menschenunwürdigen Bedingungen im Kongo abgebaut und mit deren Erlös neue Waffen für einen schmutzigen Krieg finanziert wurden. Aber ich brauche das Handy – schon allein, weil von einer Sprecherin der Grünen Jugend erwartet wird, dass sie erreichbar ist. Das Problem ist: Bei Handys gibt es einfach noch nicht richtige Alternativen. Ich versuche zumindest, nicht dauernd ein neues Gerät zu kaufen, um die Nachfrage nicht durch ständigen Konsum noch mehr anzuheizen.

Was ist mit den Klassikern des grünen Life-Style-Konsums: Litschi- oder Holunder-Bionade?

Weder noch, ich trinke lieber Club Mate.

Und nur fair gehandelten Kaffee?

Ja, aber der muss entgegen dem Grünen-Klischee nicht immer ein Latte Macchiato sein. Filter-Kaffee tut’s auch.

Es stimmt schon, dass viele unserer Wähler ziemlich gut verdienen. Aber sie sind auch bereit – das zeigen Umfragen –, höhere Steuern zu zahlen. Wir machen keine Klientel-Politik wie die FDP, sondern wir wollen etwa auch eine Vermögensabgabe und höhere Steuern.

Was ist mit den Leuten, die sich es nicht leisten können, im Bio-Laden einzukaufen?

Die gibt’s – und das ist ein Problem. Zugleich bin ich überzeugt davon, dass gute Lebensmittel ihren Preis haben müssen. Deswegen sage ich aber nicht, dass alles bleiben soll, wie es ist. Sondern ich trete für eine Umverteilung von oben nach unten ein, so dass es sich alle leisten können, im Bio-Markt einzukaufen.

Träumt die Grüne Jugend von einem Öko-Sozialismus?

Nein, unser Ziel ist die ‚emanzipatorische Transformation’.

Was, bitte, soll das sein?

Wir haben in unserem Grundsatzprogramm gesagt: Wir kritisieren den Kapitalismus, weil er es nicht schafft, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Aber wir sagen auch: Wir wissen nicht, welches das beste System ist. Wir behaupten nicht, es sei der Sozialismus, der Kommunismus oder der Kapitalismus.

Lieber keine Festlegung?

Wir können die Welt beschreiben, in der wir leben wollen – aber wir wollen niemandem ein System überstülpen, sondern glauben, dass die Menschen das alle zu­sammen entwickeln müssen. Deshalb treten wir für eine radikale Demokratisierung aller Lebensbereiche ein.

Aber viele Leute interessieren sich überhaupt nicht für Politik.

Das glaube ich schon. Stuttgart 21 hat doch gezeigt, dass viele Leute mitreden wollen und keine Lust mehr auf Hinterzimmer-Politik haben.

Nur wer will sich schon aus­führlich mit den Details der Gesundheitsreform befassen?

Es kommt auf die richtige Mischung aus repräsentativer und direkter Demokratie an.

Wenn man sieht, wie viel Zuspruch Thilo Sarrazin mit seinen kruden Thesen bekommt, gruselt es einen doch beim Gedanken an direkte Demokratie.

Das ist schon gruselig. Aber da muss es dann der Anspruch sein, dagegen anzukämpfen und mit den besseren Argumenten eine offene Gesellschaft zu schaffen.

Das Gesp

räch führte Jan Pfaff 

An der Universität Potsdam studiert Gesine Agena Politik und Soziologie. Sie wurde am 17. Juli 1987 in Norden in Ostfriesland geboren und wuchs auf dem Bioland-Bauernhof ihrer Eltern auf. 2005 trat sie in die Grüne Jugend ein und gründete zusammen mit Freunden eine eigene Ortsgruppe. Nach dem Abitur 2007 zog sie nach Berlin und machte Praktika bei einem Bundestagsabgeordneten und in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen Jugend.Im Oktober 2009 wurde Agena in einer Kampfkandidatur zu einer der zwei Sprecherinnen der Grünen Jugend gewählt. Im vergangenen Oktober wurde sie mit 83 Prozent der Stimmen in diesem Amt bestätigt. Als Sprecherin nimmt sie an den Sitzungen des Bundesvorstands, des Parteirats und der Bundestagsfraktion der Grünen teil.

Die Grüne Jugend (GJ) ist eine Teilorganisation der Grünen, versteht sich aber laut ihrer Webseite als ein eigenständiger, kritischer und unabhängiger Verband, der die Mutterpartei auch kritisiere und eigene Positionen einnehme. Die GJ wurde 1994 in Hannover gegründet und hat heute knapp 8.500 Mitglieder darunter auch viele Schüler. Damit ist die Organisation deutlich kleiner als die Jusos (78.000) und die Junge Union ( 125.000). Während man dort bis 35 Mitglied sein kann, endet die Mitgliedschaft bei der GJ automatisch mit 28. Inhaltlich positioniert sich die Nachwuchsorganisation links von den Grünen. Im Selbstverständnis genannten Grundsatzprogramm heißt es, man sei Teil einer kapitalismuskritischen Bewegung. Wie ein anderes, ökologisch verträgliches Wirtschaftssystem genau aussehen könnte, bleibt aber weitgehend offen. jap

13:00 28.01.2011

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